> > > Paul Hindemith: Kammermusik: Kronberg Academy Soloists, Christopher Park, Bruno Philippe
Freitag, 3. Juli 2020

Paul Hindemith: Kammermusik - Kronberg Academy Soloists, Christopher Park, Bruno Philippe

Tonschönheit ist keine Nebensache


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vier Werke Hindemiths aus den wilden 1920er Jahren zeigen, dass man die Tonschönheit bei ihm keineswegs als Nebensache betrachten muss – auch wenn der Komponist es einmal forderte.

Eine genaue Definition des Begriffes Kammermusik ist schwierig. Wo endet die Kammermusik, wo beginnt das Kammerorchester oder Ensemble? Musikwissenschaftler arbeiten sich gerne an solchen Begriffsklärungen ab, während viele Komponisten sich weniger um eine präzise Bestimmung scheren. Paul Hindemith beispielsweise setzte seine ausdrücklich als Kammermusik bezeichneten, aber auch als Solokonzert interpretierbaren Werke, die auf dieser CD versammelt sind, genau in diesem Spannungsfeld an: Die 'Kammermusik Nr. 1' ist für zwölf Soloinstrumente komponiert, könnte also auch als ein Konzert für (kleines) Orchester verstanden werden. Die 'Nr. 2' wurde ausdrücklich 'für obligates Klavier und 12 Soloinstrumente' komponiert, die 'Nr. 3' für Cello (und diesmal 10 statt 12 Instrumente).

Nicht mehr dieser Nummerierung folgt die 'Kleine Kammermusik' op. 24 Nr. 2 für fünf Bläser – ein Werk, das jeder andere Tondichter vermutlich als Bläserquintett bezeichnet hätte. Hindemith, so darf man vermuten, hatte schon aufgrund seiner ausdrücklich anti-romantischen Grundhaltung auf alle Assoziationen, die dieser Begriff mit sich bringt, verzichten wollen – deshalb wohl die etwas umständliche Bezeichnung. Letztendlich geht es ja jenseits solcher Diskussionen auch immer um die Frage: Wie klingt das Werk, was bietet es den Musikern, was bietet es dem Hörer? Christoph Eschenbach hat sich mit Solisten der Kronberg-Akademie und des Schleswig-Holstein-Musikfestivals den vier genannten Werken angenommen.

Schwung und Präzision

Die 'Kammermusik Nr. 1' weicht von der üblichen Ensemble-Besetzung durch ein Akkordeon ab, das allerdings nur punktuell eingesetzt wird. Nach drei knappen Sätzen gipfelt das Werk in einem ausdrücklich 'lebhaft' zu spielenden Finale, das hohe technische Anforderungen an alle zwölf Musiker stellt. Denkbar groß ist hier der Kontrast zum vorangehenden 'Quartett' für drei Holzbläser und einen Stab des Glockenspiels. Die Musiker bewältigen das Werk mit Schwung und Präzision, das Klangbild ist jedoch nicht optimal. Insbesondere Trompete und Schlagzeug treten recht stark hervor. Als musikalisches Abbild der ‚Wilden Zwanziger‘ hinterlässt das Stück dennoch einen positiven Eindruck, inklusive einer überraschenden Fabrik-Sirenen-Imitation im Finale. Die einstige Schockwirkung, die das Werk auf ein Publikum vor knapp hundert Jahren gehabt haben dürfte, hat sich heute allerdings verbraucht.

Die 'Kammermusik Nr. 2' entpuppt sich mehr oder weniger als viersätziges Klavierkonzert, hinkt in ihrer Ausdruckskraft aber den besten Konzerten der Zeit (etwa von Bartók oder Prokofiev) doch deutlich hinterher. An einigen Stellen wirkt das Stück beinahe monoton, wenn Spielfiguren einfach nacheinander ablaufen. Solist Christopher Park kann man daraus keinen Vorwurf machen; er absolviert seinen Part technisch sauber und dialogisiert gekonnt mit den einzelnen Instrumenten, die in einer angenehmen klanglichen Balance zum Solisten stehen. Der Satz ist hier etwas dichter, der Gesamtklang (vor allem in Sätzen 1, 3 und 4) etwas kantiger, ja sogar ruppiger als in der 'Kammermusik Nr. 1' – es klingt genau so, wie man es sich angesichts Hindemiths wohl berühmtester Vortragsbezeichnung (aus seinem op. 25) vorstellt: 'Rasendes Zeitmaß. Wild. Tonschönheit ist Nebensache!' Wobei man den Ausführenden hier aber zu Gute halten muss, dass sie die Tonschönheit keineswegs unter den Tisch fallen lassen. Vor allem Park gelingt es auch bei hohem Tempo, eine feine Anschlags-Kultur zu wahren.

Ironische Seite

Das sich anschließende Cellokonzert ('Kammermusik Nr. 3') zeigt den Komponisten von seiner ironischen Seite, wenn er mit Vortragsbezeichnungen wie 'Majestätisch und stark' oder 'Munter, aber immer gemächlich' die Konzert-Tradition parodiert. Der musikalisch-technische Anspruch ist durchweg hoch, wenn auch nicht hyper-virtuos; Solist Bruno Philippe ist stets gut beschäftigt. Er bewältigt seinen Part von der einleitenden Kadenz an exzellent und läuft (dank der schmalen Ensemble-Besetzung) niemals Gefahr, von den übrigen Musikern zugedeckt zu werden. Dies ist sicherlich auch Eschenbachs Verdienst, der die zehn Musiker zu einer dezenten, aber nicht unterwürfigen Begleitung anhält. Von den drei genannten Werken hinterlässt die 'Nr. 3' den besten Eindruck. Der kantig-motorische Tonfall der ersten beiden Stücke ist hier einer teils verspielten, teils melancholischen Grundstimmung gewichen, die von den beteiligten Instrumentalisten wunderbar eingefangen wurde.

Und das Bläserquintett, das nicht so heißen darf? Die 'kleine Kammermusik' ergänzt die bekannte Kombination von Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott um ein von Jacob Dean gespieltes Horn, so dass sich interessante klangliche Mischungen ergeben. Das kompakte Werk wird von allen fünf Musikern mit Schwung und Präzision vorgetragen und bildet so einen schönen Abschluss dieser abwechslungsreichen Hindemith-CD. Alle Stücke bieten – um die eingangs formulierte Frage zu beantworten – den Musikern dankbare Aufgaben und dem Hörer ein angenehmes Erlebnis, auch wenn das Klavierkonzert substanziell etwas abfällt. Unstrittig ist der Ruhm des Komponisten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verblasst, doch die Kurve der Hindemith-Rezeption hat schon wiederholt in verschiedene Richtungen ausgeschlagen. Die steigende Anzahl an Aufnahmen ist zumindest ein Indiz dafür, dass es hier auch wieder aufwärts gehen könnte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Paul Hindemith: Kammermusik: Kronberg Academy Soloists, Christopher Park, Bruno Philippe

Label:
Anzahl Medien:
Ondine
1
Medium:
EAN:

CD
761195134122


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Hindemith, Paul


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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