> > > Hamlet: Orchestre de Champs-Elysées, Louis Langrée
Sonntag, 27. September 2020

Hamlet - Orchestre de Champs-Elysées, Louis Langrée

Zeitgemäßes Opernschauspiel


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Hamlet' ist mit seinen erstklassigen Sängerdarstellern und einer klugen Personenregie für so manche Überraschung gut.

Die großen Opern von Ambroise Thomas (1811-1896) waren zu ihrer Zeit Publikumsrenner in Paris. Da glichen sie in ihrer Wirkung den raffinierten Werken eines Giacomo Meyerbeer. Beide Komponisten dürfen als handfeste Theaterpraktiker gelten, die um die nötigen Zutaten wussten, die eine Oper zum Großereignis für das zahlende Publikum machte. Thomas vertonte Goethe, Dante oder Shakespeare, Stoffe von Format und Popularität. Der 'Hamlet' von 1868 auf ein Libretto von Carré und Barbier hatte nahezu alles zu verzeichnen, was man in Paris auf einer Opernbühne bejubeln wollte: Trinklieder, herrliche Chöre, Kampfszenen, eine perfekte Mischung musikalischer Stile und eine veritable Wahnsinnsszene, die an den Showstopper in 'Lucia di Lammermoor' erinnert.

Von der zeitgemäßen Bühnenwirksamkeit des 'Hamlet' kann man sich nun beim Label Naxos einen Eindruck verschaffen. Hier ist auf einer DVD die Neuproduktion vom Dezember 2018 in der Pariser Opéra-Comique erschienen. Regie führte Cyril Teste, die musikalische Leitung lag in den Händen von Louis Langrée. Wer im historischen Kostümrausch abtauchen möchte oder an Shakespeare gemahnende Stilistik braucht, der ist mit dieser Veröffentlichung schlecht beraten und sollte eher zur EMI-Doppel-DVD von 2003 aus Barcelona greifen. Wer zusätzlich zu einer musikalisch überzeugenden Interpretation aber glaubhafte Menschen aus dem Hier und Jetzt erleben will, wird von dieser Neuerscheinung in vielerlei Hinsicht angetan sein.

Spannender Theaterabend

Dem erstklassigen Ensemble und Cyril Teste gelingt das Kunststück, alles opernhafte Pathos und vokalfixierte Stehtableaus zu vermeiden und einen spannenden Theaterabend zu kreieren, der in die Psyche der Figuren blickt, sie in ihren Nöten ernst nimmt und sie ohne Umschweife heutig erscheinen lässt. Auf Leinwände werden assoziative Räume projiziert, aber auch konkrete Verortungen. Seelenräume und Realität greifen ineinander. Ein Kamerateam fängt Gesichtsausdrücke ein, vergrößert Einzelmomente, blickt hinter die Kulissen. Für derlei filmische Aspekte muss man eine Schwäche haben, aber sie lenken auch nicht ab, verstellen nicht den Blick auf das Wesentliche. Gerade in Ophélies Todesszene erzielt die kinoartige Visualisierung des Ertrinkens einen gigantischen Effekt.

Konkurrenzlos

Doch all die szenische Fantasie wäre nichts, wenn hier keine außergewöhnlichen Sängerdarsteller auf der Bühne stünden. Stéphane Degout als Hamlet in Turnschuhen und schlichtem Hemd bildet das starke Zentrum der Produktion. Er ist ein hervorragender Schauspieler, der sparsam mit seinen Bewegungen umgeht und aus dieser Klarheit enormes Potenzial schöpft. Selbst wenn Degout nur stumm im Hintergrund auf dem Boden sitzt, zieht er die Blicke magisch auf sich. Zu dieser großen darstellerischen Qualität gesellt sich eine ausdrucksstarke Stimme, die balsamisch säuseln kann, aber ebenso den Schrei der Verzweiflung kennt. Oft vergisst man, dass Degout gerade zum Niederknien schön singt, weil er so nah an der Sprache agiert, die Einheit von Musik und Text herstellen kann, ohne an Natürlichkeit und Direktheit einzubüßen. Dieser Hamlet scheint momentan konkurrenzlos.

Nicht minder begeisternd ist die Ophélie von Sabine Devieilhe. Auch sie ist eine glaubhafte Darstellerin, die eine moderne, zeitgemäße Ophélie zeichnet, die erst langsam an der Situation zerbricht. Devieilhe kennt zudem keine technischen Hürden – sie singt Thomas‘ Komposition mit einer Raffinesse und detailverliebten Gestaltung, dass es einem den Atem nimmt. Vielen Rollenkolleginnen hat sie weit voraus, wie genau sie mit der Sprache umgeht und dass ihre stratosphärischen Spitzentöne und Koloraturen auf einer grundsoliden Mittellage fußen, die sich ebenso farbenreich und klangschön präsentiert. Erstaunlich, wie mädchenhaft und glockig Devieilhe zu Beginn der Oper noch klingt und wie abgründig und zugleich jenseitig ihr die große Selbstmordszene gelingt.

Darstellerische Qualität

Auch die übrigen Sängerinnen und Sänger halten die darstellerische Qualität der beiden Protagonisten, musikalisch glänzen Devieilhe und Degout allerdings in besonderem Maße. So ist Laurent Alvaro ein einschüchternder Claudius mit herbem Timbre und unheilvoll dräuendem Bass – ein kalkulierender Politiker. An seiner Seite trumpft Sylvie Brunet-Grupposo mit dramatischem Mezzosopran als Gertrude auf. Sie ist eine Königin am Rande des Wahnsinns, ausdrucksvoll in ihrer Mimik, unnachgiebig und volltönend im Gesang. Die Spitzentöne flattern mittlerweile ein wenig, aber dem glaubhaften Rollenporträt tut das keinen Abbruch. Ein Hinhörer und Hingucker ist der Laerte von Julien Behr, mit strahlendem Tenor und glühendem Kern. Jérôme Varnier als Geist, Kevin Amiel als Marcellus, Yoann Dubruque als Horatio und Nicolas Legoux als Polonius vervollständigen rollendeckend das Ensemble.

Am Pult des Orchestre des Champs-Élysées erweist sich Louis Langrée als effektsicherer und äußerst engagierter Anwalt für die Musik Thomas‘. Der überraschend klein besetzte Chor ‚Les éléments‘ stiehlt in den Massenszenen allen anderen Mitwirkenden durch den homogenen, fein ausbalancierten Klang sowie glasklare Diktion die Show. Am Ende begeht Hamlet hier keinen Selbstmord, sondern wird vom Geist seines Vaters zum König ausgerufen. Das ist das Originalfinale der Oper, das so oft vom für London 1869 nachkomponierten Ende abgelöst wird. Dieser 'Hamlet' ist für so manche Überraschung gut.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
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Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hamlet: Orchestre de Champs-Elysées, Louis Langrée

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

DVD
747313564057


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Thomas, Ambroise


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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