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Mittwoch, 8. Juli 2020

#CelloUnlimited - Daniel Müller-Schott, Violoncello

Faszinierende Cellosonaten


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Cellist Daniel Müller-Schott überzeugt auf seinem neuen Album auf ganzer Linie.

In der Cello-Literatur ereignete sich nach Bachs Cello-Suiten wenig. Erst im 20. Jahrhundert wurde das Violoncello für die Komponisten wieder interessant. Eine Auswahl der besten Solo-Sonaten präsentiert Daniel Müller-Schott, einer der weltweit renommiertesten Cellisten. Schon der Beginn mit Kodálys dreiteiliger Sonate für Cello solo op. 8 (2015) stellt die CD auf höchstes Niveau. Die beiden tiefen Saiten um einen halben Ton tiefer gestimmt, entsteht fast eine orchestrale Wirkung. Die beiden konträren Themen des ersten Satzes, kraftvolle Leidenschaft contra innige Zartheit, stehen für den programmatisches Rahmen dieser CD, mehr noch für das Können Müller-Schotts, der durch seine technische Brillanz und präzisen Interpretationen immer ein Maximum an Klangschönheit erzielt, was er mit jeder Interpretation von Neuem unter Beweis stellt. Im zweiten langsameren, mehr lyrischen Satz fasziniert sein subtiles Pizzicato-Spiel, der dritte gibt Raum für seine temperamentvolle Virtuosität.

Verzweifelte Seele

Zwischen zwei ganz unterschiedlichen Stimmungen bewegt sich auch Prokofjews Solosonate op. 134, die, in seinem Todesjahr 1953 komponiert, Fragment blieb. Müller-Schott interpretiert die Sonate wie ein Psychogramm. Klänge werden zum Ausdruck einer malträtierten Seele. In der lyrisch elegische Melodie eröffnen sich die kantige Abgründe einer verzweifelten Seele, zwischendurch leuchten ganz unerwartet fröhlich tänzerische Elemente wie freundliche Erinnerungen auf. 

Um die Elegie des Lebens kreist auch Hindemiths fünfteilige Solosonate op. 25 Nr. 3 von 1922 im dritten Satz. Er ist eingebettet in einen wild bewegten Rahmen. Mit harten Bogenstrichen, unbeugsam, mit sehr scharf markierten Vierteln ganz im Sinne der Vorgaben Hindemiths prallen tiefe forsche Tonlagen auf gequälte Höhen. Düster bewegt, interpretiert Müller-Schott die Melodie des zweiten Satzes zum Vorboten für die sich eröffnende Elegie des dritten Satzes, wo er aus pochenden auf- und hochwallenden Tonskalen sehr berührend das Verlöschen der Sehnsucht hörbar macht. Anders als Hindemith zielt er im vierten Satz mit ‚lebhaften Vierteln‘ schon sehr expressiv und dynamisch auf den vehementen, fast militanten Schlussteil.

Spektrum dramatischer Stimmungen

Ein gut konzipierter Kontrast dazu ist Henzes 'Serenade', die er mit 23 Jahren 1949 als Bühnenmusik für Shakespeares Komödie 'Viel Lärm um nichts' komponierte. In den neun, sehr kurzen, unter einer Minute liegenden tonalen Bühnenbildern entdeckt Müller-Schott ein breites Spektrum dramatischer Stimmungen von romantischer Gitarrentonalität, über Liebessehnsucht, mit Zupfeffekten bis zur witzig keck skurrilen Lautmalerei.

Zum ersten Mal präsentiert er auf dieser CD mit 'Cadenza' eine Eigenkomposition, entstanden als Applausstück, beeinflusst von einer Reihe von Kompositionen, die ihn geprägt haben. Hier lotet Müller-Schott das gigantische tonale und gesangliche Spektrum seines Instruments aus und zeigt in flirrenden Höhen ungewöhnliche Empathie und Emotion. Dazu passt im Anschluss hervorragend die frühe Solosonate des avantgardistischen US-Amerikaners George Crumb von 1955, deren romantische bis impressionistische Klangelemente und Melodien Müller-Schott fließend oder pizzicato in satten Klangfarben, dynamischer Rasanz und emotionaler Tiefgründigkeit präsentiert und mit dessen jazziger Rhythmik er im dritten Satz ganz neue Akzente setzt. 

Den Abschluss bildet Pablo Casals 'Gesang der Vögel', ein katalanisches Weihnachtslied, das er ab 1939 immer in seinen Exilkonzerten spielte, wodurch es zur heimlichen Nationalhymne avancierte. Hymnisch ist an dieser schlichten Melodie nichts, aber sie lässt Hoffnung schöpfen und als Casals ‚Friedensbotschaft an uns alle‘ will Müller-Schott den 'Gesang der Vögel' ins Bewusstsein der Hörer bringen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    #CelloUnlimited: Daniel Müller-Schott, Violoncello

Label:
Anzahl Medien:
ORFEO
1
Medium:
EAN:

CD
4011790984124


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Crumb, George
Henze, Hans Werner
Hindemith, Paul
Kódaly, Zoltan
Prokofieff, Sergej


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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