> > > Heinrich Ignaz Franz Biber: Rosenkranzsonaten: Gunar Letzbor, Ars Antiqua Austria
Mittwoch, 5. August 2020

Heinrich Ignaz Franz Biber: Rosenkranzsonaten - Gunar Letzbor, Ars Antiqua Austria

Höhenmarke


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die zweite Version von Bibers gewaltigem Sonatenwerk, von Gunar Letzbor und Ars Antiqua Austria auf höchstem interpretatorischen Niveau gespielt, reif, reflektiert und gerundet.

Der famose Geiger Gunar Letzbor und sein Ensemble Ars Antiqua Austria haben sich nach einer ersten Einspielung 1996 zum zweiten Mal die 'Rosenkranzsonaten' von Heinrich Ignaz Franz Biber vorgenommen – jenes Monument virtuoser, zugleich geistig wie geistlich durchglühter Violinkunst des Barock, das heute vielen als Höhenmarke des Repertoires wie der Instrumentalgeschichte gilt. Damals, beim Label Arcana, hatte Letzbor mit seinen Mitstreitern den Weg überaus farbiger und variantenreicher Besetzung des Basso continuo aus vormaliger Einförmigkeit gewählt und damit für die Interpretation der Biber-Sammlung eine neue Richtung der Rezeption und Ausführung eröffnet. Ein eminenter Erfolg für Letzbors erste Solo-Aufnahme, ein echter Meilenstein, der den Künstler in seinem selbstbewusst-reflektierten Ansatz deutlich bestärkt haben dürfte und der mithalf, sich den Weg durch Repertoire abseits des Mainstreams zu bahnen.

Jetzt also, nach dieser vielfarbigen Varianz, ist die zweite Version bei Pan Classics erschienen. Und sie bietet so etwas wie die Konzentration auf das Wesentliche, den gereiften Zugriff auf dieses Gipfelwerk der Violinliteratur. Und das schon in der Besetzung sehr gesammelt: Neben Letzbors Violine ist eine von Erich Traxler gespielte Orgel zu hören, dazu ein Violone, gespielt von Jan Krigovsky und Hubert Hoffmann auf einer Theorbe: Dieses bestimmende Dreieck weist freilich Besonderheiten auf.

Erlesene Könner im Ensemble

Die Orgel ist mit einem 8-Fuß-Register ausgestattet und auf diese Weise eine tatsächlich prägende Größe, zeichnet sehr deutlich, grundiert füllig und nimmt sich ganz selbstverständlich Raum, beansprucht einen sehr wesentlichen Teil der Gesamtwirkung für sich, von Erich Traxler gelassen und geduldig in dieser Funktion geführt. Hubert Hoffmanns Theorbe gliedert und umspielt, sie färbt den Klang und verleiht dem Geschehen Impulse, als gleichfalls wesentliches Element. Jan Krigovsky spielt seinen Violonen-Part sonor und angenehm füllig, zeigt sich selbstbewusst neben den anderen Instrumenten.

Dazu wird in drei der Sonaten noch eine ‚Spezialität‘ eingeführt: Das sogenannte ‚Salzburger Lautencontinuo‘, hier neben Hoffmann mit Lee Santana und Daniel Oman gewichtig besetzt. Hintergrund ist, dass in Bibers Umfeld durchaus Lauten verschiedener Größen im Einsatz gewesen sein dürften, speziell aus Salzburg bekam dieses Praxis Impulse und strahlte auf weitere kulturelle Zentren der Region aus. Nach diesem Vorbild kommen drei unterschiedlich große Lauteninstrumente zum Einsatz: Eine Colascione spielt die Basslinie, ein theorbiertes Lauteninstrument spielte akkordisch und eine kleinere improvisierte darüber eine verzierte Oberstimme. Hoffmann, Santana und Oman verleihen ‚ihren‘ Sonaten mit dieser maßvoll aufgefächerten Klanglichkeit Tiefenstruktur und delikate Substanz, veredeln den Reiz, der von der Musik ohnehin ausgeht.

Souveräner künstlerischer Kopf des Ganzen

Gunar Letzbors Spiel ist getragen von einem vollen, modulationsfähigen, oft subtil leuchtenden Ton. Technisch ist er nach Jahrzehnten reifenden Könnens über jeden Zweifel erhaben; auch Höchstschwierigkeiten sind in den Fluss integriert, wirken souverän bewältigt. Und auch solchen Passagen, denen die Ambition prägend ist, gewinnt Letzbor musikalischen Gehalt ab, meisterlich in Haltung und Ertrag. Doch bei aller auch in dieser neuen Einspielung der 'Rosenkranzsonaten' zu erlebenden Virtuosität ist es doch charakteristisch, dass Letzbor und seine Mitstreiter mögliche Extravaganzen fortlassen. Nicht Verzierungen um jeden Preis werden angestrebt oder Aufreger und Knalleffekte. Hier geht es um den Kern, um die Verinnerlichung im Angesicht der Intensität des geistigen und ästhetischen Wollens und Vermögens des Komponisten und seiner Weltsicht.

Doch muss niemand fürchten, dass wesentliche Biber-Merkmale nicht zu erleben wären: Da sind die Kontraste in den Tempi, neben ruhigem Voranschreiten Phasen eruptiver Intensität, in der die Violine kleinteilig flirrt. Auch dynamisch wird auf engstem Raum Disparates ermessen: Neben beinahe impulsloser Ruhe steht unvermittelt krachende Klangmanifestation. All das wird vom Aufnahmeort, dem Sommerrefektorium des Stiftes St. Florian, wunderbar getragen: Hochkonzentriert und gesammelt in der Wirkung ist es ein Ort, der die wunderbare Balance von Klarheit und stimmiger Disposition auf der einen sowie maßvoller räumlicher Expansion und der nur daraus entstehen könnenden Krone solcher Musik auf der anderen Seite fast magisch hält. Gunar Letzbor betont in seinem umfassenden, ebenso kundigen wie persönlich grundierten Einführungstext das mit Blick auf die Intonation Heikle des Zyklus. Und er spielt konsequent, besenreinen Wohlklang ohnehin ablehnend, mit den durch die Skordaturen der Violine bedingten Farben und Spannungen, sehr gezielt und offensiv, in dem sicheren Wissen, damit einem Ziel Bibers zu folgen. Gerade in diesem Punkt ist Letzbor in seinem Text nachdrücklich; er argumentiert umfangreich zum Klang der Violine, zum Stimmsystem der Skordaturen: Was macht das mit dem Idealklang eines Instruments, was mit dem Verhältnis zu den begleitenden Instrumenten?

Weiterung: Die Frage nach dem Glauben

Letzbor zeigt sich aber nicht nur instrumental reif und reflektiert, auch darüber hinaus ist er wissend, dabei noch immer fragend. Und er ist sich sicher: Es gibt mehr – in dieser besonderen Musik, in der Welt überhaupt –, das dem üblichen Zugriff des Verstehens und Erfassens entzogen bleibt. Die Platte ist eine Einladung, sich mit Bibers Musik auch zu diesen Themen zu positionieren. Letzbor weicht auch der Frage nach dem persönlichen Glauben des Interpreten wie des Hörers im Kontext dieser Musik nicht aus: ‚Je älter ich werde, umso überzeugter bin ich, dass nur ein gläubiger Mensch die 'Mysteriensonaten' interpretieren und in all ihren Dimensionen erfassen kann. Natürlich bietet auch die gekonnte Wiedergabe rein der Oberfläche eines Meisterwerkes einen sinnlichen Genuss. Die besondere Tiefe dieses außergewöhnlichen Kunstwerkes kann aber nur über unbewusste Kanäle (viel über die Klangfarbe) vermittelt werden. (…) Erst wenn die Seele berührt ist, kann der Interpret künstlerische Techniken einsetzen, um diese Berührtheit zu vermitteln. Ohne Sauerstoff kein Leben! Muss der Zuhörer gläubig sein? Da bin ich mir nicht sicher. Rührung ist abstrakt und wird unbewusst von der Seele des Musikers in die Seele des Zuhörers verpflanzt. Man kann sich dagegen eigentlich nicht wehren. (…) So wie man den inneren Gehalt eines Bildes nicht mit Worten beschreiben, sondern nur erfühlen kann, so wird der Gehalt der 'Mysteriensonaten' nie geistig erfasst werden können, er kann nur als mystisches Ereignis in Demut erlebt werden. Rührung vom Herz zum Herzen – ein Mysterium!‘ Nachvollziehbar ist Bibers Werk für Letzbor und seine Mitstreiter also deutlich mehr als nur großartige Musik.

Die zweite Version von Bibers gewaltigem Sonaten-Werk auf höchstem interpretatorischen Niveau, reif, reflektiert und gerundet. Eine Summe des bisherigen Weges Gunar Letzbors mit Ars Antiqua Austria? Vielleicht. Mit Sicherheit kein Schlusspunkt, sondern eine eindrucksvolle Markierung auf einem langen Höhenweg.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Heinrich Ignaz Franz Biber: Rosenkranzsonaten: Gunar Letzbor, Ars Antiqua Austria

Label:
Anzahl Medien:
Pan Classics
1
Medium:
EAN:

CD
7619990104099


Cover vergössern

Biber, Heinrich Ignaz Franz


Cover vergössern

Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Pan Classics:

blättern

Alle Kritiken von Pan Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Gesualdo mit Methode: Graindelavoix mit einem neuerlichen Statement gegen vokale Hochglanzkunst, dieses Mal bei Carlo Gesualdo. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Chorsinfonisches Meisterwerk: Nach dem 'Stabat Mater' nun mit der fünften Sinfonie wiederum fantastisch qualitätvolle Musik des Schotten James MacMillan, von The Sixteen und der Britten Sinfonia mustergültig interpretiert. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Jugendlich: Mit Johann Cyriacus Kielings Matthäus-Passion hören wir das Beispiel einer mitteldeutschen Passion vor Bach – ein Stück, das oft einen eigenen Reiz entfaltet und sichere Wirkung macht. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kroatische Musiktragödie: Die kroatische Nationaloper 'Nikola Subic-Zrinjski' entfaltet auch außerhalb des Landes ihre musikalische Wirkung. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Gesualdo mit Methode: Graindelavoix mit einem neuerlichen Statement gegen vokale Hochglanzkunst, dieses Mal bei Carlo Gesualdo. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Prokofjew einmal sanft: Margarita Gritskova und Maria Prinz präsentieren eine Auswahl der selten zu hörenden Lieder Sergej Prokofjews. Ihre Deutung ist facettenreich, doch der sanfte Aspekt überwiegt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Reinecke: Symphony No.3 op. 227 in G minor - Finale. Maestoso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich