> > > Albéric Magnard: Symphonies No. 1 & 2: Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon
Dienstag, 20. Oktober 2020

Albéric Magnard: Symphonies No. 1 & 2 - Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon

Französischer Querkopf


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Philharmonische Orchester Freiburg zeigt: Albéric Magnard hätte es verdient, endlich einmal dauerhaft in den Konzerthäusern etabliert zu werden.

Eigentlich gilt es noch bis heute: In einem zentralistisch organisierten Land, wie Frankreich es seit Jahrhunderten ist, muss jemand, der als Künstler Karriere machen will, in Paris leben, weil nur dort alle Intellektuellen, Reichen und sonstigen bedeutenden Persönlichkeiten zu finden sind und ihr Netzwerk bilden. Albéric Magnard hatte den Vorteil, ein Pariser zu sein. Und mehr noch: Er war der Sohn des einflussreichen Herausgebers der Zeitung Le Figaro, veröffentlichte in jungen Jahren sogar selbst im Figaro den einen oder anderen Artikel über das Musikleben in der Hauptstadt.

Eigenwilliger Kopf

Aber Magnard bleibt als Komponist bis heute ein Unbekannter, und das trotz besagter Voraussetzungen, trotz einer beachtlichen Anzahl von Werken und – wie man immer wieder feststellen muss – trotz der Qualität seiner Kompositionen. Dafür gibt es einige Gründe, die vom Künstler selbst verursacht wurden. Zum einen stand der junge Magnard seinem Vater kritisch gegenüber, verachtete das Leben der High Society, brach das gewünschte Jurastudium ab und wandte sich der Musik zu. Er studierte auch nicht brav am Konservatorium, sondern beendete den Aufenthalt dort nach nur einem Jahr, nahm stattdessen Unterricht bei Vincent d’Indy, der die Eigenwilligkeiten seines Schülers unterstützte. Schließlich brach Magnard ganz mit der Pariser Gesellschaft, heiratete eine Frau, die er liebte, die aber nicht ‚standesgemäß‘ war, um dann schließlich ganz aufs Land zu ziehen, weg von der Hauptstadt. Inzwischen war auch sein Misstrauen gegenüber den Musikverlagen so stark geworden, dass er seine Werke im Selbstverlag herausgab, was Kosten verursachte, aber keine Einnahmen generierte. Und zu allem Schluss starb er gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als er sein Landgut im Alleingang gegen die deutschen Soldaten verteidigte. Er wurde erschossen, sein Haus komplett abgebrannt, samt der Manuskripte und Druckwerke, die dort lagerten. Wenigstens hatte er seine Frau mit den beiden Töchtern vorher in Sicherheit gebracht.

Wie eigenständig Magnard auch als Künstler denkt, zeigt sich schon durch die Tatsache, dass er seine kompositorische Karriere gar nicht erst mit dem Versuch an kleineren Werken beginnt, sondern schon 1889/90 – mit 24 Jahren – seine erste Sinfonie schreibt, gleich darauf die zweite und bald auch die dritte. Die vierte entsteht wenige Jahre später. Er setzt damit ein Ausrufezeichen in Richtung auf die klassische Tradition, wie sie im deutschsprachigen Raum gepflegt wird, wohingegen französische Sinfonien im 19. Jahrhundert kaum existieren, erst recht in den Zeiten nach dem Deutsch-französischen Krieg, als Komponisten wie Dukas oder gar Debussy mit ganz anderen Konzepten auf den Plan treten. Die klassische Tradition scheint für ihn aber vor allem ein Mittel zu sein, das er als Basis für seine individuelle Weiterentwicklung nutzt.

Große Steigerungen

Das Philharmonische Orchester Freiburg unter seinem Chefdirigenten Fabrice Bollon hat bereits Erfahrung mit Magnards ungestümen und ausladenden Werken gemacht durch die Aufnahme der dritten und vierten Sinfonie. Nun waren die ersten beiden Sinfonien an der Reihe. Die erste ist vielleicht die sperrigste von allen vier Sinfonien. Beim Hören verwirrt sich das Ohr zunächst durch die schiere Größe der Besetzung, inklusive drei Saxofonen, was bei der hervorragenden Aufnahme durch die Profis des Südwestrundfunks gut herüberkommt. Klanglich geht Bollon an die Grenzen, aber strukturell schafft er Klarheit. Die gegensätzlichen Themen werden deutlich herausgearbeitet, ihre klassische Exposition samt Durchführung scheint deutlich auf. Dabei legt Bollon großen Wert auf das Expressive, das das Werk im Überfluss besitzt. Es gibt große Steigerungen, Abbrüche, die an Bruckner erinnern, Klangfarben wie bei Wagner, schwarze Tiefen und flirrende Höhen und einen langsamen Satz, der gemäß seinem Titel 'Religioso' in Würde zelebriert wird.

Das sperrige der ersten Sinfonie wird in der zweiten etwas gemäßigt, insgesamt klingt sie gefälliger, auch wenn sie, was die Formbildung angeht, weniger Orientierung bietet. Besonders beim rasend schnellen zweiten Tanzsatz bewegt sich das Orchester auf des Messers Schneide, stürzt aber in keiner Sekunde ab, sondern lässt eher den Hörer atemlos zurück. Überhaupt entwickelt das Orchester ein unglaublich hohes Spielniveau, es scheint an der unmittelbaren Konkurrenz zum SWR-Sinfonieorchester, das ja in seiner alten, berühmt gewordenen Form nun nicht mehr existiert, gewachsen zu sein. Gemütlich ist hier gar nichts, Bollon fordert von seinen Musikern alles. Die komplizierten Eigenarten der Magnard‘schen Musik werden deutlich hervorgehoben, der Hörer in ihren Bann gezogen, Emotionen herausgearbeitet, und trotzdem wird das Maß nie überschritten – vielleicht kann nur ein Dirigent aus Frankreich es hinbekommen zu zeigen, wie großartig die Musik von Albéric Magnard ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Albéric Magnard: Symphonies No. 1 & 2: Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
747313408375


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Magnard, Albéric


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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