> > > Daniel Peter Biro: Mishpatim: Ensemble SurPlus, SWR Experimentalstudio
Mittwoch, 14. April 2021

Daniel Peter Biro: Mishpatim - Ensemble SurPlus, SWR Experimentalstudio

Im Widerstreit modellierter Gefühle


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dániel Péter Biró besticht durch eine Musiksprache von geradezu magisch fesselnder Kraft, die vergessen lässt, dass 'Mishpatim' streng durchkonstruiert ist.

Ein menschlicher Anreiz, ein Ereignis, ein Erlebnis, ein Text rührt am Gewissen, drängt darauf, mit künstlerischen Mitteln Zeugnis abzulegen. So beschrieb Luigi Nono um 1960 seinen kompositorischen Anspruch. Die Umsetzung folgte einer strengen Ordnung, eng verknüpft mit der ständigen Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Das findet man in 'Mishpatim (Laws)' von Dániel Péter Biró wieder.

Der gebürtige Ungar lehrt seit 2018 als Professor für Komposition an der Grieg-Akademie in Bergen. Die geschichtlichen Beziehungen zwischen mündlicher Tradition, Gedächtnis und Entwicklung von Notation bestimmten seinen Forschungsschwerpunkt. Nach Abschluss seiner Studien in Budapest, Bern, Wien und Haifa war er Gastprofessor in Utrecht und Dozent an der Matrix-Akademie für elektronische Musik des Experimentalstudios in Freiburg, bevor er nach BC Kanada kam. Er erhielt zahlreiche Aufträge zu neuen Werken. Aufführungen an namhaften Festivals und mit ausgewiesenen Experten im Bereich Neuer Musik bestimmen seinen Weg. Hinzu kommen internationale Auszeichnungen. Zwischen 2014 und 2015 war Biró zudem Fellow des Radcliffe Institute for Advanced Study an der Harvard University.

'Mishpatim' ist ein sechsteiliges Werk für Stimme, Kammerensemble, Schlagzeug, Elektronik sowie computergenerierte akustische Geisterinstrumente, die quasi aus dem Nichts kommen. Biró komponierte das Werk zwischen 2003 und 2006, gefördert von verschiedenen Auftraggebern. Uraufführungen der einzelnen Teile folgten zwischen 2006 und 2013. Das Label NEOS, bekannt für Entdeckungen im Dschungel Neuer Musik, produzierte die Einspielung des knapp zweieinhalbstündigen Werkes auf CD durch das Ensemble SurPlus zwischen Dezember 2014 und Mai 2016 im SWR Experimentalstudio in Freiburg. Dafür überarbeitete Biró weite Teile der ursprünglichen Fassung. Bis zur Veröffentlichung der CD vergingen weitere drei Jahre. Der Titel 'Mishpatim' verweist auf einen Abschnitt der Tora, den Text Exodus/Schemot in den Kapiteln 21 bis 24. Moses verkündet den Israeliten die Gesetze Gottes. Biró setzte in seiner Reflektion sechs Schwerpunkte.

Rebellion im Geist

In Teil 1, angelegt für einen sprechenden Perkussionisten, Stimmen und Ensemble, stellt Biró den Satz ‚Trage nicht Wahngerücht um!‘ in Hebräisch, Deutsch, Englisch und Ungarisch musikalisch kodiert und demontiert nebeneinander. 'Lo Tisa' (Du wirst es nicht ertragen) als Titel gesetzt, verdeutlicht Birós Intention. Es geht ihm um Rebellion im Geist, emotional begründete In-Frage-Stellung der biblischen Aussage, musikalisch angekündigt durch ein einleitendes, tief atmendes Stöhnen, das sich in flirrenden Konsonanten fortsetzt. Gedehnte Silben, zerhackte oder zerlegte Wörter, versatzstückartig aus dem Zusammenhang isolierte Textteile, geflüstert, gehaucht, geschrien, inszeniert Biró inmitten kurzer Klangexplosionen, Schleifgeräuschen, Klopfgeläute, verwehendem Schall, scharfzüngigem Jaulen, Saiten-Stottern, Zupfgeräuschen. Die menschliche Stimme mutiert zum dramatischen Element im Reigen perkussiver Instrumente.

In Teil 2, 'VeShesh Shanim', setzt Biró seine mit Akribie betriebene, auf lange Strecken und auskomponierte Pausen angelegte Textausdeutung fort. Aus dem geflüsterten Nichts erhebt sich eine Frauenstimme. Zur Ensemblebegleitung stimmt sie archaisch anmutende Melodiesequenzen an, taucht zurück in das Nichts aus klangdurchsetzten Flüsterpartien. Elektronisch erzeugte Klänge mischen sich in Teil 3, 'LoYeshvu', in den Gesamtklang aus Stimme, Percussion und Ensemble. Birós klanglich intendierte Auslegung des Gebotes, fremde Stämme zu vernichten, erstreckt sich über knapp 26 Minuten angespannter Klangdramaturgie.

Geisterinstrumente

Der abschließende Teil 4 basiert auf sechs Sätzen, ausgehend vom Wort, hin zur Begegnung mit Gott, endend in einer Suggestion über ein mögliches Bild von Gott, das nicht sein darf. Birós Geisterinstrumente, bestimmt von ausschließlich elektronisch erzeugten Klängen, werden zum Sinnbild für das allgegenwärtige wie unfassbare ‚Er‘ in dieser auskomponierten Exegese.

Serielle Werke wie Birós 'Mishpatim' basieren auf einer Ordnung der Musik, die sich zeitlos gültig sieht. Biró dekonstruiert die Textvorlage mittels einer streng durchkonstruierten Kompositionsweise. Sein musikalisches Material leitete er durch ein nummerologisches System ab, bekannt unter der Bezeichnung ‚Gematria‘. Jedem hebräischen Buchstaben ist eine Zahl zugeordnet. So generierte Biró strukturierte Klänge. Mit diesem musikalischen Material entwarft Biró eine Musiksprache von geradezu magisch fesselnder Kraft, die Assoziationen aneinanderreiht, hineinzieht in einen Diskurs widerstreitender Gefühle über die Gebote und das nicht greifbare Göttliche. Tiefere Einblicke in Werke und Künstler bietet das mit Sorgfalt angelegte zweisprachige Booklet. So gelingt eine Hinführung zu einem Gegenwartswerk, das auch über die CD-Wiedergabe nichts an Aussagekraft einbüßt und den Zuhörenden im Bann hält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Daniel Peter Biro: Mishpatim: Ensemble SurPlus, SWR Experimentalstudio

Label:
Anzahl Medien:
Neos
2
Medium:
EAN:

CD SACD
4260063119194


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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