> > > Erwin Schulhoff: Sonate Nr. 3, Ironien, 10 Klavierstücke: Monica Gutman, Klavier
Donnerstag, 22. Oktober 2020

Erwin Schulhoff: Sonate Nr. 3, Ironien, 10 Klavierstücke - Monica Gutman, Klavier

Überschäumend


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Monica Gutman widmet sich Klavierkompositionen des Dadaisten Erwin Schulhoff.

In fast jedem Musikgeschichtsbuch findet man zum Stichwort ‚Dadaismus‘ meist nur ausweichende oder abwertende Bemerkungen mit dem Tenor, dass es da zwar Kompositionen gibt, deren künstlerischer Wert jedoch sehr zeitverhaftet sei. Das unterschlägt, dass der Dadaismus wahrscheinlich eine der radikalsten und lustvollsten Avantgardebewegungen nach dem Ersten Weltkrieg war. Erwin Schulhoff ist hierfür ein prägnantes Beispiel.

In Saarbrücken am Bornschen Konservatorium erhält Schulhoff eine erste feste Arbeitsstelle, aber er ist unzufrieden, ein Eintrag im Tagebuch belegt das: ‚9.11.1920. Saarbrücken! Bornscheins Konservatorium der Musik!! …Schülermaterial Scheiße! Dieses soll Klavierspielen, Musika machen! Zum Kotzen!!! Seit 15. X. ‚Lehrer’ der Oberklassen! Mein Vater, – der Millionär und ich armer Teufel! [...] 9.11. Meine Devise: Lernt Dada daher – o glaubt mir: Dada siegt.‘

Quicklebendige Musik

Schon vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Einspielung zu begrüßen, weil sie eine quicklebendige Musik vorführt, die genau in der Zeit des oben erwähnten Tagebucheintrags entstanden ist und die in den Musikgeschichten kaum Erwähnung findet. Die vorgelegte Auswahl ist dabei als höchst gelungen zu bezeichnen, da sie einerseits Werke ganz unterschiedlichen Charakters präsentiert, andererseits aber einen Zeitraum von 1919 bis 1927 vorführt, indem Schulhoff sich stilistisch von seinen Lehrern löst. In den 'Ironien' (1920) für Klavier vierhändig op. 34 gibt es gelegentliche Reger-, Strawinsky-, Mahler- oder Debussy-Ahnungen, ohne dass man von tatsächlicher Beeinflussung sprechen könnte.

Die Dritte Klaviersonate aus dem Jahre 1927 stellt einen interessanten Versuch dar, Dodekaphonie und Tonalität zu verbinden. Erfreulich, dass angesichts der Komplexität – und zuweilen rhythmischen Vertracktheit dieser Musik – kaum interpretatorische Wünsche offenbleiben. Vor dem Anhören dieser CD empfiehlt es sich, den von Stefan Drees verfassten Text im Booklet zu lesen.

Monica Gutman befreit auch die '10 Klavierstücke' op. 30 von dem Ruch bloßer Virtuosität; Agogik, hohe Anschlagskultur und eine wohldosierte Pedalbehandlung orientieren sich genau am Notentext. Und auch die Metronomangaben werden – selten genug bei vergleichbaren Interpretationen! – exakt befolgt, denn hält man sich an Schulhoffs Tempovorschriften, entgeht man der Gefahr der Sentimentalität. Gleiches gilt auch für die 'Musik für Klavier' op. 35, wie auch für die vom Jazz beeinflussten 'Inventionen' aus dem Jahre 1921. Fazit: eine ungemein lebendige Musik. Die Interpretationen beweisen eine tiefgehende Vertrautheit mit dem kaleidoskopartigen Charakter dieser Musik. Diese gelungene Einspielung zeichnet ein pulsierendes und überschäumendes Bild der Musik der 1920er Jahre, ohne dass auf nachdenklichere Töne verzichtet würde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Erwin Schulhoff: Sonate Nr. 3, Ironien, 10 Klavierstücke: Monica Gutman, Klavier

Label:
Anzahl Medien:
WERGO
1
Medium:
EAN:

CD
4010228738520


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Schulhoff, Erwin


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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