> > > Didone abbandonata: Cantatas & Arias: Sunhae Im, Teatro del Mondo, Andreas Küppers
Mittwoch, 15. Juli 2020

Didone abbandonata: Cantatas & Arias - Sunhae Im, Teatro del Mondo, Andreas Küppers

Barocke Dido-Facetten


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sunhae Im und das Teatro del Mondo unter Andreas Küppers bringen barocke Schätze und Raritäten rund um die tragische Königin Dido wieder ans Tageslicht.

Das Schicksal der von Aeneas verlassenen Königin Dido von Karthago gehört zu den erfolgreichsten und beliebtesten Motiven des barocken Musiktheaters. Die starke Frauengestalt, deren unerwartete Liebe in Schmerz und Verzweiflung mündet und die nicht nur ihr eigenes Leben beendet, sondern auch noch ihre Stadt und damit ihr Königreich in den Abgrund reißt, hat bis heute nichts an Kraft und Anrührung verloren. Der berühmte Pietro Metastasio schuf 1724 sein erstes und erfolgreichstes Libretto zu dieser tragischen Frauengestalt. Es folgten mehrere Dutzend Vertonungen seiner Dichtung und auch andere Dichter und Komponisten von Henry Purcell bis Hector Berlioz kamen an Dido und ihrem Aeneas nicht vorbei. Jenseits der Oper inspirierte das Thema Tonsetzer zu Kantaten und Instrumentalwerken.

Schätze und Raritäten

Es ist also ein reiches Repertoire, aus dem die Sopranistin Sunhae Im und das Teatro del Mondo unter der Leitung von Andreas Küppers auf ihrem aktuellen Album 'Didone abbandonata' schöpfen. Die bei cpo erschienene Aufnahme vom Juni 2018 konzentriert sich auf die barocken 'Didone'-Vertonungen. Es finden sich Schätze und Raritäten von Johann Adolph Hasse, Domenico Sarro, Giovanni Alberto Ristori, Michelangelo Faggioli, Niccolò Jommelli, Girolamo Venier, Leonardo Vinci und Nicola Antonio Porpora. Nicht alle diese Komponisten gehören zum heute gängigen Kanon der barocken Meister – es gibt also selbst für Fans alter Musik einiges zu entdecken.

Beispielsweise begeistert die 'Didone-Kantate' des in Neapel wirkenden Faggioli: Innerhalb von acht Minuten liefert das Werk eine Achterbahnfahrt der Gefühle, das mit einem virtuosen, verstörenden Vorspiel ein furioses Rezitativ eröffnet, um über eine schmerzvoll reflektierende Arie in eine den Tod vorausahnende Wahnsinnsszene zu münden. Das auf historischen Instrumenten spielende Orchester Teatro del Mondo und der Dirigent Andreas Küppers schürfen so unerbittlich tief in Faggiolis Musik, dass man kaum zu atmen wagt. Alle Farben und formalen Geniestreiche treten mit einer Klarheit hervor, die weitab von Effekthascherei angesiedelt ist. Die Musiker agieren mit Leidenschaft und einer wohldosierten Portion Theatralik.

Endloser Atem

Das Strapazieren von bloßen Effekten oder gar das Verstecken hinter vokalem Zierrat oder vokalen Äußerlichkeiten ist der koreanischen Sopranistin Sunhae Im sicherlich ebenso wenig vorzuwerfen. Sie ist um ein Eintauchen in Didos Gefühlswelt bemüht, sucht den Kern der Affekte. Freilich klingen dem Hörer noch immer ihre Ilia oder Zerlina unter René Jacobs im Ohr: jener feine, silbrige Klang, das glockige Timbre, die jugendliche Frische. Und so ganz kann Sunhae Im auf der neuen CD nicht aus ihrem eigenen Schatten heraustreten. Unbenommen – ihr Sopran ist von makelloser Schönheit, die vibratoarme Stimme fließt auf einem endlosen Atem, technisch steht sie über den Dingen. So klingt jede eingespielte Nummer für sich in ihrer Makellosigkeit und Ausgewogenheit überzeugend – vor allem die langsamen Arien gelingen der Künstlerin besonders innig und ergreifend. Auf Dauer birgt Ims Gesang aber die Gefahr von Eintönigkeit.

Das einleitende 'Ombra cara' aus Hasses 'Didone abbandonata' eignet sich perfekt, in die Schönheiten dieses Albums einzutauchen. Auch Porporas Kantate oder jene von Jommelli bieten der Sängerin zahlreiche Möglichkeiten zu glänzen. Und doch wünscht man sich im Laufe der einstündigen Spieldauer, Sunhae Im ließe sich vom mutigen und inspirierenden Spiel des Orchesters ein wenig mehr anstecken. Im ersten Rezitativ von Faggiolis Kantate blitzen solche Momente auf. Da wagt sich Im aus ihrer Komfortzone heraus, um aber kurz darauf wieder auf Nummer sicher zu gehen. Die virtuose Arie 'Già si la tempesta' würzt sie mit fulminanter Höhe und perlenden Läufen. Um aber in einer solchen Arie wirklich mitzureißen, fehlt es der Interpretation an kräftigeren Farben und zumindest gelegentlichen Effekten – ein etwas risikofreudigeres stimmliches Zupacken würde schon helfen.

Eine spannende CD ist 'Didone abbandonata' aber allemal geworden. Sunhae Im lässt zwar Wünsche offen, ist jedoch stilistisch so intelligent und kenntnisreich unterwegs, dass man die fehlende Verve auch als Geschmackssache verbuchen kann. Und das herrliche Teatro del Mondo mit Andreas Küppers, die das ambitionierte Programm mit dem zweiten Satz eines Violinkonzerts von Giuseppe Tartini beenden, ist die Anschaffung dieses Albums ohnehin wert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Didone abbandonata: Cantatas & Arias: Sunhae Im, Teatro del Mondo, Andreas Küppers

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203524327


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Hasse, Johann Adolf
Jommelli, Niccolò
Porpora, Nicola
Ristori, Giovanni Alberto
Vinci, Léonard de


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Dirigent(en):Küppers, Andreas
Interpret(en):Im, Sunhae


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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