> > > Gustav Mahler: 8. Symphonie: Düsseldorfer Symphoniker, Adam Fischer
Dienstag, 14. Juli 2020

Gustav Mahler: 8. Symphonie - Düsseldorfer Symphoniker, Adam Fischer

Das Ewig-Sachliche zieht uns hinab


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ádám Fischer und den Düsseldorfer Symphonikern ist mit dieser Live-Einspielung von Mahlers 8. Sinfonie eine ordentliche Interpretation gelungen; die notwendigen Ekstasen bleiben jedoch zu oft auf der Strecke.

Von allen Mahler-Sinfonien hat es die Achte auf einer CD wohl am schwersten. Denn mehr noch als Mahlers andere sinfonische Werke ist die 'Sinfonie der Tausend' vor allem eines: ein Livespektakel. Und als solches Liveerlebnis ist das Werk auch gedacht. Das fängt bereits bei der imposanten Besetzung an, die sich auf der CD nur noch imaginiert nachvollziehen lässt, und geht weiter bei räumlichen Spielereien Mahlers wie etwa dem Einsatz von Fernbläsern. Und sicherlich ist es umso eindrucksvoller, wenn die Sängerin der Mater Gloriosa im Konzertsaal von der höchsten Empore aus singt, um zur innigsten Musik das Ewig-Weibliche als paradiesische Vision vorwegzunehmen. Dessen ungeachtet sind in der Praxis insbesondere im Zuge etlicher Gesamtzyklen zahlreiche Unterfangen gestartet worden, die Sinfonie als Audio-Einspielung festzuhalten. Mit dem vorliegenden Livemitschnitt unter Ádám Fischer und den Düsseldorfer Symphonikern präsentiert das Label CAvi-Music einen weiteren Versuch, dem Werk trotz seiner nicht unwesentlichen Gebundenheit an die Livesituation überzeugend auf CD zu begegnen.

Nüchterne ‚Riesenschwarte‘

Wie schon der bisherige Zyklus verdeutlichen konnte, ist Fischer kein Mann allzu überschwänglicher Ekstasen und präsentiert vielmehr einen nüchternen und solide durchdachten Mahlerklang, dem die Düsseldorfer mit großer Motivation folgen. Doch was bei der ein oder anderen Sinfonie noch besser zutragen kam, wirkt sich bei der Achten nicht mehr allzu überzeugend aus. Zweifellos ist Mahlers angestrebter utopisch-paradiesischer Erlösungstopos nicht selten Grund, warum sich der ein oder andere schwer mit dem Werk tut. Man denke hier nur daran, wie sehr die ‚Riesenschwarte‘ Adorno missfiel, und das obwohl eben jener Adorno einen so essentiellen Einfluss auf die Wiederentdeckung Mahlers in der Musikforschung ausübte. Doch auch wenn einem die affirmative Erlösungsbotschaft nicht zusagen mag, so ist es doch unabdingbar, bei der musikalischen Interpretation dieser Sinfonie ein gesundes Pathos der rein sachlichen Durchhörbarkeit vorzuziehen.

Schlichte Schönheit

Momente, bei denen Fischer mit seinem unprätentiösen Ansatz überzeugen kann, sind durchaus vorhanden; man nehme nur das instrumentale Zwischenspiel im zweiten Teil nach der ersten Tenornummer ('Hier ist die Aussicht frei'), bei dem die Mater Gloriosa bereits orchestral angedeutet wird. Was bei vielen Dirigenten in Kitsch oder nichtssagenden Schönklang ausufert, wird bei Fischer zum ausgewogenen Zusammenspiel von Streichern und Harfe und zieht gerade aus seiner zurückhaltenden Charakteristik eine beeindruckende Schönheit.

An anderen Stellen wiederum wirkt sich das schüchterne Streicherspiel eher negativ aus. Gewiss, das hohe Tremolo in den Geigen zu Beginn des zweiten Teils ist von Mahler mit einem Pianissimo versehen worden, dennoch führt die übertriebene Befolgung dieser Vorgabe in der Einspielung zu einem fehlenden Puzzlestück bei der Erzeugung der mystischen Waldungsatmosphäre. Auch die flexible Mahlersche Agogik wird von Fischer, wie schon in den vorherigen Einspielungen, zumeist nur in eine Richtung, nämlich hinsichtlich einer Verlangsamung des Tempos, realisiert. Besonders im längeren Instrumentalabschnitt vor dem Einsetzen des finalen Chorus Mysticus verlieren Mahlers effektvolle Subitopiano-Sprünge durch das verschleppte Tempo jedoch an nötiger Zündkraft.

Brillanter Klang von Chor und Blech

Die Qualität der darbietenden Musiker überzeugt hingegen fast ausnahmslos. Bei den Düsseldorfer Symphonikern begeistern insbesondere die Blechbläser mit einem charismatisch brillanten Klang, der zugleich Fischers Lesart zugutekommt. Der Chor ist ebenso motiviert und meistert dank vorhandener dynamischer Flexibilität sowohl die extremen Fortissimo-Passagen als auch die Momente des leisesten Gesangs wie etwa den Beginn des Chorus Mysticus. Die Solosänger hinterlassen einen insgesamt sehr homogenen Eindruck, ohne jedoch größere individuelle Akzente zu setzen. Neal Cooper als Doctor Marianus und Polina Pastirchak als Una Poenitentium alias Gretchen fallen etwas ab, hierbei muss jedoch auch die hohe Anforderung beider Gesangspartien berücksichtigt werden. Cooper offenbart so manche Probleme mit den Spitzentönen seiner Partie, die durchwegs eng und nasal gesungen werden, was er bei seinem zweiten Soloauftritt ('Blicket auf') mit einer überzeugenden Darstellung des Textes etwas kompensieren kann. Pastirchak wiederum übertreibt es hier und da mit dem überschwänglichen Affekt auf den hohen Tönen (vor allem bei ‚er kehrt zurück‘) und stemmt diese mit viel Vibrato und Dramatik, die zur Rolle des mädchenhaften Gretchen doch recht quer stehen.

Wenig Innovation

Am Ende wird dem Zuhörer mit dieser Einspielung eine gute Darbietung von Mahlers 8. Sinfonie präsentiert, insgesamt jedoch auch nichts wirklich Neues erzählt. So bleibt die CD ein weiterer Beleg dafür, dass das Werk zum einen von der Ekstase lebt und dass Fischers Sachlichkeit hier wenig Innovation bereithält; zum anderen bestätigt sich aufs Neue, dass die 'Sinfonie der Tausend' als CD-Aufnahme, mehr noch als die anderen Mahler-Sinfonien, ihre Wirkungskraft einbüßt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gustav Mahler: 8. Symphonie: Düsseldorfer Symphoniker, Adam Fischer

Label:
Anzahl Medien:
CAvi-music
1
Medium:
EAN:

CD
4260085534746


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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