> > > Leos Janacek: The diary of one who dissappeared: Pavol Breslik, Robert Pechanec
Mittwoch, 2. Dezember 2020

Leos Janacek: The diary of one who dissappeared - Pavol Breslik, Robert Pechanec

Seelenmusik


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Pavol Breslik gelingt mit Janáceks 'Tagebuch eines Verschollenen' ein rundum authentisches und eigenwilliges Album.

Leoš Janáčeks 'Tagebuch eines Verschollenen' aus dem Jahr 1916 schwankt zwischen Liederzyklus und Miniatur-Oper: Ein junger Mann verliebt sich in eine geheimnisvolle junge Zigeunerin, für die er final auch sein bisheriges Leben aufgibt. Dem Tenorprotagonisten stellt der Komponist eine Frauenstimme und einen kleinen solistisch besetzten Damenchor an die Seite. Die Grundidee zum 'Tagebuch eines Verschollenen' entsprang einer Zeitungsmeldung in Form von Tagebuchfetzen, die ein Mann in eben der geschilderten Situation angeblich hinterlassen hatte. Janáček war fasziniert, vor allem auch vom mährischen Dialekt der fiktiven Gedankennotizen. All das entsprach seiner Vorstellung von musikalisierter Sprache, vom gesungenen Ausdruck des innersten Seelenlebens.

Die emotionale Zerrissenheit, der leidenschaftliche Duktus des Liederzyklus scheint wie gemacht für den slowakischen Tenor Pavol Breslik. Für das Label Orfeo hat der Sänger Janáčeks Werk im Mai 2019 in Wien eingespielt. Als Muttersprachler legt er eine natürliche und zuweilen elektrisierende Sprachbehandlung an den Tag. Schneidend trifft den Hörer der Sarkasmus des Protagonisten, um kurz darauf jene anrührende Milde und Weichheit in Klang zu fassen, wie man sie von Pavol Bresliks Gesang kennt. Sein jugendlich unverstellter Tonfall, die wohldosierte Glut, mit der er seinen Vortrag stützt, der lyrische Schmelz und die in jeder Phrase hörbare Lust an der singenden Kommunikation zeichnen Bresliks Interpretation hier einmal mehr aus. Die hohen Cs im letzten Lied des 'Tagebuch' verweigern sich klug dem auftrumpfenden Strahl, der beeindrucken soll, vielmehr sind sie schmerzhafter Gipfelpunkt einer Entscheidung, die ins Ungewisse führt.

Kühl und distanziert

Begleitet wird Breslik von Robert Pechanec. Den rhythmisch komplexen und technisch anspruchsvollen Klavierpart beherrscht der Pianist mit Verve und Souveränität. Die dynamischen Vortragszeichen Janáčeks nimmt Pechanec genau ins Visier. So virtuos und klar sein Spiel auch sein mag, es hat auch Tendenzen zu Kühle und Distanziertheit. Fraglos hält er engen Kontakt zum Solisten, führt einen engmaschigen Dialog – und doch bleibt die Poesie auf der Strecke. Das mag auch ein äußerst bewusster Vorgang sein, denn Pechanecs Janáček klingt in keiner Sekunde schwülstig oder gar kitschverdächtig. Selbst die vielen Sexten und Terzen entziehen sich der sich anbietenden Süffigkeit. Der Pianist färbt sie ebenso schroff und kristallin wie die vertrackten Akkordklüfte und melodischen Bruchstücke, die das Begleitmaterial darstellen. Im Piano entsteht an wenigen Stellen Wärme und magische Atmosphäre, schon ab Mezzoforte gewinnt eine unüberhörbare Härte und Kälte die Oberhand.

Der verführerischen Zigeunerin leiht Ester Pavlu ihre Stimme, wobei ihr eher dramatischer Mezzosopran wenig Reizvolles verströmt und erstaunlich alt klingt. Als homogenes, wunderbar aufeinander abgestimmtes Chortrio agieren Dominika Hanko, Zuzana Marczelová und Mária Kovács.

Temperamentvoll

Auf das 'Tagebuch eines Verschollenen' folgen auf diesem Album zwei weitere Liedsammlungen Janáčeks: 'Sechs Volkslieder gesungen von Eva Gabel' und die 'Lieder aus Detva', auch 'Rebellenlieder' genannt. Diese Zusammenstellungen repräsentieren Janáčeks Bemühen um die Volkslieder seiner Heimat. Versehen mit einem attraktiven Klavierpart, lassen sie traditionelles Liedgut wieder aufleben. Breslik und Pechanec zeigen sich hier von der temperamentvollen Seite, rhythmisch prägnant, sprachlich geschliffen und direkt. Besonders Bresliks attraktive Mittellage und Tiefe sind in den 'Rebellenliedern' gefordert und scheinen direkt aus dem Bauch zu kommen. Ein wunderbar unverstellter Abschluss für dieses authentische und eigenwillige Album.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Leos Janacek: The diary of one who dissappeared: Pavol Breslik, Robert Pechanec

Label:
Anzahl Medien:
ORFEO
1
Medium:
EAN:

CD
4011790989129


Cover vergössern

Janácek, Leos


Cover vergössern

ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ORFEO:

  • Zur Kritik... Unerhört aufregend: Der 26-jährige Samuel Mariño lässt mit seinem außergewöhnlichen Sopran und Raritäten von Händel und Gluck die Ohren klingeln. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Schöner Amerikaner nie klingen: Baiba Skride ist ganz klar aktuell Referenz hinsichtlich ihrer Ausdrucksintensität und Makellosigkeit der Tonbildung. Die drei hier vorliegenden amerikanischen Violinkonzerte unterstreichen das eindrucksvoll. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Faszinierende Cellosonaten: Der Cellist Daniel Müller-Schott überzeugt auf seinem neuen Album auf ganzer Linie. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle Kritiken von ORFEO...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Mit Glitzern und Tosen: Hier ist eine wichtige, zeitgemäße Neuaufnahme eines Klassikers geglückt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Gigantisches Ensemble: Langeweile kommt bei diesem 'King Arthur' keine Sekunde lang auf – und die Konkurrenzaufnahmen müssen sich warm anziehen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Tolles Stück: Allein um des Genusses von Leo Falls unsterblicher Musik in ihrer Gänze lohnt sich der Münchner Mitschnitt. Auch die Solisten sind von stimmlichen Ausfällen weit entfernt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Neue Musik aus Argentinien: Ein wichtiges Plädoyer für einen argentinischen 'Zeitgenossen'. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Konzertante Mittelklasse: Naxos engagiert sich erneut für die Musik des Brasilianers Camargo Guarnieri, die vier hier versammelten konzertanten Werke können allerdings nur teilweise überzeugen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Mit russischem Tiefgang: Anton Rubinsteins Streichquartette sind allemal die Entdeckung wert. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12/2020) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2020) herunterladen (2399 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Gordon Jacob: A Symphony for Strings - Andante maestoso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich