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Dienstag, 27. Juli 2021

Kapp/Lüdig/Lemba: Orchestral works - Estonian National Symphony Orchestra, Neeme Järvi

Estnische Entdeckungen


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Drei estnische Komponisten auf den Spuren der Romantik: Neeme Järvi und das Estnische Nationale Symphonieorchester überzeugen vor allem mit Werken von Mihkel Lüdig und Artur Lemba, weniger mit denjenigen von Artur Kapp.

Neeme Järvi, vermutlich der berühmteste Dirigent Estlands, blickt auf eine gewaltige Diskographie zurück. Es wäre eine echte Herkulesaufgabe, alle seine Einspielungen aufzulisten. Järvi, der schon seit vielen Jahren US-Staatsbürger ist, hat sich immer besonders für Komponisten Skandinaviens und der baltischen Länder eingesetzt; ob man bei einem so produktiven Musiker überhaupt von einem Schwerpunkt sprechen kann, sei dahingestellt. Wenn ja, dann liegt einer dieser Schwerpunkte auf der Musik seiner estnischen Heimat.

So hat er die Symphonien seines Landsmannes Eduard Tubin (1905–1982) aufgenommen, aber auch Stücke weniger bekannter estnischer Tondichter wie Heino Eller oder Artur Lemba. Letzterer ist auch auf vorliegender CD präsent, und zwar mit seinem ersten Klavierkonzert, das von Mihkel Poll interpretiert wird. Daneben stehen Artur Kapp (1878–1952) mit seiner vierten Symphonie und dem kurzen Orchesterstück 'Viimne piht' sowie Mihkel Lüdig (1880–1958) mit zwei Ouvertüren und einem weiteren Orchesterwerk. Für alle drei Komponisten gilt, dass sie schon zu Lebzeiten allenfalls regionale Größen waren und inzwischen vollständig in Vergessenheit geraten sind. Hat Järvi also hier echte Entdeckungen geleistet oder nur den Beleg für das berechtigte Verschwinden in den Archiven? Er leitet – wie könnte es auch anders sein – das Estnische Nationale Symphonieorchester.

Prachtvoller Klang

Lüdigs 'Phantasie-Ouvertüre Nr. 2' entstand 1945 und orientiert sich (wie auch die symphonische Szene 'Mittsommer' und die erste Phantasie-Ouvertüre) hörbar am Vorbild Tschaikovsky. Geschickte dramaturgische Steigerungen und eine raffinierte Instrumentation lassen alle drei Stücke effektvoll wirken, zumal Järvi und die estnischen Musiker mit Feuereifer bei der Sache sind und den Schwung vor allem der beiden Ouvertüren voll auskosten. Der prachtvolle Klang trägt das Seine zum positiven Gesamteindruck bei. Auch Lembas erstes Klavierkonzert wandelt auf den Spuren der (deutschen und russischen) Romantik und bietet dem kraftvoll zupackenden Solisten Mihkel Poll alle Annehmlichkeiten, die sich ein Pianist von einem Konzert wünschen kann: Oktav- und akkordlastiges ‚Virtuosenfutter‘ in den Ecksätzen und viel Raum zur melodisch-lyrischen Entfaltung im Mittelabschnitt 'Andante con espressione'. Da Järvi das Orchester ausreichend zurückhält und Poll sich voll entfalten kann, gelingt eine rundum überzeugende Interpretation. Wie Lüdig hat Lemba kaum einen eigenen, unverwechselbaren Tonfall ausgeprägt, die Werke sind nichtsdestotrotz gut gearbeitet und allemal hörenswert.

Wenig Abwechslung

Etwas schwieriger wird es bei den beiden Kompositionen von Artur Kapp, 'Viimne piht' ('Das letzte Geständnis') für Violine und Streicher sowie der vierten Symphonie. Beide Stücke hinterlassen einen etwas unverbindlichen Eindruck, bei ersterem gibt es immerhin noch das sehr schöne Violinspiel von Triin Ruubel zu bewundern. Die Symphonie aber zieht sich allzu sehr in die Länge und wirkt auch etwas einfallslos instrumentiert, handwerklich wirkt Kapp deutlich schwächer als seine beiden Kollegen. Järvi macht mit flotten Tempi das Beste aus der nur leicht überdurchschnittlichen Symphonie, deren Problematik unter anderem in zwei aufeinanderfolgenden Andante-Sätzen an zweiter und dritter Stelle steht; man vermisst hier schlicht die Abwechslung. Anders als bei Lüdig und Lemba ist es – zumindest nach Kenntnisnahme dieser Symphonie – bei Kapp verständlich, dass sein Schaffen in Vergessenheit geraten ist.

Wer höchste Originalität als einzigen Maßstab an Musik anlegt, wird dieser Veröffentlichung nicht viel abgewinnen können. Für alle Musikfreunde, die stets auf der Suche nach Abwechslung vom Standard-Repertoire sind, ist die CD aber dennoch lohnenswert, vor allem Lembas erstes Klavierkonzert macht neugierig auf weitere Werke dieses Tondichters. Järvi darf für sich in Anspruch nehmen, allen drei Komponisten mit einer erstklassigen Interpretation zumindest die Chance geboten zu haben, dem Vergessen entrissen zu werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kapp/Lüdig/Lemba: Orchestral works: Estonian National Symphony Orchestra, Neeme Järvi

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD
095115215029


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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