> > > Michel Roth: Im Bau - 15 Klangräume nach Franz Kafka: Ensemble Aequatuor
Donnerstag, 22. Oktober 2020

Michel Roth: Im Bau - 15 Klangräume nach Franz Kafka - Ensemble Aequatuor

Anspruchsvolles Tonexperiment


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michel Roth geht in seiner Komposition 'Im Bau' Kafka auf den Grund.

Dem ersten Satz ‚Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohl gelungen‘ folgen Baugeräusche, Gesang über große Tonintervalle, in rhythmischer Dynamik, geflüsterte Textsequenzen und sonore Tonsalven dazwischen. Mit ‚An jener Stelle im dunklen Moos bin ich sterblich‘ endet der befremdliche Prolog. Michel Roths Komposition ist komplex, erschließt sich leichter, wenn man Kafka kennt oder zumindest das Programmheft studiert. Im Auftrag des Ensembles æquatuor verwandelte der Schweizer Komponist und in diesem Fall auch Librettist Kafkas Erzählung 'Der Bau' in das einstündige Monodram 'Im Bau. 15 Klangräume nach Kafka' für Mezzosopran, Ensemble und Live-Elektronik, uraufgeführt 2012 beim Lucerne Festival.

In 'Der Bau' versucht ein paranoides Wesen, sich vor der drohenden Außenwelt zu schützen. Sein Zufluchtsort, ein labyrinthischer Bau, verwandelt sich zum selbst geschaufelten Grab durch Vereinsamung. Da der Bau in seiner Schutzfunktion nur von außen getestet werden kann, verlässt das Wesen den Bau. Bei der Rückkehr hört es zischende, Angst einflößende Geräusche. Auf der Suche nach dem Ursprung gerät das Wesen in immer stärkere Bedrängnis.

Zwischen Tier und Mensch

Um das kafkaeske Lebensgefühl hörbar zu machen, baut Roth mit dem Ensemble æquatuor eine klaustrophobische Klanglichkeit auf. Mezzosopranistin Anne-May Krüger übernimmt den Part des Wesens. Im ständigen Wechsel der Stimmlagen und Deklamationstechniken eröffnet sie dessen verworrene Denklogik zwischen tierischem Instinkt und menschlichem Reflexionsvermögen. Wegen der dichten tonalen Struktur sind teilweise nur die Sprechpassagen verständlich, was aber durchaus zur Kommunikationsproblematik von Kafkas Figuren passt, aber das Verständnis insgesamt erschwert, zumal die Effekte der Bühnenversion fehlen, wo durch die Massivität des Konzertflügels, das bauchige Cello und die schlanke Oboe der Bau mit seinen Innen- und Außenräumen symbolisch verortet wird und gleichzeitig die Instrumente als Resonanzräume der Stimme sichtbar werden.

Bizarre Tonwelten

Doch die bizarren Tonwelten ziehen auch in der Hörspielversion in den Bann dieses Angst gepeinigten Wesens. Violoncello (Martina Brodbeck) und Singende Säge (Marina Brodbeck, Matthias Würsch) nagen wie Tinnitus an den Nerven, verdichten das Abgleiten in die Vereinsamung. Klavier (Ingrid Karlen) und Lupophon (Matthias Arter) setzen dunkelste Akzente. Dezent verwoben bleibt der Klang der Oboe (Matthias Arter) und Melodica (Ingrid Karen). Die Live-Elektronik (Ueli Würth) steigert grelle Tonalitäten ins fast Unerträgliche. 'Im Freien' führt ein schrilles Telefon zur Panikattacke. Das tutende Besetztzeichen verstärkt Gedanken an Observation. Die Rückkehr in den Bau schafft scheinbare Ruhe. Nur kurz genießt das Wesen den 'Schlaf' mit melodischen Tönen, Klang- und Geräuschspielen, langen Bogenzügen. Der Bau hat sich in der Gedankenwelt des Wesen verändert. Klirren und Pfeifen werden zwischen Sprechstimme und tonalen Effekten immer stärker Nährboden der Angst. 'Unter der Moosdecke' klingt es jetzt ganz anders. Man hört aus der Ferne das Geraune von Menschenmassen und mitten im 12. Hörraum, völlig unerwartet wie ein Brechtscher Verfremdungseffekt auf Tonebene, allerdings sehr deplatziert, ein eingeschobenes Interview mit Roth über sein Radio-Konzept.

Die sphärische Stille des Wesens bleibt gestört. Die Vision eines Baus im Bau als stiller Sehnsuchtsort, durch eine lange Pause markiert, bleibt Utopie, und kurz darauf endet der Epilog adäquat zum fragmentarischen Charakter der literarischen Vorlage abrupt mitten im Satz. Zu empfehlen ist diese CD nur Liebhabern musikalischer Experimente mit Faible für kafkaeskes Lebensgefühl.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Michel Roth: Im Bau - 15 Klangräume nach Franz Kafka: Ensemble Aequatuor

Label:
Anzahl Medien:
WERGO
1
Medium:
EAN:

CD
4010228738421


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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