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Sonntag, 20. September 2020

Into Nature - Enrico Onofri, Imaginarium Ensemble

Natürlich


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Vivaldi der anderen Art: Feiner, nicht immer verhaltener, voller natürlicher Töne, in einem Zugriff abseits des Gewohnten und des Gewöhnlichen. Auch die programmatische Einbettung ist stimmig. Eine ebenso anregende wie unterhaltsame Platte.

Der italienische Geiger Enrico Onofri ist ein Mann, der die Natur liebt, der sich der Sphäre des Natürlichen beinahe magisch verbunden fühlt. Im Booklettext schreibt er: ‚Mein Wunsch, Mutter Natur, ihrer rettenden Kraft und der von ihr inspirierten Kunst zu huldigen, war der Hauptgrund für meine Entscheidung, dieses Album einzuspielen: Der lyrische Lockruf jenes großen Anteils der Welt, der auch ohne uns Menschen existieren würde – mit seinen Klängen, Bildern, Gerüchen, Geschmäckern und Empfindungen –, ist in Wirklichkeit der beste Wegweiser für diejenigen, die Natur und Kunst zu den Eckpfeilern ihrer Existenz machen.‘ Nicht weniger als das also.

Onofri folgt diesem ‚lyrischen Lockruf‘ auf verschlungenem Pfad, mit dem Ziel der 'Vier Jahreszeiten' von Antonio Vivaldi, doch aus der Tiefe des musikhistorischen Raumes kommend, aus den naturalisierenden Sphären des frühen Barock – von Biagio Marini und Tarquinio Merula zu Marco Uccellini. Clément Janequins vierstimmiger 'Chant des oyseaulx', 1528 in Paris gedruckt und hier in einer Fassung für zwei Violinen, Viola und Violoncello geboten, ist dabei ein musikalischer Urkern der Naturfixierung. Betont wird das Leichte, das Spielerische, auch das Lautmalerische. Doch suchen Onofri und sein Imaginarium Ensemble auf der bei Passacaille erschienenen Platte nicht den vordergründigen Effekt, gehen sie mit Verzierungen sparsamer um als man vermuten könnte, setzen sie ganz auf Verinnerlichung.

Konsequenter Weg

Und dieser Weg trägt auch zu Vivaldi, dessen sattsam bekannten Konzert-Vierer neu hören zu wollen, vermessen scheint und doch mit dieser Einspielung möglich wird: Auch hier gerät alles spielerisch, ohne expressiven Überdruck. Schon der Beginn des Frühlings schlendert entspannt aus dem Hintergrund ins Ohr; vor allem die bei Vivaldis Konzerten oft zu hörende übermäßige Betonung des rhythmisch-rasanten Moments fehlt hier erfreulich deutlich. Dazu trägt auch die Wahl der Instrumente entscheidend bei: Onofri entscheidet sich für die Amsterdamer Le Cène-Ausgabe von 1725, die außer im Herbst-Konzert, für das ein Cembalo gefordert ist, die Orgel als Continuo-Instrument vorsieht. Dazu gibt es eine Streicherbesetzung lediglich bis zum Violoncello hinab, was zu einer lichten Ensemblewirkung beiträgt. Dazu kommen unerwartete Tempoimpulse, insgesamt die Anmutung des beiläufig aus der Luft Aufgeschnappten und dann im Ensemble naturalistisch Explizierten, dann und wann kontrastiert mit sehr klug dosierter, schroffer Kraft.

Primus inter pares ist Enrico Onofri, mit makelloser Technik und präziser Tongebung. Doch sind Imaginationskraft und eigenwilliger Zugriff bei weitem wichtiger für sein Spiel. Er inspiriert mit seinem Ansatz seine Mitstreiter spürbar, mit einer genuin musikantischen Geste und unbändiger Lust zur fantasievollen Entfaltung. Das Ensemble – vier Violinen, zwei Violen, Violoncello, Erzlaute, Theorbe, dazu Orgel oder Cembalo – greift diesen Duktus auf. Der Verzicht auf Kontrabass oder Violone hellt den Klang entschieden auf, unterstützt das behände, durchsichtige, griffige Spiel der Formation.

Stringente Ästhetik

In den langsamen Sätzen verbreiten sich lyrische Schönheit von mürber Qualität und eine Vivaldi unbedingt angemessene Wendung ins Karge; rasche Wendungen und Passagen erblühen unter einem zwitscherhaft-vogeligen Zugriff. Insgesamt ist das eine stringente Ästhetik, die da geformt wird: Alles Starre und Schematische in dynamischen und Tempofragen – und gerade die Jahreszeiten sind extrem anfällig für in dieser Hinsicht unkluge Zugänge – ist wie weggeblasen. Dazu wird intonatorisch mit dem ‚reinen Klang‘ gespielt, wird manches angeraut, finden Begleitstimmen immer wieder Mut zur Exposition bis hin zum Harschen. Auch das Spiel mit der Balance zwischen Solist und Ensemble ist interessant: Neben impulsiver Frische gewohnten Formats stehen schattige Lyrismen; das Fahle der langsamen Sätze wurde schon angesprochen. Und im 'Adagio molto' des Herbst-Konzerts tritt die Solo-Violine fast gänzlich hinter einen fantasievoll ausgesetzten Basso continuo zurück. Das Klangbild ist prächtig, plastisch und reich an Substanz, voller Saft und Kraft, zugleich stark im Abbild feiner Gesten: Auch die technische Realisierung trägt den mit Balancen spielenden Ansatz konsequent und hochklassig mit.

Also ein Vivaldi der anderen Art: Feiner, nicht immer verhaltener, voller natürlicher Töne, in einem Zugriff abseits des Gewohnten und des Gewöhnlichen. Auch die programmatische Einbettung ist stimmig. Eine ebenso anregende wie unterhaltsame Platte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Into Nature: Enrico Onofri, Imaginarium Ensemble

Label:
Anzahl Medien:
Passacaille
1
Medium:
EAN:

CD
5425004840622


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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