> > > Furtwängler: Symphonie Nr. 2: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Eugen Jochum
Montag, 28. September 2020

Furtwängler: Symphonie Nr. 2 - Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Eugen Jochum

Requiem für Furtwängler


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen.

Der ungemein produktive Dirigent Wilhelm Furtwängler scheint dem Komponisten Furtwängler lange im Weg gestanden zu haben und noch zu stehen: Man kann sich leicht in die Beethoven-Lesart im Lauf seiner dirigentischen Karriere vertiefen oder seine Sicht auf Bruckner und Wagner kennenlernen – eine ungebrochene und vielgestaltige Rezeption des eigenen sinfonischen Werks hat es dagegen nie gegeben. Furtwängler selbst hat seine Werke dirigiert, in späten Jahren durchaus mit dem Verdruss verbunden, dass die Leute doch nur kämen, um den Dirigenten zu sehen, wie er seine Musik aufführe. Doch haben mit der Staatskapelle Weimar und George Alexander Albrecht sowie vor allem Daniel Barenboim mit dem Chicago Symphony Orchestra auch Stimmen der Gegenwart für Furtwänglers Sinfonik plädiert.

Zu messen sind diese Einspielungen der 2. Sinfonie e-Moll an Aufnahmen des Komponisten selbst. Und es gibt noch ein relevantes Dokument, das Anfang Dezember 1954 entstand, wenige Tage nach Furtwänglers Tod. Die 1944/45 abgeschlossene Sinfonie stand auf dem Programm des erst 1949 gegründeten Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und seines Chefdirigenten Eugen Jochum. Der hatte zuvor vergeblich versucht, seinen früheren Förderer Furtwängler dazu zu bewegen, seine Sinfonie selbst in München zu dirigieren. Dessen Absage erfolgte neben dem bereits erwähnten Grund auch wegen seiner Verbindung zu den Münchner Philharmonikern, die sich durch die junge und gut alimentierte Konkurrenz vom Rundfunk offenbar unter Druck sahen – und Furtwängler zeigte sich solidarisch mit seiner älteren Verbindung, verzichtete auf Dirigate beim Münchner Rundfunk. Und so kam es, dass Jochum gleichsam das Requiem für seinen früheren Mentor dirigierte, live mitgeschnitten und nach einer Publikation zum 60. Gründungstag des Orchesters neuerdings wieder beim Eigenlabel BR Klassik des Bayerischen Rundfunks verfügbar.

Zur Komposition

Oft wird zur Beschreibung des spätromantischen, man könnte vielleicht noch zugespitzter sagen: letztromantischen Stils Furtwänglers das Beispiel Mahlers oder Bruckners als Vergleich herangezogen, seltener das Regers oder auch Brahms'. Mit Blick auf Mahler kann es maximal die dirigentisch-kompositorische Doppelbegabung sein, die verfängt – musikalisch trennen die sinfonischen Stile Welten. Lohnender ist der vergleichende Blick bei Bruckner: Die geschickte Disposition der Mittel, die wellenartigen Steigerungen, manche Blechakkumulation mit Anklängen an das Moment des Choralen, die harmonische Komplexität, die Neigung, Spannungsmomente mit Generalpausen jäh aufzulösen und hernach unbefangen und unbelastet neu anzusetzen – all das zeichnet nicht nur Bruckner aus. Und doch gibt es eminente Unterschiede: Mit Blick auf die – zugegeben: bei Bruckner gelegentlich fast zwanghaft eng geführte – formale Gliederung, die architektonische Ambition und vor allem das Moment der rhythmischen Pointe hat Bruckner klar die Nase vorn.

Furtwänglers breitwandige, in vier langen Sätzen und rund 80 Minuten ausformulierte Musik ist durchaus attraktiv. Doch mangelt es ihr insgesamt an Prägnanz. Die lineare Erfindung ist über weite Strecken schütter und verbleibt gestenhaft. Selbst Brahms – im Vergleich zu manchem Zeitgenossen nicht eben als Melodiker bekannt – ist in dieser Hinsicht weit avancierter, dazu in der Lage, aus einem Einfall das Maximum an Wirkung und substanzieller Kraft zu gewinnen. Diesen letzten Aspekt hat Furtwängler selbst durchaus an Brahms bewundert, wenn er sagt: ‚Brahms vermochte es, eine Melodie zu schreiben, die bis in die kleinsten Biegungen hinein sein Eigentum war und doch wie ein Volkslied klang.‘ Vergleichbares lässt sich über Furtwänglers zweite Sinfonie nicht sagen. Auch formal bleibt manches im Dunkeln, das sich vielleicht lesend vermittelt, hörend jedoch nicht in gleichem Maße. Dazu ist auffällig, dass die Qualität der Hauptthemen nicht unbedingt erstrangig ist und es wiederum an Prägekraft mangelt.

‚Von Vorgaben abhängig‘

Der Dirigent und Musikwissenschaftler Peter Gülke hat das auf den Punkt gebracht: ‚Wie er dirigierend komponierte, komponierte er dirigierend. Nicht nur zeigt sich, schon in seinen Vortragsanweisungen, der Meister verknüpfender Übergänge und großbogiger Entwicklungen, er erweist sich in einer fürs thematisch-dialektische Geschehen gefährlichen Weise als von Vorgaben abhängig. Was für den Dirigenten Furtwängler die Partitur, ist für den Komponierenden das Gefüge der durch die klassisch-romantischen Traditionen kanonisierten Verbindlichkeiten. Diese setzt er so selbstverständlich voraus, dass er genau das versäumt, was er musizierend immerfort beobachtet bzw. versucht – ein ab ovo, eine auf möglichst wenig Vorfixierungen angewiesene Legitimierung des Hervorgebrachten.‘

Diese Beobachtung erscheint dem Rezensenten nach dem Hören dieser Platte absolut einleuchtend. Ja, Furtwängler setzt voraus, er schließt an etwas an, das schon ein halbes Jahrhundert zuvor zu finalem Ringen herausgefordert war. Es soll hier nicht ästhetische Kritik geübt werden. Doch ist auffällig, wie sehr Furtwängler komponierend einem klanglichen Ideal verbunden war, das er nicht mehr durchgehend mit einem individuellen kreativen Impuls zu versehen vermochte, auf dass etwas zu eigener künstlerischer Lebendigkeit Inspiriertes entstehen konnte.

Dazu sind die einzelnen Sätze nicht sehr konturscharf charakterisiert. Nummer eins 'Assai moderato', der zweite 'Andante semplice' und das Finale ähneln sich erstaunlich; der dritte Satz punktet dagegen mit knackigen Eigenarten, vor allem im Allegro-Teil interessieren scharfe Blechfanfaren und beunruhigend untergründige Figuren im Orchestersatz – hier ist Furtwänglers Stimme am originellsten.

Ansprechende Orchesterleistung

Eugen Jochum hatte 1954 mit seiner Orchesterneugründung eine ansprechende Orchesterkultur erreicht. Man reüssiert mit den von Furtwängler reichlich geforderten Manifestationen des tiefen Blechs; insgesamt entfaltet sich ein der Charakteristik der Sinfonie angemessene Düsternis, aufgehellt zu mancher Holz-Passage hin – eine breite affektive Palette. Jochums ‚Handschrift‘ ist klar erkennbar: Er hat ein äußerst diszipliniertes, präzises Ensemble geformt, das mit den weitläufig angelegten Steigerungen auch in Sachen dynamischer Kontrolle punkten kann – eine Qualität, die Jochum auch in seinen noch heute mehr als beachtenswerten Bruckner-Interpretationen verlässlich abgerufen hat.

Einzelne Streicherfiguren, zumal bewegtere, sind gelegentlich nicht perfekt konzentriert im Register. Dafür bereiten die geduldige Explikation längerer Entwicklungen sowie die sorgfältige Entfaltung der kleinschrittigen, nicht sehr scharf gezeichneten Themen Freude. Das Klangbild dieser Live-Aufnahme aus dem Herkulessaal der Residenz ist erwartbar zwiespältig. Die hohen Streicher brillieren, das Blech blitzt. Das Holz wirkt dagegen seltsam isoliert, gelegentlich gar verloren; Mittelstimmen insgesamt sind im Tutti nicht kenntlich genug. Volle dynamische Entfaltung mit Einsatz der Pauken ist problematisch; satztechnische Feinheiten wie Pizzicati sind nicht klar genug gefasst. Klangliches Fazit: Man kann Furtwänglers zweite Sinfonie sicher mit diesem Tondokument kennenlernen, sollte aber nicht zu hohe Erwartungen an die klangliche Wirkung haben.

Dafür ist die Aufnahme an Aura und Momentum schwer zu überbieten: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie zu einer besonderen. Eine Musik, die ästhetisch sicher an Bruckner und dessen Finalität des Romantischen im Angesicht der Herausforderungen zukunftsgewandter musikalischer Schöpferkraft orientiert ist. Und zugleich verständlich werden lässt, warum sie keine stabile, eigene Renaissance bekommt. Ironie der Musikgeschichte: Heute ist es der unvergessene Dirigent Furtwängler, der dem Komponisten desselben Namens zumindest gelegentlich zu Präsenz verhilft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Furtwängler: Symphonie Nr. 2: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Eugen Jochum

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
25.10.2010
082:52
1954
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4035719007022
900702


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Furtwängler, Wilhelm


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"Wilhelm Furtwängler genießt heutzutage legendären Ruf als einer der bedeutendsten Dirigenten. Er selbst hätte sich jedoch mehr gewünscht, als Komponist in die Musikgeschichte einzugehen. Dies führte so weit, dass er die Einladung Eugen Jochums ablehnte, mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks seine eigene 2. Symphonie aufzuführen, weil er fürchtete, das Publikum käme nur, um ihn als Dirigent zu erleben – nicht aber um der Komposition willen. Eugen Jochum entschied daraufhin, das Werk im Dezember 1954 selbst zu dirigieren. Tiefere Bedeutung erhielten diese beiden Konzerte dadurch, dass Furtwängler, der zu Proben und Konzert eingeladen war, wenige Tage vor dem Aufführungstermin überraschend starb und so die Aufführung zu Gedenkfeiern für den großen Musiker wurden. Furtwänglers Kompositionen stehen in der Tradition von Bruckner, Wagner und Reger. Seine 2. Symphonie sprengt sogar die Dimension der meisten Bruckner-Symphonien und führt das musikalische Material der Spätromantik in Riesen-Architekturen an die Grenzen seiner Tragfähigkeit. Furtwängler schrieb das Werk in der Phase des Zusammenbruchs des Nazi-Regimes, in den Jahren 1944 und 1945, als er bereits in die Schweiz übergesiedelt war. Eugen Jochum, bis dato Generalmusikdirektor der Stadt Hamburg, hatte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Auftrag des Senders 1949 gegründet und sollte ihm bis 1960 als Chefdirigent vorstehen. Bereits in dieser ersten Phase seines Bestehens empfing das Orchester bedeutende Gastdirigenten wie Igor Markevitch, Ernest Ansermet, Ferenc Fricsay und Clemens Krauss an seinem Pult. "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 150 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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