> > > Mascagni: Cavalleria Rusticana - Leoncavallo: I Pagliacci: Oper Graz, Oksana Lyniv
Donnerstag, 6. August 2020

Mascagni: Cavalleria Rusticana - Leoncavallo: I Pagliacci - Oper Graz, Oksana Lyniv

Doppelpack mit Sogwirkung


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder einmal zeigt das Label Oehms Classics, dass in Graz lebendiges und kraftvolles Musiktheater produziert wird.

Wieder einmal zeigt das Label Oehms Classics, dass in Graz lebendiges und kraftvolles Musiktheater produziert wird: Mit dem berühmten Doppelpack bestehend aus Pietro Mascagnis 'Cavalleria Rusticana' und Ruggero Leoncavallos 'I Pagliacci' erfahren die bisherigen Veröffentlichungen aus Graz eine beeindruckende Fortsetzung. Im Oktober 2018 ging die szenisch kontrovers diskutierte Produktion über die Bühne, die vorliegende Doppel-CD ist eine Livemontage dreier Termine im Oktober 2018 und einer Vorstellung im Juni 2019. Ob die Bühnenumsetzung gelungen war oder nicht, kann man beim Hören des Mitschnitts getrost außer Acht lassen. Die wenigen Aufführungsfotos im redaktionell etwas schmal geratenen Beiheft lassen zumindest erahnen, dass hier alles aufgefahren wurde, was an Assoziationen und zeitgemäßen Lesarten zur Verfügung stand. Aus jedem Bild sprechen unbedingte Leidenschaft und eine große Lust am Theater. Und das hört man auch.

Fesselnd

Allen voran stürzt sich der Tenor Aldo Di Toro todesmutig in die beiden Hauptpartien des Turiddu und des Canio. Kaltschnäuzig, dann wieder aufbrausend, mit viel Italianità, die auch vor Schluchzern und knallenden Temperamentsausbrüchen nicht Halt macht, zeichnet er den Turiddu als unsympathischen, aber strahlend klingenden Protagonisten. Der metallische Kern seiner Stimme sowie die mühelosen Höhen, die im Forte nicht an Farbe verlieren, fesseln schlichtweg. Der verzweifelte Canio liegt ihm fast noch besser, weil er hier die vokale Handbremse vollends lösen und seine Emotionen Klang werden lassen kann. Eine bemerkenswerte Leistung, die zeigt, dass es nicht zwingend große Namen braucht, um den Glanz und die Leidenschaft ‚großer Oper‘ zu spüren.

Hörbare Freude

An diesem Eindruck ist freilich Oksana Lyniv mit ihren Grazer Philharmonikern und dem wunderbaren Chor und Extrachor der Oper Graz maßgeblich beteiligt. Das Orchester ist bestens disponiert, verströmt mit flirrenden Streichern und prachtvollen Bläsern die Hitze Süditaliens. Lyniv lässt ein schwelgerisches Intermezzo in der 'Cavalleria Rusticana' aufblühen, hat aber ebenso hörbare Freude an den krachenden Blechkaskaden im 'Pagliacci'. Da bleiben keine Wünsche offen.

Bei den Damen des Ensembles sind ein paar vokale Einschränkungen hinzunehmen. Das fällt aber nicht schwer, weil sowohl Ezgi Kutlu als Santuzza als auch Aurelia Florian als Nedda an beiden Enden zu brennen scheinen, sich mit aller ihnen zu Gebote stehenden Wahrhaftigkeit in ihre Partien versenken. Kutlus Santuzza neigt dabei zu stimmlicher (und inhaltlich begründeter) Hysterie und gerade im Forte verhärtet die Stimme, wird fahl, aber man glaubt ihr jede Note, jede Regung. Über welch schönen und eigentlich höhensicheren Mezzosopran die Sängerin verfügt, zeigt sie im 'Regina coeli' und dem ergreifenden 'Voi lo sapete. Aurelia Florian lässt ihrem Vibrato recht großzügig freien Lauf, zaubert aber mit ihrem dunklen Timbre und stimmlicher Agilität Momente von enormer Intimität und inhaltlicher Kraft. Das Duett mit Silvio erreicht im Verein mit dem jungen – mit einem ausnehmend schönen Bariton gesegneten – Neven Canić entrückte Sphären.

Erschreckend menschlich

Gleich zweimal tritt Audun Iversen in Erscheinung: als brutaler Alfio und schließlich als Tonio. Für die Abgründe der beiden Partien mag Iversens Stimme fast zu gepflegt und gewinnend sein, aber genau aus diesem Umstand bezieht die Interpretation des Sängers ihre Faszination. Besonders in 'I Pagliacci' ist Iversen ein gefährlicher Gegenspieler, dessen Dämonie erschreckend menschlich ist. In der kleinen Rolle der Lola präsentiert Mareike Jankowski alle Vorzüge ihres noblen Mezzosoprans, um plausibel zu machen, weshalb Turiddu ihr hoffnungslos verfallen ist. Als Mamma Lucia gibt es ein Wiederhören mit der Opernlegende Cheryl Studer, die weniger durch ihre Stimme selbst als vielmehr durch ihre charismatische Gestaltung und das unverwechselbare Timbre überzeugt. Martin Fournier gibt den Beppo souverän und charaktervoll. Leider wird seine Serenade unangenehm von lauten Bühnengeräuschen gestört. Diese Veröffentlichung lohnt sich als Archivergänzung – allein schon, weil sie durch ihre Lebendigkeit und energetische Frische eine nicht zu überhörende Sogwirkung entwickelt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mascagni: Cavalleria Rusticana - Leoncavallo: I Pagliacci: Oper Graz, Oksana Lyniv

Label:
Anzahl Medien:
OehmsClassics
2
Medium:
EAN:

CD
4260034869875


Cover vergössern

Leoncavallo, Ruggero
Mascagni, Pietro


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Pulsbeschleuniger mit Gänsehautgarantie: Dieser Essener 'Freischütz' ist ein Tondokument zum Mitfiebern und zum Staunen, wie lebendig Musiktheater und wie aufregend diese altbekannte romantische Geisteroper sein kann. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Aus Gischt und Wellen: Hoffentlich finden sich einige Opernhäuser, die 'Oceane' zeitnah auf den Spielplan setzen. Es lohnt sich. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Swingende Präludien und groovige Adagios: Der Violinist Sebastian Schmid improvisiert über Werke von Johann Sebastian Bach und überzeugt durch geniale Jazz-Ideen und große Musikalität. Weiter...
    (Susanna Morper, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Die andere Cleopatra: 'The Other Cleopatra' ist im Hinblick auf das Repertoire reizvoll und die musikalische Umsetzung tut im Großen und Ganzen auch niemandem weh. Für Isabel Bayrakdarian kommt das Album allerdings ein wenig zu spät. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Seelenmusik: Pavol Breslik gelingt mit Janáceks 'Tagebuch eines Verschollenen' ein rundum authentisches und eigenwilliges Album. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Loreleys Klangzauber: Schöner und inniger als Julia Kleiter kann man diese Lieder kaum singen – inhaltlich ist aber noch deutlich Luft nach oben. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kroatische Musiktragödie: Die kroatische Nationaloper 'Nikola Subic-Zrinjski' entfaltet auch außerhalb des Landes ihre musikalische Wirkung. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Gesualdo mit Methode: Graindelavoix mit einem neuerlichen Statement gegen vokale Hochglanzkunst, dieses Mal bei Carlo Gesualdo. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Prokofjew einmal sanft: Margarita Gritskova und Maria Prinz präsentieren eine Auswahl der selten zu hörenden Lieder Sergej Prokofjews. Ihre Deutung ist facettenreich, doch der sanfte Aspekt überwiegt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Oscar Straus: Serenade for String Orchestra in G minor op.35 - Allegro commodo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich