> > > Gustav Mahler: Rückert-Lieder: Ruby Hughes, BBC National Orchestra of Wales, Jac van Steen
Donnerstag, 9. Juli 2020

Gustav Mahler: Rückert-Lieder - Ruby Hughes, BBC National Orchestra of Wales, Jac van Steen

Vorzüglich


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ruby Hughes erweist sich immer deutlicher als eine Schlüsselsängerin des frühen 21. Jahrhunderts.

Nicht zum ersten Mal lässt die Sopranistin Ruby Hughes mit dieser SACD aufhorchen. Wohl aber mit dem dargebotenen Repertoire. Trat die mehrfach ausgezeichnete walisische Sängerin bislang aber vornehmlich mit Musik des 17. oder 18. Jahrhunderts auf den Tonträgermarkt, so zeigt sie sich hier als eloquente Deuterin der Musik des frühen und späten 20. Jahrhunderts. Und selbst wenn ein Teil des Repertoires ausgesprochen bekannt zu sein scheint, so eigen ist doch ihre Perspektive auf die Musik.

Die zumeist von Mezzosopranistinnen und Baritonen eingespielten 'Rückert-Lieder' von Gustav Mahler bietet sie in der vollständigen Fünfsätzigkeit. Mahler hatte nur vier der fünf Lieder orchestriert – 'Liebst du um Schönheit' erklingt hier in der nicht selten zu hörenden, 1906 entstandenen, eher konventionellen Orchestrierung von Max Puttmann (1863–1935), einem Mahler-Kopisten und Mitarbeiter des Musikverlags C. F. Kahnt Nachf., auf deren Berücksichtigung Kathleen Ferrier, Otto Klemperer, Dietrich Fischer-Dieskau, Alison Browner oder Dietrich Henschel noch verzichtet hatten.

Reichhaltige Valeurs

Hughes‘ Lesart der Lieder ist in ihrer Duftigkeit und Textverständlichkeit vorbildlich. Man fragt sich – höre ich Agnes Giebel, Elly Ameling, Pilar Lorengar, Elisabeth Grümmer, Ileana Cotrubas, Elizabeth Harwood, Barbara Bonney, Christiane Oelze, Joan Rodgers? Jedenfalls eine der besten lyrischen Liedsopranistinnen, mit ungeheuer reichhaltigen Valeurs sowohl was Farben als auch was dynamische Schattierungen angeht. Jac van Steen, ausgewiesener Spezialist für zeitgenössische Musik, betont die impressionistischen, changierenden Klangfarben von Mahlers Orchesterklang; das BBC National Orchestra of Wales erweist auch in diesem Fall hervorragende künstlerische Vielseitigkeit.

Was Hughes und das Orchester aus dem gerade aus Mezzosoprankehlen expressiv bekannten 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' machen, ist in ganz anderer Weise mirakulös: Wir hören die Nähe zu Chausson, zu Debussy – aber auch zu Mahlers Vierter Sinfonie (vielleicht darf Hughes an einer entsprechenden Aufführung mitwirken?). Ganz unaufdringlich setzt sich die Sängerin (deren Ausspracheschwierigkeiten an der einen oder anderen Stelle denn doch nicht ganz unüberhörbar sind) in den Ohren des Hörers fest, mit feinem und feinstem Piano und Pianissimo, auch auf die Gefahr hin, sich dem Orchester ‚einzuordnen‘. Die BIS-Aufnahmetechnik kommt dieser Lesart ganz ohne Frage besonders entgegen – die Balance zwischen den Orchestersoli und der Sängerin ist ganz vorzüglich ausgeleuchtet und austariert, die feine Ausleuchtung zahlloser Details bei stetem Blick auf das große Ganze eröffnet eine Vielzahl neuer Perspektiven auf diese Musik.

Ein wenig bedauert man, dass Hughes sich auf Alban Bergs 'Altenberg-Lieder' op. 4 verlassen hat und nicht auf unbekannteres Repertoire rekurriert hat. Steen und Hughes erweisen sich gleichermaßen als Spezialisten des Atonalen, Hughes sich als legitime Nachfolgerin von Edda Moser, Juliane Banse oder Claron McFadden, mit starkem dramatischen Instinkt. Die große Vielfalt der erkundeten Aspekte machen diese zehn Minuten Musik zu einem wahren Mikrokosmos, der viel umfänglicher wirkt, als er eigentlich ist. Es steht zu hoffen, dass sich Hughes‘ filigrane Stimme noch lange ihre Frische erhalten möge.

Herausragendes künstlerisches Verständnis

Die zentrale Komposition der SACD ist dennoch ganz woanders zu suchen – in der Ersteinspielung der Solokantate 'Clytemnestra' nach Aischylos von der walisischen Komponistin Rhian Samuel (geb. 1944) – eine Klage einer Mutter um die im Opfer verlorene Tochter Iphigenie. Das 1994 komponierte und uraufgeführte Werk verschwand schnell von der Bildfläche, von Anspruch und Umfang ist es Arthur Bliss‘ 'The Enchantress' oder Benjamin Brittens 'Phaedra' vergleichbar. Dass Hughes die für einen Mezzosopran (Della Jones) geschriebene Partie so vorzüglich in der Kehle liegt, spricht für ihre hohe Musikalität, aber auch Steens Verständigkeit. Wo in der Uraufführung das Orchester teilweise in kräftigeren Farben erkundet wurde, leuchtet hier alles in starken Pastelltönen – fein abgestimmt auf die Texterkundung durch die Sängerin. Die Komponistin hat beide Lesarten autorisiert, und dass Hughes selbst im Fortissimo nicht erdrückt wird, spricht nicht nur für das herausragende künstlerische Verständnis zwischen Dirigent und Solistin, sondern auch für die imaginative Aufnahmetechnik. Neben so viel Vorzüglichkeit wirken die Booklettexte allzu knapp; Gesangstexte liegen in Originalsprache und Englisch vor (d. h. es gibt keine Übersetzung des 'Clytemnestra'-Librettos ins Deutsche).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gustav Mahler: Rückert-Lieder: Ruby Hughes, BBC National Orchestra of Wales, Jac van Steen

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
1
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599924083


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Berg, Alban
Mahler, Gustav


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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