> > > Palestrina: Lamentations: Cinquecento
Mittwoch, 30. September 2020

Palestrina: Lamentations - Cinquecento

Klagegesänge


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Palestrina ist mit seinen Lamentationen für die Karwoche bei Cinquecento in idealen Kehlen.

Zum ausgreifenden Werk Giovanni Pierluigi da Palestrinas (1525-1594) gehört eine Reihe von Lamentationen nach den Klageliedern des Propheten Jeremia, die der Karwoche der katholischen Kirche das musikalisch-kontemplative Gepräge gaben. Sie sind als Teil der Codices 58 und 59 in der Bischofskirche des Bistums Rom, der Basilika San Giovanni in Laterano überliefert, wurden im 18. Jahrhundert wiederentdeckt und sind heute als Buch II seines Schaffens bekannt.

Sie zeigen Palestrina in der Nachfolge Costanzo Festas und Cristóbal de Morales‘ als Meister des ebenmäßigen Satzes, der bei aller Intensität kultivierten Geste der Klage: Wer einen (weiteren) Beleg dafür sucht, warum Zeitgenossen und Nachfahren Palestrinas Stil als Ideal des kontrapunktischen Klangs verehrten – hier kann er oder sie reichlich fündig werden. Natürlich: Die an Zahl kaum überschaubaren Messen und Motetten zeugen vergleichbar von der hohen Kunst dieses Komponisten. Hier aber ist, in der Tradition der großen Vorgänger in diesem Repertoire, eine noch einmal gesteigerte emotionale Dichte zu beobachten, ohne dass Palestrina mit etwas anderem als kompositorischer Kunstfertigkeit auf der Höhe seiner Möglichkeiten agieren würde. Der zeitgenössische Musiktheoretiker Pietro Cerone schrieb über dieses Repertoire: ‚Die Lamentationen werden so gesetzt, dass alle Stimmen in Würde und Demut fortschreiten. (…) In dieser Musik macht der Komponist mehr als in jeder anderen Gebrauch von Dissonanzen, Vorhalten und klanglichen Härten, um sein Werk trauriger klingen zu lassen, ganz wie es der Sinn der Worte und der liturgische Anlass erfordern. Sie werden stets von sehr tiefen und vollklingenden Stimmen gesungen, durchweg von erwachsenen Männern und nur einem Sänger pro Stimme.‘

Was für ein Ensemble!

Man meint, Cerone habe das Ensemble Cinquecento Renaissance Vokal vor Augen und Ohren gehabt, als er das schrieb, so sehr trifft das auf die 2004 gegründete Formation zu. In der famosen Besetzung mit dem Countertenor Terry Wey, den Tenören Tore Tom Denys und Achim Schulz, dem Bariton Tim Scott Whiteley, dem Bass Ulfried Staber sowie gelegentlich ergänzend den Tenören Bernd Oliver Fröhlich, Jan Petryka und Vojtěch Semerád sind Ebenmaß, Harmonie, lineare Schönheit, endloser Atem und perfekt ausgehörtes Gefüge zu erleben, all das in reichem Maß.

Das Ensemble greift auf üppige Erfahrungen in der gemeinsamen Arbeit zurück, mit dem klaren Repertoireschwerpunkt bei der Renaissance-Musik aus dem Umfeld der Habsburger. Die Vokalisten reüssieren aber auch hier ganz selbstverständlich: Es ist beeindruckend, wie natürlich und sicher die Balance zwischen individueller Kenntlichkeit und perfekter Integration in das Ensembleideal ganz und gar ohne Mühen gelingt. Einige der Protagonisten, vor allem Terry Wey, aber auch Tore Tom Denys, haben in den letzten Jahren solistisch von sich hören lassen – Wey durchaus auf großen Bühnen und mit etlichem Erfolg. Und doch haben sie sich bei Cinquecento eine musikalische Heimat bewahrt, ein Refugium von ganz besonderer, offenbar wirklich inspirierender Qualität.

Große Kunst

Intoniert wird im gesamten Verlauf der neun Lektionen der drei Lamentationen für Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag makellos. Und in Anbetracht des langsamen Fortschreitens der Sätze gibt es wahrlich genügend Gelegenheit, sich in jede Konstellation einzuhören. Neben dieser Qualität beeindruckt sehr deutlich, wie gelassen die Vokalisten Gesten in gedehnten Tempi substantiieren – das zeitigt ganz große lineare Kunst, betont dennoch den Sinn für das Gewebe. Bei aller Betonung des Zarten, Durchscheinenden widerstehen die Vokalisten der Versuchung, die von Palestrina gemäß der Beschreibung Cerones einkomponierte Stimmung noch zu betonen: Sie vertrauen ganz einfach Palestrina und dessen Kunst. Die Kartause Mauerbach bei Wien ist schon vielfach ein idealer Ort für die Aufnahme feiner Kontrapunktik gewesen. Auch hier befindet sich alles in fantastischer Balance, ist die maximale Klarheit der Strukturen garantiert, ist das Geschehen ideal mit dem Raum versöhnt.

Palestrina ist mit seinen Lamentationen für die Karwoche bei Cinquecento in idealen Kehlen. Wer sich hier nicht von den Qualitäten des Komponisten überzeugen lässt, dem ist in dieser Hinsicht vermutlich nicht zu helfen. Ein Schmuckstück der an Höhepunkten reichen Diskografie des Ensembles ist es zudem.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Palestrina: Lamentations: Cinquecento

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571282848


Cover vergössern

Palestrina, Giovanni Pierluigi


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... Glanzvoll: Cinquecento mit Renaissancerepertoire der Habsburgerhöfe: Es ist auch auf dieser Platte mit Musik von Johannes de Cleve das pure Vergnügen, den fünf Vokalisten zuzuhören. Repertoireabeit kann glanzvoll sein. Cinquecento beweist es. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Loreleys Klangzauber: Schöner und inniger als Julia Kleiter kann man diese Lieder kaum singen – inhaltlich ist aber noch deutlich Luft nach oben. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Qualität von der Seite: Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Baltische Reise: Eine weitere Folge der Reise rund um die Ostsee an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert: Dem Ensemble Peregrina dabei zu folgen, macht große Freude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Glanzvoll: Cinquecento mit Renaissancerepertoire der Habsburgerhöfe: Es ist auch auf dieser Platte mit Musik von Johannes de Cleve das pure Vergnügen, den fünf Vokalisten zuzuhören. Repertoireabeit kann glanzvoll sein. Cinquecento beweist es. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Poesie der Reife: So frisch wie Schumann hier – mit Heine – wirkt, so beseelt, inspiriert und bei kompositorischen Kräften sind nur ganz große Künstler je in ihrem Schaffen anzutreffen. Prégardien und Michael Gees fühlen das mit der Poesie der Reife nach. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Düstere Beschwörungen: Pianist Frank Peters und Mezzosopranistin Ekaterina Levental beginnen eine Gesamteinspielung der ziemlich individuellen Lieder des Russen Nikolaj Medtner. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Klänge des 21. Jahrhunderts: Das London Symphony Orchestra bietet zwölf jungen Komponistinnen und Komponisten eine freie Spielfläche. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zwischen klassischem Klavierkonzert und Filmwalzer: Der Pianist Oliver Triendl und der Dirigent Ernst Theis werben auf einer schönen CD für die klassische Seite des Operettenkomponisten Oscar Straus. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich