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Sonntag, 25. Oktober 2020

Hanns Eisler: Songs 1917-1927 - Holger Falk, Steffen Schleiermacher

Von der Tragik des Lebens


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bariton Holger Falk und Pianist Steffen Schleiermacher präsentieren Lieder von Hanns Eisler.

500 Lieder komponierte Hanns Eisler (1898-1962). Autodidaktisch begann er schon mit 11 Jahren als Kind zu komponieren, Sonaten und Lieder nach Texten von Jens Peter Jacobson, die er bei wohlhabenden Schulfreunden am Klavier ausprobierte, weil er zu Hause keine Gelegenheit hatte. Der Vater, selbst Sänger, war von den Kompositionen seines Sohnes wenig begeistert. Nichtsdestoweniger komponierte er weiter und kompensierte damit auch die tragischen Eindrücke des Ersten Weltkrieges. Vier Monate war er im Einsatz zwischen Grenzgebiet von Italien, Österreich und Slowenien. Es entstanden die beiden Kompositionen 'Der müde Soldat' und 'Die rote und weiße Rose' nach chinesischen, von Klabund übersetzten Gedichten, die einzigen aus Eislers Frühzeit 1917 erhaltenen Lieder.

En vogue

Die anschließende Schaffensdekade Hanns Eislers bis 1927 präsentieren Bariton Holger Frank und Steffen Schleiermacher am Klavier auf ihrer neuen CD. Überaus einfühlsam interpretieren sie die in der Regel sehr traurigen Kompositionen. Es entstehen ergreifende, in der Tiefe pulsierende, tonal und rhythmisch facettenreiche, bedrückende Stimmungsbilder. Chronologisch und thematisch geordnet singt Frank 37 Lieder. Nach dem fröhlichem 'Mädele, bind den Geißbock an' aus 'Des Knaben Wunderhorn' wechselt die Stimmung abrupt in dissonante Melancholie. Vorwiegend in der deutschen Literatur wurde Eisler fündig, von der empfindsamen Dichtung eines Claudius über Eichendorffs Romantik, Büchner, Nietzsche und Morgenstern bis zu den Expressionisten. Dazu wird mit Rabindranath Tagore und Klabunds Übersetzungen seine Vorliebe für asiatische Gedichte deutlich, die in der damaligen Zeit en vogue waren. Doch kein Liedtext spiegelt genau die literarische Vorlage. Eisler änderte sie immer etwas ab, um sie ‚der Musik brauchbar zu machen.‘

Erstaunlich ist, wie spannungsreich Eisler als Autodidakt zwischen Gesangsstimme und Klavierbegleitung die Balance hält, dem Klavier sehr viel Raum gewährt, um die Liedstrophe nachhallen zu lassen oder umgekehrt die Instrumentallinie durch den Gesang zu verdichten. 1919 nahm er bei Arnold Schönberg wegen dessen ‚vorzüglichen Kontrapunkt-Unterrichts‘ Stunden. Schönberg war sehr stolz auf seinen Schüler und nobilitierte die ersten Kompositionen Eislers mit Opuszahlen. Dazu zählen die 'Sechs Lieder' op. 2 von 1922, typische expressionistische Werke, deren große Gesangsintervalle und pathetische Dynamik Frank durch seinen großen Tonumfang souverän und klangschön intoniert. Lautmalend, textadäquat durch Violinbegleitung (Andreas Seidel) intensiviert, lockert Christian Morgensterns 'Mausefalle', eine witzig parodistische Befreiungsaktion einer Maus, kurz die düstere Grundstimmung dieser CD auf, die gleich darauf durch Georg Trakls 'Melancholie' über die Sterblichkeit klagt. Selbst Trakls 'Im Frühling' ist tonal noch im Schatten des Kriegs verortet.

Schrille Klangmuster

Eislers musikalische Hinwendung zum alltäglich Satirischen wird in den elf 'Zeitungsausschnitten für Gesang und Klavier' op. 11 hörbar, Lieder, die in Berlin 1922 als überaus provokativ und skandalös empfunden wurden. Deutlich an Bertolt Brecht orientiert, geht Eisler textlich und kompositorisch neue Wege, um ideologische Hintergründe zu beleuchten. Skurrile Geschichten, Annoncen, Kinderreime inspirierten ihn zu schrillen Klangmustern fern der üblichen Liedkonzerte der bürgerlichen Kreise. Frank bleibt hier dennoch meist der konzertante klangschöne Liedsänger. Nur im 'Kriegslied eines Kindes' leuchten vulgäre Artikulation und latente Ironie im Brechtschen Sinne auf, bevor der Liederzyklus mit 'Was möchtest du nicht', ebenfalls aus 'Des Knaben Wunderhorn', ganz unromantisch skurril endet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Hanns Eisler: Songs 1917-1927: Holger Falk, Steffen Schleiermacher

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD
760623212623


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Eisler, Hanns


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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