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Donnerstag, 28. Januar 2021

Passion - Atilla Aldemir, Itamar Golan

Spätwerke für Bratsche


Label/Verlag: GWK Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Philosophische Gedankengebäude der Romantik, gepaart mit der Ersteinspielung von Necil Kazim Akses 'Capriccio' für Viola solo.

Die Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit e.V. (gwk) mit Sitz in Münster hat es sich zum Ziel gesetzt, junge angehende Berufsmusiker beim Einstieg in die Profikarriere helfend zu unterstützen und – nach Preisgewinn beim hauseigenen Wettbewerb – die besten von ihnen mit CD-Produktionen zu belohnen. Jeder weiß, wie wichtig heutzutage so eine (Erst-)Publikation sein kann, um als Künstler seinen Marktwert zu taxieren. Große Wettbewerbe produzieren mit den Preisgewinnern deshalb oftmals CDs. In diesem Fall trifft es einen Musiker, der seine Lebensposition wohl bereits gefunden hat: Attila Aldemir (*Istanbul 1975) ist seit April 2017 Solobratschist des MDR-Rundfunksinfonieorchesters Leipzig. Gemeinsam mit dem herausragenden Pianisten Itamar Golan (Klavier) hat er in einer Doppel-CD beim Label gwk-records.com drei Hauptwerke der Kammermusik-Literatur für Viola und Klavier aufgenommen: die Sonaten op. 120,1 von Johannes Brahms, die Sonate für Violine und Klavier A-Dur (Fassung für Viola) von César Franck sowie die letzte vollendete Sonate, das ist jene für Viola und Klavier op. 147, von Dmitri Schostakowitsch. Und das Ergebnis kann sich hören lassen. Dazu eingespielt sind drei unbekanntere Werke für Viola solo: Von Henri Vieuxtemps das Capriccio 'Hommage à Paganini', von Nicil Kazim Akses (1908-1999) ebenfalls ein 'Capriccio' sowie 'Troja'. Die letzten beiden Komponisten stammen wie Attila Aldemir aus der Türkei.

Brahms‘ Violasonaten sind der Prüfstein eines jeden Bratschers: Die hier zu hörende erste Sonate f-Moll, op. 120,1, spielen die Künstler mit selten erlebter Eleganz. Auch der Zugriff Itamar Golans am begleitenden Klavier ist fabelhaft und von unerhörter Dynamik. Dafür ist er bereits seit Jahrzehnten bekannt, doch hat der Israeli seine Leistung immer konstant auf höchster Ebene halten können, obwohl er auch schon 50 ist. Es ist ein Genuss, den beiden beim Musizieren zuzuhören und sich den warmen Strömen der Brahms‘schen Melodielinien auszusetzen. Das 'Andante' spiegelt die traurige Ernsthaftigkeit des Komponisten wider, die in fast allen seinen Werken immanent ist, und das ausgesprochen exemplarisch. Zart streicht Aldemir auch hier über die Saiten. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass er dank seines Mentors Matthias Maurer (Universität für Musik und Darstellende Kunst in Graz) auf einer der ältesten, spielbaren Bratschen der Welt musiziert: einer Pellegrino Zanetti aus Brescia von 1560! Ihr Sound ist gülden, sie verzeiht fast alles und klingt immer.

Leidenschaft und Emphase

Auch die Adaption der Sonate für Violine und Klavier von César Franck in der Fassung für Viola und Klavier scheint auf dieser Aufnahme absolut gelungen. Aldemir spielt eine Fassung in der Originaltonart mit gelegentlichen Oktavierungen nach unten, die aber kaum auffallen und sehr geschickt gemacht sind. Die Sonate verliert so überhaupt nicht an Wirkung, im Gegenteil – durch die sonoren Violaklänge der Mittellage entsteht ein besonders sehnsüchtiges, üppiges Melos. Es gibt ja auch Cellisten, die diese Sonate gerne spielen, aber auf der Bratsche klingt sie wirklich am schönsten. Den Eingangssatz 'Allegretto ben Moderato' mit seinem nahezu orgelmäßigen Klaviersatz stemmen die beiden Musiker mit Leidenschaft und Emphase. Da entsteht ein nahezu philosophisches Gedankengebäude. Das sich anschließende 'Allegro' ist nicht immer ganz konsequent in den Rubati gestaltet, aber das ist auch Geschmacksache. An dieser Stelle soll einmal das sehr klar gegliederte, moderne ‚Booklet Editing‘ von Susanne Schulte (gwk) gelobt werden. Sie hält als Geschäftsführerin des regen Vereins ohnehin die Fäden in der Hand und führt – mit starken Partnern – von Münster aus seit Jahren höchst erfolgreich mehrere Nachwuchs-Konzertreihen in der Kulturregion Westfalen.

Die zweite CD beginnt mit der berühmten Sonate für Viola und Klavier op. 147 von Dmitri Schostakowitsch, die er erst am 5. Juli 1975 fertigstellte, rund einen Monat vor seinem Tod: Es war sein letztes Werk. Der ausgedehnte Kopfsatz 'Moderato' enthält äußerst bizarre Momente, steigt quasi mit einem abgewandelten Zitat (Anfang von Alban Bergs Violinkonzert) – ebenso wie Berg – äußerst lyrisch in die Komposition ein. Auch Zitate seiner (Schostakowitschs) 14. Sinfonie sind in der Sonate versteckt, sowie als Thema des letzten Satzes eine Melodie, die er als 9-Jähriger aufgeschrieben hatte: Schostakowitsch-Biograf Krzysztof Meyer deutet das als Versuch, quasi ‚wie mit einer Klammer seinen ganzen schöpferischen Werdegang zusammen[zufassen]‘.  Die Sonate ist formal zwar dreisätzig, stellt mit der Satzfolge langsam – schnell – langsam aber das überkommene klassische Prinzip schnell – langsam – schnell auf den Kopf.

Ergreifend

Attila Aldemir und Itamar Golan verstehen es, dieser entrückten Tonsprache ein Geheimnis zu entlocken: Schostakowitschs letzte einsame, toddurchtränkte Gedanken finden hier Niederschlag in Klängen. Insbesondere die Kadenz des letzten Satzes spielt der Bratschist ergreifend. Da möchte man hoffen, dass man ihn bald wieder live damit erleben kann. Es ging dem Komponisten gesundheitlich bereits überaus schlecht, als er an der Violasonate arbeitete, berichtet Meyer. Nur ein heroischer Akt von Willensanstrengung ließ ihn seine Arbeit am Finale – innerhalb von zwei Tagen! – vollenden. Entstanden ist ein Adagio voller Tränen, das zudem noch Beethovens berühmtes Mondscheinsonaten-Thema verarbeitet. Auf diese Art huldigen die beiden Künstler indirekt auch noch Beethoven zu dessen 250. Geburtstag. Diese Sonate ist unglaublich reichhaltig und interpretatorisch absolut gelungen.

Drei Capricci – zwei davon von zeitgenössischen türkischen Komponisten – schließen sich an, womit Aldemir seiner türkischen Herkunft Respekt zollt. Hierzulande sind Necil Kazim Akses (1908-1999) sowie Halit Turgay (*1967, Flötist und Komponist, Professor an der Ankara Music and Fine Arts University) absolut unbeschriebene Blätter, jedoch war Akses, der in Europa studiert hat, immerhin Mitarbeiter Paul Hindemiths beim Aufbau des Konservatoriums Ankara und danach zeitweise dessen Leiter. Turgay ist dagegen ein sehr reger Solist und Organisator von Wettbewerben, Meisterkursen und Uraufführungen seiner eigenen Kompositionen.

Zum Träumen

Akses zählt zur Gruppe der ‚Türkischen Fünf‘, die als erste türkische Meister die musikalische Tradition ihrer Heimat mit westeuropäischer Kompositionstechnik verbanden. Sein Capriccio für Viola solo (1978), hier in Ersteinspielung, schwingt, nach wild um sich greifendem Beginn, zunächst lyrisch in weiten Kreisen und gibt dem Solisten weiten Raum. Dann kumuliert der dicht geschriebene Text quasi in einer Kadenz mit virtuosen Strängen. Dabei intoniert der Solist die Doppelgriffe sauber und versiert. Manche Passage lädt zum Träumen ein und wird auch dynamisch weit zurückgenommen. Unverkennbar durchsetzt von Anderthalbtonschritten verortet sich die Tonalität im Orientalischen. Es ist bereits ein Spätwerk des 70-Jährigen, in das Aldemir seine ganze Leidenschaft legt.

'Troja' von Halit Turgay (*1967) ist dagegen ein noch avantgardistischeres Opus aus dem Jahr 2018. Es startet äußerst zerbrechlich, verhalten, und nutzt in der langsamen Einleitung Effekte wie Sul-Tasto-Spiel, also dem Streichen auf dem Griffbrett. Da wird gehörig Spannung aufgebaut, ehe das eigentliche Werk mit aufrührerischer Motorik anhebt. Das macht fast den Eindruck wie improvisierter Jazz, aber alles ist sehr feinziseliert und niemals brutal. Eine Pizzicato-Melodie, die sich dynamisch entwickelt, bringt neues Material, bevor getragene Doppelgriffe dominieren. Abrupt setzt wieder etwas Neues ein: Tremolo und Bartók-Pizzicato, bei dem die Saite auf das Griffbrett knallt, erschüttern die Szenerie, aber es kommt noch heftiger, ein lautes Geräusch kann gar nicht identifiziert werden. Abwechslungsreicher kann man nicht komponieren. Diese Platte ist ein Plädoyer für Halit Turgay.

Henri Vieuxtemps‘ 'Capriccio' 'Hommage à Paganini' für Viola solo op. 9 (1882 posthum veröffentlicht) fühlt sich danach wie Himbeereis mit Vanillesoße an. Tief fühlend lotet Aldemir hier die Klänge der Romantik des 19. Jahrhunderts aus und vergräbt sich keineswegs nur in purer Virtuosität. Seine hier zum Einsatz kommende Viola von Alexandre Breton (2017) ist fantastisch. Ihr Klang ist in der Tat nuancenreich und geht ab ‚wie ein Rennwagen‘, wie Aldemir im Booklet scherzt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Passion: Atilla Aldemir, Itamar Golan

Label:
Anzahl Medien:
GWK Records
2
Medium:
EAN:

CD
4260113461457


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Akses, Necil Kasim
Brahms, Johannes
Franck, César
Schostakowitsch, Dimitri
Vieuxtemps, Henri


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GWK Records

GWK RECORDS präsentiert junge Musikerinnen und Musiker, die mit renommierten internationalen Preisen ausgezeichnet wurden, die durch originäre Gestaltungskraft und technische Meisterschaft überzeugen und deren künstlerische Persönlichkeit fasziniert.

GWK RECORDS setzt kompromisslos auf höchste Qualität bei Aufnahme und Ausstattung der CDs. Dabei engagiert das Label die besten Tonmeister, die ausschließlich in Räumen mit einer bestechend natürlichen Akustik aufnehmen. GWK RECORDS stellt zudem regelmäßig Ersteinspielungen wichtiger zeitgenössischer Werke vor.

GWK RECORDS ist ein Kulturlabel der GWK-Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit aus Münster.


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