> > > J.S.Bach: Johannes-Passion: Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann
Samstag, 8. August 2020

J.S.Bach: Johannes-Passion - Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann

Niveau und Ambition


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Gaechinger Cantorey und Hans-Christoph Rademann haben ihrer wachsenden Diskografie eine in Niveau und Ambition absolut harmonische Johannes-Passion hinzugefügt.

Mit dem Neustart der Gaechinger Cantorey unter der künstlerischen Leitung Hans-Christoph Rademanns hat sich eine beeindruckende Reihe von neu produzierten Platten eingestellt, beginnend mit einer fulminanten h-Moll-Messe, gefolgt von einem gleichfalls qualitätvollen Weihnachtsoratorium und weiteren Kantaten. Aktuell steht eine frisch produzierte Johannes-Passion BWV 245 zur Diskussion, in der späten vierten Version von 1749.

Michael Maul setzt in seinem vorzüglichen Einführungstext bereits mit der Überschrift den entscheidenden Akzent: ‚Unvollendet vollendet – Bachs Johannes-Passion und ihre dramatische Entstehungsgeschichte‘. Maul beschreibt die Passion als über ein Vierteljahrhundert immer wieder von Bachs Hand gewandeltes Werk – sicher mit dem Ziel und in Richtung einer tatsächlich endgültigen Gestalt, aber doch nicht ganz bis zu diesem Punkt gebracht. Dieser Umstand bietet kundigen Interpreten seit Jahrzehnten die Möglichkeit, verschiedene Versionen zu musizieren – immer mit dem Ergebnis, das Bachs Johannes-Passion in jeder Gestalt vollendet ist, schon für die erste Fassung von 1724 ist dieser Befund unbedingt zutreffend. Auch unvollendet vollendet, das ist diese Passion wahrlich. Und das, obwohl sie vermutlich von Anfang an nicht das war, was die städtische Leipziger Obrigkeit sich gewünscht hatte – zu aufregend das Ganze, zu ausgreifend auch. Doch stellt sich Andacht ein, so wie die Ratsherren es wollten, wenn auch auf eine andere Weise. Das teilt sich auch dem heutigen Hörer eindrucksvoll mit, wenn die Musik in packend-dramatischen Größe strahlt, in ihrer ungemeinen Theatralik frisch wirkt wie am ersten Tag.

Famose Solisten

Jede Bach-Passion steht oder fällt mit dem Evangelisten. Das ist keine neue Erkenntnis. Und natürlich weckt eine Produktion auf diesem Niveau selbstverständlich die Erwartung, dass die Präsentation eindrücklich gelingt. Dass es aber so souverän gerät wie im Falle Patrick Grahls, der freilich als Bach-Preisträger 2016 gewissermaßen prädestiniert scheint, ist dann doch eine besondere Anmerkung wert. Grahl zeigt sich schlicht famos, mit schönem Schmelz und edler Linie. Die Stimme scheint in der Gestaltung des Evangelistenparts keinerlei Limits zu kennen, die Höhe ist strahlend frei, die mittlere und tiefere Lage hat Kern. Manche Vokalfarbe und wohl auch das Moment des Lyrischen, das Grahl in seinem Vortrag pflegt, erinnern an die Stimmtypologie des jüngeren Peter Schreier, dessen Bach-Evangelisten von einer gleichsam überzeitlichen Gültigkeit und aller Frage nach dem Modischen enthoben schienen. Gleichzeitig ist der ehemalige Thomaner Patrick Grahl ein großartiger Erzähler, voller Natürlichkeit und Präzision – eine Qualität, die ihn mit allen vokalen Sphären der Einspielung verbindet: Immer ist die Diktion klar und natürlich, wird, darauf basierend, insgesamt rhetorisch im besten Sinne musiziert, inspiriert und selbstbewusst.

All das gilt unbedingt für den Christus von Peter Harvey, der dem Part in Ergänzung der Christkönigs-Geste des Johannes-Evangeliums auch menschliche Züge gestattet, mit Wärme und Noblesse sein ganzes vokales Vermögen in eine intensive Gestaltung investiert. Ihm gegenüber ist Matthias Winckhler ein Pilatus von Format und erstaunlicher Autorität, Christus vokal ebenbürtig. Die Soliloquenten treten rollendeckend aus dem Chor hervor. Arios sind neben Grahl und Winckhler Elizabeth Watts und Benno Schachtner gefordert: Sämtlich agieren diese Vier auf dem hohen Niveau gegenwärtigen Bach-Gesangs ausgeglichen, vielleicht mit dem besonderen Glanzlicht, das Benno Schachtner mit seiner hinreißend geglückten Arie 'Es ist vollbracht' setzt.

Chor und Orchester

Rademanns Gaechinger werden von einem 25stimmigen Chor repräsentiert – in der Dimension so etwas wie der heute vielfach verwendete mittlere Standard. Ästhetisch entfernt von großen Chormassen, gleichzeitig ein klares Statement diesseits einer solistischen Besetzung. Vermutlich gibt neben der fortgesetzten, noch ein keiner Weise abgeschlossenen wissenschaftlichen Debatte über die tatsächliche Größe des Chors bei Bach inzwischen auch die musikpraktische Erfahrung der vergangenen Dekaden Antworten auf die Frage nach der idealen Besetzung. Jedenfalls erlauben es Größe und Qualität Rademanns Chor, auf der einen Seite ungemein beweglich und präzis zu agieren, auf der anderen Seite aber auch fein artikulierte Wucht und insgesamt affektiv größere Wirkungen zu entfalten. Die Turbae sind folglich auf den Punkt formuliert; die Choräle tragen emotionale Tiefe in sich, ohne mit Deutungswillen überfordert zu werden. Die orchestrale Sphäre entspricht diesem Ideal sehr deutlich: Schlanke, konzentrierte Register agieren technisch selbstverständlich unangefochten. Es werden wunderbare obligate Akzente gesetzt, der Basso continuo ist luzide gezeichnet. Einzig die beiden Cembali kommen nicht ihren Möglichkeiten entsprechend zur Geltung. Ob das klare, aufgeräumte, maßvoll räumliche und insgesamt wirklich passende Klangbild daran Mitschuld trägt, kann nicht abschließend beurteilt werden. Die Gaechinger Cantorey und Hans-Christoph Rademann haben ihrer wachsenden Diskografie eine in Niveau und Ambition absolut harmonische Johannes-Passion hinzugefügt.

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Klangqualität:
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    J.S.Bach: Johannes-Passion: Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann

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Carus
3
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EAN:

CD
4009350833135


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Bach, Johann Sebastian


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