> > > Natale Monferrato - Salve Regina: Ensemble Céladon, Paulin Bündgen
Mittwoch, 26. Februar 2020

Natale Monferrato - Salve Regina - Ensemble Céladon, Paulin Bündgen

Das fehlende Glied


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ist Natale Monferrato das fehlende Glied einer musikhistorischen Kette? Jedenfalls ein Komponist, der gehört werden sollte. Eine erstrangige Repertoirebereicherung. Und ein tolles Medium für einen so begabten Altisten wie Paulin Bündgen.

Jérôme Lejeune, der kluge Kopf hinter dem Label Ricercar und beschlagene Musikologe, überschreibt seinen Einführungstext zur neuen Platte des Altus Paulin Bündgen und des Ensemble Céladon mit 'Natale Monferrato, das fehlende Glied'. Und in der Tat: Monferrato, geboren 1603 und gestorben 1685, scheint das typische Beispiel eines Komponisten zu sein, dem es nicht an Qualitäten mangelte, um in seiner Zeit erfolgreich zu sein, um im Repertoire zu überdauern oder heute diskografisch zu reüssieren, der aber, durch Launen der Musikgeschichte, erst im Schatten größerer Namen stand und dann im Dazwischen verschwand. Monferratos ‚Herausforderer‘ war Francesco Cavalli, der heute als Opernkomponist weit berühmter ist denn als ein Schöpfer geistlicher Werke und vor allem beruflich der kirchlichen Sphäre verbundener Musiker. Und doch war er beides, und zwar erfolgreich: Cavalli wurde 1639 zweiter Organist am Markusdom, nicht Monferrato. Und Cavalli wurde 1668 Nachfolger Giovanni Rovettas als Markus-Kapellmeister, nicht Monferrato, der seit 1647 immerhin als Vizekapellmeister amtierte.

Geistliche Soli

Zu Monferratos maßgeblichen Arbeiten zählen Sammlungen für vokale Soli. Aus dem dritten Band von Motetten für Solo-Stimme aus dem Jahr 1666 speist sich das Programm der vorliegenden Platte. Es sind geistliche Soli, die gleichzeitig dramatische Qualitäten haben und in mancher Eigenart einen durchaus kollegialen Austausch mit dem Kollegen Cavalli zu belegen scheinen. Monferrato ist mit seinem lockeren Satz sehr deutlich auf dem Weg zur klar gegliederten italienischen Kantate des späten 17. Jahrhunderts – entschieden in der textlich deutenden Geste, mit klar voneinander abgegrenzten Abschnitten, die nicht mehr weit entfernt von echtem Satzcharakter siedeln. Übrigens: 1676, nach dem Tod Cavallis, wurde Natale Monferrato dann doch noch Kapellmeister am Markusdom und blieb es bis zu seinem Tod.

Starker Altus auf variantenreicher Basis

Der Altist Paulin Bündgen und sein Ensemble Céladon greifen das üppige Potenzial der Kompositionen entschieden auf, reich und voller Farben registriert. Die instrumentale Besetzung mit Theorbe, Harfe, Bassviole, Violone, Orgel und Cembalo zeigt, wie variantenreich ein klug disponierter Basso continuo sein kann, mit klar konturierten Klangsphären und stimmig geformten Übergängen der einzelnen Abschnitte, durchaus reich an Kontrasten, dazu auch rhythmisch frisch und klar zeichnend. Ein wirkungsvoller Rahmen für Paulin Bündgen, dessen Stimme ausgeglichen strömt, dazu enorm geläufig ist, sprachmächtig ohne Manier, überzuckert von einem harmonisch durchgebildeten Timbre. Keine Frage: Der Franzose Bündgen hat sich in den vergangenen Jahren aus der Sphäre des geschätzten Ensemblesängers längst zu einem eindrucksvoll kompletten Altisten entfaltet, vielleicht eher in Nischen unterwegs, darin vergleichbar dem Spanier Carlos Mena. Aber so wie der mit eminenter Qualität und gerade darin manchem weit berühmteren Fachkollegen nicht nachstehend. Die Tempi bilden schöne Kontraste; zwischen viel bewegtem Dreiermetrum werden ruhige, fast flächige Wirkungen entfaltet. Intoniert wird in allen Konstellationen beglückend. Das Klangbild ist klar und fein gestaffelt, getragen von räumlichem Charme – genau so, wie es der Musik angemessen ist.

Ist Natale Monferrato das fehlende Glied einer musikhistorischen Kette? Jedenfalls ein Komponist, der gehört werden sollte, mit Musik, die sich lohnt. Eine erstrangige Repertoirebereicherung. Und ein tolles Medium für einen so begabten Altisten wie Paulin Bündgen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Natale Monferrato - Salve Regina: Ensemble Céladon, Paulin Bündgen

Label:
Anzahl Medien:
Ricercar
1
Medium:
EAN:

CD
5400439004054


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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