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Mittwoch, 30. September 2020

Purcell: King Arthur - Gabrieli Consort & Players

Zauberhafter Teil des Ganzen


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Purcells 'King Arthur' auf den Text von John Dryden gehört in seiner Komplexität und Theatralität auf eine Bühne. Ist aber eine Reduktion auf die Musik gewünscht, dann ist McCreeshs Einspielung ohne Zweifel die momentan beste Wahl.

Es ist immer schwierig, einer Semi-Oper des ausgehenden 17. Jahrhunderts als musikalischer Gesamteinspielung auf Tonträger zu folgen. Die Musik ist eben nur ein Teil des Werkes. Wenn die langen Sprechpassagen fehlen, ist es nahezu unmöglich, einer Handlung zu folgen. Henry Purcells Semi-Opern sind im Grunde großangelegte Schauspiele mit einem anspruchsvollen musikalischen Beitrag, der das Theaterspektakel strukturiert und um weitere Dimensionen bereichert. Dass es vornehmlich allegorische Figuren oder kleinere episodische Nebenrollen sind, die sich singend äußern, macht es nur noch unübersichtlicher für den heutigen Hörer, sich einen wie auch immer gearteten Zusammenhang zu erschließen. Wenn man die Musik Purcells aber so serviert bekommt, wie von Paul McCreesh und seine Gabrieli Consort & Players auf ihrer aktuellen Einspielung des 'King Arthur' beim Label Signum Records, dann lösen sich alle Vorbehalte in Luft auf. Man wird schlicht für knappe 100 Minuten verzaubert.

Nur auf Englisch

Von der komplizierten Geschichte um König Arthur, seine blinde Gattin Emmeline und Merlin, die fünf Akte lang gegen den Sachsenkönig Oswald kämpfen und dabei von Entführung bis Schlachtengetümmel im Zauberwald und überdimensionierten Huldigungsakt zum Schluss der Oper nichts auslassen, bekommt man freilich wenig bis nichts mit, wenn man nicht die detaillierte Inhaltsangabe im Beiheft liest. Auch dieser Vorgang ist bei der Neuaufnahme vom Januar 2019 dadurch erschwert, dass sämtliche Textbeiträge inklusive Gesangstexte nur in englischer Sprache verfasst und abgedruckt sind. Wer des Englischen nicht auf entsprechendem Niveau mächtig ist, muss sich Sekundärliteratur beschaffen. Das ist schade, denn gerade die Abhandlungen und Gedanken zu Purcells Behandlung des Generalbasses, der Streicher, der Blechbläser oder zu stilistischen Fragen, wie Purcell zu singen sei, sind hochinteressant und erweitern den Blick auf Purcells Schaffen, das viel zu oft auf 'Dido and Aeneas' reduziert scheint.

Paul McCreesh und seine Musiker haben für diese musikalische Gesamteinspielung, der nur zwei kleinere Trumpet Tunes fehlen, eine eigene Spielfassung erstellt. Die 1691 in London uraufgeführte Semi-Oper liegt nicht als fertig spielbares Werk vor, sondern muss aus verschiedenen Quellen zusammengefügt werden. Viele Quellen sind erforscht, einige Varianten existieren – doch was tatsächlich 1691 in London auf musikalischer Seite erklang, das bleibt in vielen Punkten bis heute Spekulation. Was McCreesh für die vorliegende Doppel-CD zusammengetragen und kombiniert hat, klingt allerdings höchst authentisch und klug durchdacht. Kleinere Einschübe anderer Purcell-Kompositionen sind fraglos legitim und im Hinblick auf historische Aufführungspraxis mehr als nachvollziehbar.

Durchsichtiges Klangbild

Was an diesem 'King Arthur' besonders fasziniert, sind das durchsichtige Klangbild und die Raffinesse gepaart mit großer Leichtigkeit, die das Musizieren des Gabrieli Consort durchziehen. Den Interpreten gelingt eine Gratwanderung zwischen altertümlicher Eleganz, die den Hörer spürbar um Jahrhunderte zurückbefördert, und einem mutigen, sehr heutigen Zugriff auf Purcells Rhythmik und Farben, der das Theatrale und Unmittelbare der 'King Arthur'-Musik betont. Irritierende, schroffe Momente gibt es nicht, aber eine stringente und konsequente Interpretation einer ungewöhnlichen Opernmusik.

Von den Gesangssolisten irgendjemanden hervorheben zu wollen, erscheint vor dem glutvollen Ensemblegeist, der dieser Aufnahme innewohnt, ungerecht. Alle Solisten agieren restlos überzeugend, in ihren vokalen Qualitäten erlesen und typgerecht eingesetzt. Vielleicht mag man bemängeln, dass die vier Sopranistinnen sich im Timbre nicht unbedingt stark voneinander abheben, dass auch bei den Tenören ein instrumentaler Klang kultiviert wird, der von Charakterfarben Abstand nimmt. Aber all das fügt sich in ein schlüssiges Gesamtkonzept. Anfangs muss man viel nachlesen, wer wohl gerade den Solopart übernimmt, dem man fasziniert lauscht, doch bald erkennt man ein Prinzip. Carolyn Sampsons glasklare aber beseelte Stimme verzaubert als Philidel, als She und am Ende vor allen Dingen als Venus mit dem berühmten 'Fairest Isle'. Der muntere Cupid ist bei Rowan Pierce in besten Händen, während Anna Dennis und Mhairi Lawson nicht nur das Duett der Schäferinnen veredeln. Der noble Bariton Roderick Williams‘ kommt unter anderem als Grimbald und als He zum Einsatz, Ashley Richards steuert die profunde Basstiefe beispielsweise für den populären Cold Genius bei. Bei den Tenören sind Jeremy Budd mit leichter Höhe und James Way mit beeindruckender Schlichtheit und Reinheit am Start.

Magie

Viele Stellen bleiben lange im Ohr haften, so einige Nummern entfalten so etwas wie Magie: atemberaubend das atmosphärische Zusammenspiel der Instrumentalisten mit Ashley Richards bei 'What power art thou', das verführerische Sirenenduett mit Sampson und Dennis, die Verwandlung 'Soft Tune' im fünften Akt mit Gänsehautgarantie und schlussendlich das derbe und entsprechend mitreißende 'Your hay it is mow’d', das kurz vor Ende der Oper einen überraschenden Ton anschlägt.

Es bleibt dabei: Purcells 'King Arthur' auf den und mit dem Text von John Dryden gehört in seiner Komplexität und Theatralität auf eine Bühne. Ist aber eine Reduktion auf die Musik gewünscht, dann ist McCreeshs Einspielung ohne Zweifel die momentan beste Wahl.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Purcell: King Arthur: Gabrieli Consort & Players

Label:
Anzahl Medien:
signum classics
2
Medium:
EAN:

CD
635212058923


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Purcell, Henry


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signum classics

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