> > > Klavier-Festival Ruhr: Festivaldebüts 2019: Elisabeth Brauß, Giuseppe Guarrera, Tiffany Poon, Alexander Hoffmann
Samstag, 30. Mai 2020

Klavier-Festival Ruhr: Festivaldebüts 2019 - Elisabeth Brauß, Giuseppe Guarrera, Tiffany Poon, Alexander Hoffmann

Griff in die Schatzkiste


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gewohnt spannende Perspektiven auf den pianistischen Nachwuchs eröffnet das Klavier-Festival Ruhr.

In bereits 38. Auflage erscheint die Edition Klavier-Festival Ruhr, die sich neben der Beherbergung der Weltelite traditionell auch um die pianistische Nachwuchsförderung verdient macht. Die Festivaldebüts sieben junger Künstlerinnen und Künstler aus dem Jahr 2019 sind in Live-Mitschnitten auf der vorliegenden 3-CD-Box festgehalten, den Anfang macht mit vier Scarlatti-Sonaten Elisabeth Brauß. Gleich zu Anfang in der D-Dur-Sonate K 492 trifft sie einen spielfreudig perlenden, stilistisch treffenden Ton. Nicht entziehen kann man sich der agogischen Zugkraft ihres Spiels. Ein vergleichsweise moderates Tempo wählt sie in der allseits bekannten E-Dur-Sonate K 380 – ihr Ansatz geht aber musikalisch dennoch auf, ihre eindringliche Artikulationsweise und die schwerelos federnde Leichtigkeit ihrer Verzierungen überzeugen rundum. Im Mittelteil kreiert sie eine intensiv nach innen gekehrte Spannung. Elegant funkelnde, impulsive Spritzigkeit verleiht sie der f-Moll-Sonate K 386, rasante Verve besitzt die c-Moll-Sonate K 56. Leider gibt es von Brauß – im Gegensatz zu den meisten anderen Spielern – CD-übergreifend keine weiteren Aufnahmen.

Tiefes Bach-Verständnis

Weiter geht es mit Scarlatti – weniger gelungen ist allerdings der Zugang des Italieners Giuseppe Guarrera, seiner Interpretation der zu den Klassikern seines Landsmanns gehörenden Sonate d-Moll K 9, fehlt der vitalisierende ‚Kick‘, sein Spiel bleibt relativ statisch. Gesanglich verinnerlicht gelingen ihm zwar die Sonaten d-Moll K 32 und f-Moll K 466, die e-Moll-Sonate K 394 lässt aber erneut einen leichtgängigen Spielfluss vermissen. In der G-Dur-Sonate K 125 und der Sonate F-Dur K 107 setzt er wieder etwas mehr musikalische Energien frei. Aus Guarreras Auftritt gibt es außerdem auf der dritten CD noch ein umfangreiches Liszt-Paket, das leider noch weniger zu überzeugen vermag: Von den 'Six Grandes Études de Paganini' S 141 gelingt ihm allenfalls die Darstellung der zweiten adäquat, der bekannten 'La Campanella' fehlt beispielsweise fast völlig die silbrig glänzende Virtuosität. Den drei 'Petrarca-Sonetten' mangelt es an kontemplativem Tiefgang und Anschlagsvielfalt.

Ein Name, den man sich merken sollte, ist dagegen die aus Hongkong stammende Tiffany Poon. Haydns Es-Dur-Sonate Hob. XVI:52 spielt sie mit feiner Klangbehandlung, quirlig leuchtendem Passagenwerk und in fein schattiertes Licht getauchten Modulationen im Kopfsatz. Ins Adagio versenkt sie sich mit viel kantabler Wärme, das Finale begeistert mit elastischer Spannkraft. Mit der 'Französischen Suite' Nr. 5 G-Dur BWV 816 ist sie auf der zweiten CD zu hören. Sanft, aber bestimmt artikulierend gestaltet sie das einleitende Präludium, mit luftig-transparenter Diktion zeigt sie in Courante, Bourrée und Gigue tiefes Bach-Verständnis.

Namen für die Zukunft

Der in London geborene Alexander Ullmann findet die richtige Balance zwischen lebendigem Formenspiel und melodischer Intensität in Haydns f-Moll-Variationen Hob. XVII:6. Außerdem auf seinem Programm: Schuberts 'Ungarische Melodie' h-Moll D 817. Darin beweist er mit expressiver, klanglich warmer Tongebung eine kompetente Ader für spätromantisches Repertoire, die er zusätzlich mit Liszts technisch wie klanglich souverän gemeisterter 'Ungarischer Rhapsodie' Nr. 10 E-Dur S 244/10 unterstreicht. Der Freiburger Till Hoffmann zeigt eine starke Leistung in Brahms‘ 'Variationen über ein Thema von Robert Schuman' fis-Moll op. 9. In Bachs 'Englischer Suite' Nr. 6 d-Moll BWV 811 zeichnet er sich mit durchhörbar reflektierten langsamen Sätzen (etwa 'Double de Sarbande') und zügig fließenden, klaren Linien (beispielsweise in Courante und Gigue) aus.

Ebenfalls mit Bach, der Sinfonia Nr. 9 f-Moll BWV 795 sowie der Partita Nr. 6 e-Moll BWV 830, gibt der Georgier Nicolas Namoradze seine Visitenkarte ab. Musikalisch etwas zu trocken wirkt jedoch sein Spiel, stimmliche Dimensionen werden wenig griffig und kaum plastisch dargestellt. Las, but not least: Die in Mexiko geborene Lauren Zhang. Ihre Darbietung von Brahms‘ 'Paganini-Variationen' op. 35 (Band I und II) zählt zu den Highlights der Box. Gleichermaßen versiert führt sie die feine lyrische wie die vollgriffig-pathetische Klinge.

Beachtliche Reife

Resolut zupackend gestaltet sie die Variation Nr. 2, gekonnt stellt sie den arpeggierenden Schwebezustand in der Variation Nr. 3 her, auch den hohen technischen Anforderungen der Variation Nr. 6 mit ihren vertrackten Oktavsprüngen oder des in der linken Hand der 9. Variation schwer zu handhabenden Legato zeigt sie sich gewachsen. Glockenhell schillerndes Timbre verleiht sie der 12. Variation, die halsbrecherisch-virtuose Variation Nr. 13 meistert sie einwandfrei. Im zweiten Band trifft sie die Dreiviertel-Grazie des 'Poco Allegretto' in der 4. Variation mit lässiger Eleganz, keine Probleme hat sie auch mit den rasant gebrochenen Legato-Sechzehnteln der 6. Variation. Dem hohen, sogar Liszt‘sche Kabinettstücke in den Schatten stellenden Anspruch der oktavierten Diskant-Spitzen im Vivace (Variation Nr. 11) und des Presto begegnet sie mit beachtlicher technischer und musikalischer Reife. Klares Fazit: Wie gewohnt ist auch die Kompilation dieses Jahrgangs ein unbedingt lohnender Griff in die Schatzkiste mit pianistisch vielversprechenden Talenten. Nicht zufällig sind hier schon mehrfach Stars von morgen aufgetreten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Klavier-Festival Ruhr: Festivaldebüts 2019: Elisabeth Brauß, Giuseppe Guarrera, Tiffany Poon, Alexander Hoffmann

Label:
Anzahl Medien:
CAvi-music
3
Medium:
EAN:

CD
4260085534760


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Bis in die feinsten Arterien: Elisabeth Kufferath erweist sich mit dieser Tour de Force als eine der bedeutendsten Violininterpreten unserer Zeit. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Skandal-König, Bad Boy, Neoromantiker: Der amerikanische Komponist George Antheil änderte im Laufe seines Lebens seinen Stil entscheidend, blieb aber seiner Liebe zu perkussiven Rhythmen und Dissonanzen treu. Vier Violinsonaten hinterließ Antheil. Weiter...
    (Susanna Morper, )
  • Zur Kritik... Plastisch und facettenreich: Adam Fischers Auslegung von Gustav Mahlers 'Das Lied von der Erde' mit den Düsseldorfer Symphonikern ist die Inszenierung einer Interpretation, die nichts unberücksichtigt lässt. So fesselnd kann dieses sperrige Werk sein. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Thomas Gehrig:

  • Zur Kritik... Begegnung mit Fanny und Felix: Auch Folge 10 der hörbiographischen Reihe von BR-Klassik unterstreicht den hohen Wert des bewährten Formats. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Explosive Impulse: Das BRSO und Mariss Jansons erreichen mit dieser frühen Interpretation noch nicht ganz die Durchdringungstiefe späterer Bruckner-Aufnahmen. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Quadratur des Kreises: Godowskys extrem hohe technische Hürden überspringt Konstantin Scherbakov in dieser zyklischen Folge nicht. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle Kritiken von Thomas Gehrig...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kennst Du Fauré?: Liedbearbeitungen für eine Chorbesetzung ermöglichen Zugang zu unbekanntem Repertoire. Denis Rouger gibt damit nicht nur Vergessenen eine Plattform. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Begegnung mit Fanny und Felix: Auch Folge 10 der hörbiographischen Reihe von BR-Klassik unterstreicht den hohen Wert des bewährten Formats. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Spätromantische Musik neu entdeckt: Das Künstlerduo Ingolffsson-Stoupel gibt einen sehr gelungenen Einblick in das noch nicht so bekannte französische Repertoire aus der Zeit der Belle Epoque. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2020) herunterladen (3000 KByte) Class aktuell (1/2020) herunterladen (4180 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich