> > > Händel, Georg Friedrich: Almira, Königin von Castilien: Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs
Freitag, 10. Juli 2020

Händel, Georg Friedrich: Almira, Königin von Castilien - Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs

Pralles vom Gänsemarkt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Almira' befeuert die Fantasie, liefert pralles Barockspektakel und lässt im übertragenen Sinne die Ohren des Zuhörers glänzen und funkeln.

Georg Friedrich Händel gilt uns als einer der Hauptvertreter der barocken Opera seria. Seine italienischen und Londoner Erfolge beleben seit vielen Jahren wieder das Repertoire, seine Oratorien finden auf die Bühne und eine Rarität nach der anderen wird aus den Bibliotheken ans Tageslicht befördert. Doch sein Opernerstling 'Almira, Königin von Castilien' ist ein Stück Musiktheater, das einen jungen, unverkrampften und ideenreichen Komponisten zeigt, der sich noch nicht an den Strukturen der Seria orientiert. Die Hamburger Operntradition ist ohnehin eine besondere, zur Blüte geführt von Reinhard Keiser. Und dessen Weggang aus Hamburg 1704 ist es zu verdanken, dass der junge Händel die Chance erhielt, ein nun liegengebliebenes Libretto für die Hamburger Oper zu vertonen.

Das Werk lässt nichts aus, was auf einer Bühne Effekt machen könnte: Intrigen, Eifersuchtsszenen, Treueschwüre, Duell- und Kerkerszenen, Festzüge, häufige Szenenwechsel und Liebesbekenntnisse werden in Baumrinden eingeritzt. Das ist pralles Barocktheater vom Feinsten, ganz in der Hamburger Manier sprachlicher Vielfalt – deutschsprachige Arien und Ensembles wechseln sich mit italienischen ab, die Rezitative treiben auf Deutsch die herrlich abstruse, komplizierte und temporeiche Handlung voran und die französische Oper hat in den Tänzen und kurzen Formen ihre Spuren hinterlassen.

Lustvoll aufspielend

Einen Eindruck vom enormen Unterhaltungspotential der 'Almira' kann man sich nun beim Label cpo machen. Auf vier CDs ist eine Koproduktion vom Boston Early Music Festival und Radio Bremen von 2018 erschienen. Die musikalischen Leiter Paul O’Dette und Stephen Stubbs legen eine Edition vor, die zum ersten Mal auf allen auffindbaren Originalquellen basiert, behutsam ergänzt und rekonstruiert. Ein stilistisch bewandertes Ensemble erweckt die leidenschaftlich bewegten Figuren zum Leben, während das Boston Early Music Festival Orchestra lustvoll aufspielt. So eine üppig instrumentierte Händel-Oper erwartet man nicht, wenn man sich als neugieriger Hörer in die 'Almira' versenkt. Farbenreich setzt der Komponist alles ein, was damals in Hamburg zu haben war. Die farbigen Bläser dieser Ersteinspielung berauschen förmlich, die agilen Streicher und das hervorragende Continuo geben den Puls. Harmonisch wild geht es an manchen Stellen zu und O’Dette und Stubbs reizen auch die komischen Momente genüsslich aus, wie das musikalisierte Türklopfen in Tabarcos Arie oder die feurigen Kastagnetten, die augenzwinkernd nach Spanien entführen.

Das Opernspektakel wird aber nicht weniger von den energetischen Solisten getragen. An vorderster Front belebt der Tenor Zachary Wilder als Osman den Höreindruck. Seine Stimme klingt zunächst recht nasal und leicht schnarrend, aber der Sänger geht mit seinem Material so raffiniert um, dass man die fehlende Klangschönheit schnell vergisst. Wilders Interpretation sticht durch ihre Klarheit in Phrasierung und Artikulation hervor, seine Höhe ist strahlend, die dynamischen Abstufungen entwaffnend. Sein amouröser Gegenspieler Fernando wird von Colin Balzer gesungen. Dieser hat das schönere Stimmmaterial, kann aber nicht an die Prägnanz des Tenorkollegen Wilder heranreichen. Dennoch gefällt Balzers schlanke Stimmführung, die Leichtigkeit und Verträumtheit, mit der er beispielsweise seine Arie 'Schöne Flamme' ausstattet. Das ist frei von jeder Künstlichkeit und entwickelt sehr heutige Song-Qualitäten. Überhaupt gönnen sich die Musiker an einzelnen Stellen stilistische Auslegungen, die in ihrer Direktheit und Chansonhaftigkeit positiv überraschen. So punktet beispielsweise auch der Bariton Jesse Blumberg als Raymondo im zweiten Akt mit 'Zweier Augen Majestät' – ein Moment zum Dahinschmelzen bei einer ansonsten eher unauffälligen, aber stimmlich tadellosen Leistung.

Feuchte Augen

Die Damenriege ist bestens besetzt, wenn sich die Stimmen auch nicht so signifikant unterscheiden, dass man beim bloßen Hören immer wüsste, wer gerade singt. Dabei liefert Emöke Baráth als Almira Vokalglanz und -schönheit vom Feinsten – von Wärme durchzogene, lyrische Bögen, brillante Höhen und emotionale Tiefe. 'Geloso tormento' im ersten Akt ist mit Baráth ein regelrechter Showstopper mit Garantie für feuchte Augen. Als Edilia bietet die Einspielung die lupenrein artikulierende und intonierende Amanda Forsythe. Ihr Sopran ist ein wenig kristalliner als der von Emöke Baráth. Die Höhe wird manchmal etwas spitz und anfangs fehlt ihrer Darstellung eine Portion Fulminanz, aber im Laufe der Einspielung steigert sich die Künstlerin und rundet das Bild der verschmähten und eifersüchtigen Liebenden glaubwürdig ab.

Das gelingt Teresa Wakim als Bellante nur bedingt. Alles ist ordentlich gesungen, aber auch tendenziell blass und zeitweise mit flacher Tongebung. Das soubrettige Timbre passt aber fraglos zu ihrer Partie. Christian Immler ist ein sonorer und bisweilen auch mutig falsettierender Consalvo, während ein bestens disponierter Jan Kobow mit untrüglichem Gespür für Pointen und sprachliche Finesse den Diener Tabarco zum Kabinettstückchen macht. Diese 'Almira' befeuert die Fantasie, liefert pralles Barockspektakel und lässt im übertragenen Sinne die Ohren des Zuhörers glänzen und funkeln – eine mehr als lohnende Ausgrabung!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Almira, Königin von Castilien: Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203520527


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Händel, Georg Friedrich


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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