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Mittwoch, 1. Dezember 2021

Johannes Brahms: Piano Concerto No.1, Four Ballades - Lars Vogt, Royal Northern Sinfonia

Mit absoluter Innigkeit


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lars Vogt meistert Brahms Klavierkonzert Nr. 1 D-Moll mit der Royal Northern Sinfonia. Dazu 4 Balladen op. 10 in solider Interpretation

Um Brahms‘ erstes Klavierkonzert d-Moll op. 15 ohne Dirigenten vom Klavier aus zu leiten und dabei noch voll konzentriert als Solist zu agieren, braucht es eine gestandene Künstlerpersönlichkeit: Lars Vogt hat es gewagt und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Er kann es und spielt sowohl mit Überzeugung als auch technisch überragendem Vermögen dieses komplexe Werk, welches Brahms 1859 im Alter von 26 Jahren in Hannover uraufführte. Die von dem Pianisten im Booklet angesprochene, hier ‚vorauszusetzende größere Eigenständigkeit des Orchesters‘ ist vollends gegeben bei der hier in der neuen Aufnahme beteiligten Royal Northern Sinfonia. Sie ist Großbritanniens einziges hauptamtliches Kammerorchester, beheimatet am nordenglischen Konzerthaus Sage Gateshead. Das gegenseitige Vertrauen zwischen Solist und Orchester war wohl von Anfang an da, so klingt es zumindest in dieser feurigen neuen Produktion, die – gemeinsam mit dem Deutschlandfunk verantwortet – beim finnischen Label Ondine erschienen ist. Zusätzlich erklingen die 'Vier Balladen' op. 10 für Klavier solo, die diese entdeckenswerte Brahms-Platte abrunden.

Der 1970 in Düren geborene Lars Vogt hat seine Karriere seit seinem Studium bei Karl-Heinz Kämmerling kontinuierlich entwickelt. Er reüssierte schon als junger Mann in den späten 80ern beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert in Erlangen, ehe er 20-jährig den 2. Preis beim internationalen Klavierwettbewerb Leeds gewann. Seitdem sind seine Verbindungen ins Vereinigte Königreich exzellent. Unzählige Male in den abgelaufenen Jahrzehnten jettete er dorthin zu Auftritten. Er konzertierte auch mit den New Yorker (unter der Leitung von Lorin Maazel) wie mit den Berliner Philharmonikern. Seinen Faible für Kammermusik lebt er aus, als er 1998 das Kammermusikfestival 'Spannungen' im Kraftwerk Heimbach (Eifel) gründet. Er schart dort seine Auswahl ausgezeichneter Künstler wie zum Beispiel die Geschwister Christian und Tanja Tetzlaff, Isabelle Faust, Antje Weithaas, Tatjana Masurenko oder Sharon Kam und weitere um sich, um oft vom WDR mitgeschnittene Konzerte anzubieten. Seit Kämmerlings Tod 2012 bekleidet Vogt dessen ehemalige Klavier-Professur an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Jüngst wurde er Chefdirigent des Orchestre de Chambre de Paris.

Innigkeit und Leichtigkeit

Brahms‘ Klavierkonzert ist in seiner Pathetik kaum zu überbieten. Vogt gelingt ein goldener Mittelweg, zwischen schlank-wendiger Klaviertechnik und genügend Ausdruck für den langen Eingangssatz 'Maestoso'. Er drischt nicht, er forciert nicht, dabei ist er nicht langsam, allerdings erreicht Vogt nicht ganz die Plastizität und vor allem jene Elastizität von Clifford Curzon in dessen 1962er-Decca-Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra unter George Szell, die im Rhythmus so unglaublich stabil daher kommt und nie angestaubt klingt. Im Vergleich dazu nimmt der Hörer es vielleicht doch wahr, dass Vogt auf den separaten Dirigenten verzichtet.

Das 'Adagio' spielt Vogt mit absoluter Innigkeit und dafür darf man ihn loben. Ihm gelingt da ein weiter Bogen durch den streckenweise unbegleiteten oder hier nur dünn orchestrierten Klaviersatz. So kommt es zwischen Tutti und Solist zu einem filigranen Dialog. Die Orchesterzwischenspiele werden durch die RNS sensibel musiziert und sind lupenrein. Auch die Arpeggien gelingen dem Dürener mit müheloser Leichtigkeit, so dass er besonders mit seinem dezenten Pianissimo und fortschrittlicher Trillertechnik in der kleinen Kadenz glänzt. Das religiöse Zelebrieren von Clifford Curzon – der lange 16 Minuten für den Satz braucht – will Vogt vielleicht gar nicht kopieren. Das ist sicher nicht sein Interpretationsgeschmack. Er findet einen modernen Weg. Auch Rubinstein ist 1976 (im Alter von 89 Jahren!) mit dem Israel Philharmonic unter Zubin Mehta langsamer als Vogt unterwegs, aber nicht mehr soviel. Doch Rubinsteins Klavier fleht mehr und ist schöner, vordergründiger abgemischt, aber die Hörner sind dafür in dieser Vergleichsaufnahme an entscheidender Stelle unrein. Lars Vogts Flügel klingt allerdings etwas matter, wie aus leichter Ferne. Rubinstein lässt die Finger wohlig perlen; sein Vortrag zieht noch magischer an.

Das Finale des d-Moll-Konzerts ist ein 'Rondo' mit strenger, synkopierter Themenführung. Hier gefällt das Spiel Lars Vogts außerordentlich, weil er einen sauberen Anschlag pflegt und den polyphonen Charakter des Satzes besonders gut trifft. Hier korrespondiert er bis zum strahlenden Schluss in Dur mit der Royal Northern Sinfonia stets auf Augenhöhe. Das gefällt!

Fuß auf dem Pedal

Die 'Vier Balladen' op. 10 (1854) von Johannes Brahms nahm Vogt am 20. Januar 2019 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln auf. Auffallend bei der sogenannten 'Edward-Ballade', der ersten des Zyklus in d-Moll, ist, dass sich die Pianisten der letzten 100 Jahre nicht so einig waren über die Tempogestaltung. Die Zeiten, die am Ende auf der Uhr stehen, differieren zwischen 3'44 Minuten bei Wilhelm Kempff oder Wilhelm Backhaus (3'59) bis hin zu 4'56 bei Julius Katchen. Lars Vogt versucht mit 4'36 den Ausgleich zu finden, startet mit konzentriertem Klang ins Manöver. Insgesamt gibt es zahlreiche Einspielungen dieser Balladen, so dass sich dem Hörer viele Vergleichsmöglichkeiten bieten. Sehr überzeugend klingt die Nr. 1 bei Grigory Sokolov, weil er Brahms‘ Dynamik streng einhält und manchmal den entscheidenden Augenblick abwartet, aber auch Vogt überzeugt, selbst wenn sein Anfangspiano kräftiger ausfällt. Die Bögen trennt er manchmal nicht so wirklich, wodurch Konturen verwaschen, aber vielleicht liebt er diese blutrünstig-schottische Nebelstimmung, die ja in der Textvorlage auch irgendwo mitschwingt. Im Mittelteil hat Vogt aber den Fuß sehr tief auf dem Pedal. Da verschwimmt einiges.

Das zweite Andante führt harmonisch mit seiner Chromatik an Wagner heran, obwohl die beiden sich nicht leiden konnten. Schließlich nannte Brahms Wagner einen ‚geschwätzigen Pedanten‘, schätzte aber dessen ‚riesige Arbeitskraft‘ und seinen ‚kolossalen Fleiß‘, obwohl ihn Wagners Opern, in denen ‚herrliche Sachen drin seien‘, so ‚schrecklich ermüdeten‘. In seinen Balladen brachte Brahms seine Gedanken auf jeden Fall auf den Punkt. Doch auch hier sind riesige Interpretationsvarianten zu verzeichnen: Backhaus stürmt wie ein Besessener drauflos und hat viel Rhythmus im Blut. Seine 4'50 vergehen wie im Fluge. Ein frischer Flow kommt dort rüber wie bei keinem sonst. Als Brahms 1897 starb war Backhaus 13, lernte den Komponisten im Alter von 11 Jahren noch kennen. Lars Vogt zielt wie Wilhelm Kempff bei seinem Anfang mehr auf Ruhe, Weite und verlaufende Konturen. Verträumt mutet Vogts Version des Andante an; die Hammerschläge des 'Allegro non troppo' sind bei ihm dann aber markanter (‚ben marcato‘ schreibt Brahms!) als bei Sokolov. Vogts ‚molto staccato e leggiero‘ klemmt aber etwas im Tempo und verliert dadurch an Spritzigkeit und Humor, den Backhaus hier herauszukitzeln vermag.

Komplizierter Rhythmus

Eigentümlich und kompliziert im Rhythmus wird es im Intermezzo Nr. 3., deren erster Teil komplett wiederholt wird und wo der zweite Teil so eine wunderschön geheimnisvolle kosmische Stimmung durch eine betont hohe Lage erzeugt. Hier macht Rubinstein für mich die beste Figur, weil er sehr sauber und verständlich agiert. Lars Vogt schlägt den Anfang kraftvoll-gravitätisch an, beachtet auch das Piano ab Takt 15. Die Sechzehntel verschluckt er bisweilen aber leider etwas. Die ‚Sternenpassage‘ gerät ihm etwas studiohaft, zu wenig magisch, weil zu rasch. Der deutlich langsamere Sokolov kann im ‚Zauberwald-Mittelteil‘ allerdings ergreifender im Piano singen. Da klingt es nach süßen Vögelein.

Auch die Nr. 4 nahm der Russe in seiner Live-Performance am 10. November 1992 in Paris langsam (10'28!), mit sehr viel Empfindsamkeit und kostete jede Note aus. Da ist viel an Zärtlichkeit., während Kempff auf Linearität setzt. Es geht auch flotter und ebenso gut, wie Rubinstein unter Beweis stellt, der die letzte der vier Balladen nicht so mit Pathos auflädt und sie mit perlendem Ton in 7'25 aufs Silbertablett legt. Vogt spielt zwar auch solide, aber doch irgendwie zu dröge, kann hier nicht wirklich überzeugen, weil er im ‚Più lento‘ doch reichlich diffus anschlägt. Viel besser macht das Julius Katchen, der sowohl das ‚Più lento‘ gliedert und die Melodie führt, als auch genügend galante Leichtfüßigkeit im Tempo I an den Tag legt, so dass die Musik zu schweben beginnt. Trotz mancherlei Kritikpunkte bei den Balladen handelt es sich bei dieser Aufnahme um eine empfehlenswerte Platte auf hohem Niveau.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Johannes Brahms: Piano Concerto No.1, Four Ballades: Lars Vogt, Royal Northern Sinfonia

Label:
Anzahl Medien:
Ondine
1
Medium:
EAN:

CD
761195133026


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Brahms, Johannes


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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