> > > Gioachino Rossini: Zelmira: Virtuosi Brunensis, Gianluigi Gelmetti
Freitag, 5. Juni 2020

Gioachino Rossini: Zelmira - Virtuosi Brunensis, Gianluigi Gelmetti

Auch ohne Sternstunde überzeugend


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Mitschnitt von Gioachino Rossinis 'Zelmira' glänzt nicht durch außergewöhnliche Interpretationen, dokumentiert aber eine lebendige und absolut anhörbare Aufführung vom Juli 2017 in Bad Wildbad.

Der bei Naxos auf drei CDs erschienene Mitschnitt von Gioachino Rossinis 'Zelmira' glänzt nicht wirklich durch außergewöhnliche Interpretationen, dokumentiert aber eine lebendige und absolut anhörbare Aufführung vom Juli 2017 in Bad Wildbad. Obendrein ergänzt die Veröffentlichung die mehr als überschaubare Diskografie dieses Werks um eine aktuelle Produktion. Bislang war man auf gerade mal eine Handvoll Einspielungen angewiesen, darunter die dreißig Jahre alte Studioaufnahme unter Claudio Scimone mit Cecilia Gasdia und William Matteuzzi, die teure Opera-Rara-Variante oder die DVD aus Pesaro mit Juan Diego Flórez und Kate Aldrich. Überflutet ist der Markt mit ‚Zelmiren‘ nicht.

Vokale Glanzpunkte

Mit großen Namen wirbt der Bad-Wildbad-Mitschnitt nicht, auch wenn bewährte Künstler des Festivals mit von der Partie sind, wie die Sopranistin Silvia Dalla Benetta in der fordernden Titelpartie. Rossini schrieb sie einst für seine Gattin Isabella Colbran, auch Giuditta Pasta nahm sich der Zelmira an; es ist eine wirkliche Primadonnenrolle, die der Interpretin einiges an Geläufigkeit, Dramatik und Persönlichkeit abverlangt. Die vokalen Glanzpunkte und Herausforderungen täuschen dann im Idealfall über das krude Libretto von Andrea Leone Tottola hinweg, das so viele Missverständnisse und Intrigen bereithält, dass man daraus auch mehrere Opern hätte stricken können: Zelmira von Lesbos wehrt sich mit allen Mitteln gegen Fremdmächte, die sich den Thron einverleiben wollen. Zu diesem Zweck muss sie ihren Vater in einer Höhe verstecken – was aber niemand außer ihrer Vertrauten Emma wissen darf –, was sie in der öffentlichen Wahrnehmung schließlich zur Mörderin ihres Vaters macht. Auch ihr Gatte lässt sich täuschen, der böse Antenore lässt nichts unversucht, die arme Zelmira in den Untergang zu befördern und auch ihr Kind schwebt in Lebensgefahr. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Zerrissenheit der Titelfigur als Mutter, Gattin und Tochter. Wie auch immer – unterhaltsam ist vor allen Dingen Rossinis effektvolle Komposition, seine großen Szenenkomplexe, die den vormals üblichen kleineren Arien weichen.

Silvia Della Benetta schlägt sich beeindruckend als Zelmira. Ihr dunkel timbrierter und recht dramatisch genutzter Sopran lässt kaum erahnen, zu welchen Höhenflügen und Verzierungen er fähig ist. Deutlich hört man bei der Sängerin die parallel gesungene Norma heraus, aber das tut ihrem Rossini-Gesang keinen Abbruch. Ausdrucksstark begibt sie sich in die Extremsituationen ihrer Partie, findet pastose Farben für die Preghiera des zweiten Akts, kann es aber in den Duetten oder den Finali auch glaubwürdig ‚krachen‘ lassen. Besonders gefällt an ihrer Interpretation, dass sie kein stimmliches Leichtgewicht ist, sondern über die nötige Mittellage verfügt, deren Fundament die verzierende Akrobatik ist. Das muss ihr erst mal jemand so nachsingen.

Heldische Attitüde

Ein wirklicher Hinhörer ist der Ilo von Mert Süngü. Er ist ein höhensicherer Rossini-Tenor mit geläufiger Gurgel, aber auch genügend Metall in der Stimme, das ihn nicht zum säuselnden Leichtgewicht werden lässt. Süngü gebietet zugleich über eine glaubhafte heldische Attitüde und wohldosierte Expressivität. Damit bietet er die beste Leistung dieses Mitschnitts. Die übrigen Sänger liefern großteils souveräne Leistungen ab, die aber nicht nachhaltig beeindrucken oder überraschen. Marina Comparato singt die Emma intensiv mit einer guten Mischung aus lyrischem Schmelz und dramatischem Zugriff – hier dank der Pariser Fassung von 1826 mit einer nachkomponierten Arie im zweiten Akt.

Als alter König Polidoro steuert Federico Sacchi ordentliche Basstöne und ein väterliches Timbre bei, ohne besondere Glanzlichter zu setzen. Der Tenor Joshua Stewart bietet einen recht knödeligen und angestrengten Antenore, der aber vom dunklen Stimmklang her glaubwürdig als Gegenspieler Ilos besetzt ist. Der Leucippo liegt in den Händen des soliden Luca Dall’Amico, Xiang Xu singt den Eacide und Emmanuel Franco steuert ein paar wenige Soloeinwürfe als Oberpriester bei.

Schön herausgearbeitet

Bei den Virtuosi Brunensis klingt nicht alles so virtuos, wie der Name vermuten lässt, aber dennoch höchst engagiert und zweckdienlich. Am Pult steht Altmeister Gianluigi Gelmetti, der das Idiom mit schlafwandlerischer Sicherheit trifft, die Fäden mühelos in der Hand behält und so manchen klanglichen Effekt mit Soloinstrumenten schön herausarbeitet. Der Górecki Chamber Choir ist gut aufgelegt und bereichert etliche Ensemblestellen mit seinem homogenen Gesang. Ein ‚Must Have‘ ist diese 'Zelmira' gewiss nicht, aber sie überzeugt durch eine energetische Ensembleleistung und den hörbar motivierten Einsatz für ein eher vernachlässigtes Rossini-Werk.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gioachino Rossini: Zelmira: Virtuosi Brunensis, Gianluigi Gelmetti

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
3
Medium:
EAN:

CD
730099046879


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Rossini, Gioacchino


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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