> > > Verdi, Giuseppe: La Traviata: Orchestra of the Royal Opera House, Antonello Manacorda
Donnerstag, 2. April 2020

Verdi, Giuseppe: La Traviata - Orchestra of the Royal Opera House, Antonello Manacorda

Ein 'Traviata'-Traumpaar


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ermonela Jaho und Charles Castronovo erweisen sich in Richard Eyres 25 Jahre alter Produktion als 'Traviata'-Traumpaar. Antonello Manacorda liefert dazu die perfekte Balance aus kammermusikalischer Klarheit und glutvoller Italianità.

Seit über 25 Jahren steht nun Richard Eyres Inszenierung von Giuseppe Verdis 'La Traviata' auf dem Spielplan des Royal Opera House, Covent Garden. Bei ihrer Premiere feierte damals die junge Angela Gheorghiu ihren internationalen Durchbruch. Eine DVD der Premierenstaffel liegt bei Decca vor, nun kommt dieselbe Produktion beim Label Opus Arte erneut als DVD heraus, allerdings mit gänzlich neuer Besetzung.

Der Mitschnitt vom Januar 2019 zeigt, wie frisch die Umsetzung noch immer ist und wie genau man in London einstudiert. Eyres Lesart bürstet nichts gegen Strich, Naturalismus beherrscht die Bühne – für alle eher konservativen Zuschauer gibt es viel Historisierendes und große Roben zu sehen, vermutlich eine optische Wohltat für einen Teil des Publikums. Ob einem dieser Zugriff gefällt oder nicht, er ist dramaturgisch wasserdicht und schafft es, – mit den richtigen Sängerdarstellern – zu überzeugen. Richard Eyre, oder besser: den wieder einstudierenden Assistenten, gelingt es hervorragend, die feine Personenführung zu erhalten und eine fast schauspielartige Natürlichkeit zu erzielen. Hier gibt es kein Rampensingen oder klangvergessene Parkpositionen für Sänger. Alle Solisten und auch der hervorragende Chor des Royal Opera House verkörpern ihre Partien mit Hingabe und Spielfreude. Selbst das oftmals unangenehm ‚herausfallende‘ Fest bei Flora im zweiten Bild des zweiten Aktes mit dem Chor der Zigeunerinnen und Stierkämpfer rangiert hier weitab von fragwürdigen Tanzeinlagen – vielmehr zeigt ein beeindruckendes Bewegungsensemble, das eben nicht aus rein klassischen Balletttänzerinnen und -tänzern besteht, wie aus der Situation einer Motto-Party heraus ein wirklich buntes Treiben entstehen kann.

Reizvolle Mischung

Musikalisch lässt diese Wiederaufnahme kaum Wünsche offen. Ermonela Jaho als Violetta und Charles Castronovo als Alfredo bringen für ihre Partien alles mit, was es braucht. Castronovo verfügt über jene reizvolle Mischung aus lyrischem Schmelz und kraftvollem Stimmkern, die seinen Alfredo weniger zum zarten Jüngling als zum jungen flammenden Liebenden macht. Dass er optisch obendrein das Gegenteil eines kleinen, rundlichen Tenors mit Tendenz zu Statik ist, hilft seiner szenischen Glaubwürdigkeit ohne Frage. Herrlich, mit welchem Glanz er das Duett im ersten Akt versieht, um nach seinem dramatischen Ausbruch im vorletzten Bild, alle Sanftheit und Zerbrechlichkeit in 'Parigi, o cara' zu legen. Dass Castronovo auch die gefürchtete Cabaletta im zweiten Akt singt, verwundert nicht.

Eine wirkliche Sensation ist die Violetta von Ermonela Jaho. Sie gebietet über die Leichtigkeit und Agilität des ersten Aktes, verblüfft mit einer atemberaubenden Farbpalette und dramatischem Zupacken im zweiten Akt und raubt dem Zuhörer und Zuschauer mit einem fragilen dritten Akt, der jenseitiger kaum gesungen sein könnte, schlicht den Atem. Jaho besitzt zudem eine Bühnenpräsenz, die nichts Primadonnenhaftes hat. Da ist sie tatsächlich der legendären Premierenbesetzung Angela Gheorghiu einige Schritte voraus. Jaho spielt nicht, sie durchlebt Violettas Schicksal. Die Sinnhaftigkeit ihrer Koloraturkaskaden in 'Sempre libera' ist erfrischend ehrlich, die schwebenden Piani so kunstvoll und doch so direkt und authentisch. Rezitativpassagen wie zu Beginn des dritten Aktes werden mit Jaho zum Erlebnis, ihr 'Addio del passato' oder die große Szene mit Germont kleine Sternstunden.

Zwiespältige Gefühle

Der Germont ist mit Placido Domingo prominent und publikumswirksam besetzt. Was er stimmlich in dieser Aufführung noch liefert, ist nicht ganz unproblematisch. Das unverwechselbare Timbre und seine beherrschende Bühnenpräsenz sind noch immer eindrucksvoll, aber das Altersvibrato gepaart mit der Beobachtung, dass der Wechsel ins Baritonfach nicht in jeder Hinsicht selig macht, hinterlässt zwiespältige Gefühle. Domingo kann den Germont singen, das steht außer Zweifel. Er transportiert Inhalte, stellt den verzweifelten Vater hervorragend dar und bringt einen Hauch Opernglanz vergangener Tage auf die Bühne. Doch gerade im Duett mit Violetta sehnt man sich immer wieder nach eleganten Baritonlinien, satten, warmen Farben – eben nach so manchem Rollenvorgänger aus dem Baritonfach. Was Domingo aber an Klang und Frische fehlen mag, kompensiert er klug durch Glaubwürdigkeit und hohe Musikalität. Geschmacksache bleibt es allemal.

Aus dem übrigen homogenen Ensemble seien noch der strahlende Gastone von Thomas Atkins, Aigul Akhmetshina als Flora und Simon Shibambu als sonorer Dottor Grenvil genannt. Am Pult des Orchestra of the Royal Opera House sorgt Antonello Manacorda für die perfekte Balance aus kammermusikalischer Klarheit und glutvoller Italianità, ohne auch nur in die Nähe von gefälligem Opernkitsch zu geraten. Das überzeugt und reißt von der ersten bis zur letzten Sekunde mit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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    Verdi, Giuseppe: La Traviata: Orchestra of the Royal Opera House, Antonello Manacorda

Label:
Anzahl Medien:
Opus Arte
1
Medium:
EAN:

DVD
809478012924


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Verdi, Giuseppe


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Opus Arte

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