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Donnerstag, 22. Oktober 2020

Dancing with the Sun King - Ensemble Odyssee

Barocke Ballnächte entdecken


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Odyssee präsentiert Musik vom Hof des Sonnenkönigs.

König Ludwig XIV. (1638-1715) war das Zentrum, um den der ganze Hofstaat kreiste. Was er mochte, wurde zur Regel. Er liebte es zu tanzen, also hatte das gesamte Land für ihn und nach ihm zu tanzen. Der Tanz wurde über das reine Vergnügen hinaus zum politischen Werkzeug. Die Adeligen hatten bei Zeremonienbällen regelmäßig teilzunehmen. Wer gesellschaftlich anerkannt sein wollte, musste tanzen können. Um eine gute Figur zu machen, entstand ein ganz Wirtschaftszweig mit Tanzlehrern, Musikern, Kostümen, Tanznotationen. Oft monatelang wurden die Bälle vorbereitet. Nur die besten Tänzer durften paarweise nach Rängen tanzen, nachdem der König, selbst ein begabter Tänzer, den Tanz eröffnet hatte. Ballettaufführungen brachten die Tänze auf die Bühne und in den adeligen Kreisen wurde es Mode Hausbälle zu veranstalten.

Das Kammermusikensemble Odyssee hat es sich zur Aufgabe gemacht, die musikalische Welt dieser Tänze bekannt zu machen. Mit viel Wissen und Erfahrung auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis haben sich Anna Stegmann (Blockflöte), Eva Saladin (Violine), Georg Fritz (Blockflöte, Oboe) und Andrea Friggi (Cembalo) bereits ein beachtliches Image erspielt.

Perspektivwechsel

Für seine neue CD 'Dancing with the Sun King' um acht Musiker und um Viola, Cello, Fagott, Musette und Tambourin erweitert, wählte das Ensemble Kompositionen von Michel Pignolet de Montéclair und Jean-Féry Rebel, einem Schüler Jean-Baptiste Lullys, aus, die sie sehr raffiniert arrangieren. Rebels Bühnenkompositionen zwischen den Montéclairs Ballsuiten ermöglichen den ständigen Perspektivwechsel vom aktiven Tanzen zum Zuschauen. Um eine größtmögliche Klangauthentizität dieser Tanzmusik herzustellen, wurde die Stimmtonhöhe vom heutigen a=415 Hz auf das damals übliche a=405 Hz heruntergestimmt und wurden kürzere Geigenbögen und eigene Instrumente gebaut oder ausgeliehen, was natürlich auch eine neue Hörweise bedingt.

Montéclairs 'Sérénade ou Concert divisé en trois suites' (1697) ist in mehrfacher Weise etwas Besonderes. Die drei Suiten, jede 15 Minuten lang, beinhalten so viele Tänze, dass man damit einen ganzen Ball ausrichten konnte. Die Auswahl lag in der Hand des Tanzmeisters. Montéclair überließ die Besetzung nicht dem Kapellmeister, sondern legte sie selbst fest. Seine genaue Instrumentation war sein Markenzeichen. Er zeichnet fanfarenhafte Klangstrukturen von Trompeten, Schalmeien und Trommeln nach, obwohl sie gar nicht besetzt sind. Odyssee präsentiert alle drei Teile dieser Suite. Die 'Airs Campestres' beginnen mit dem 'Marche des Bergers' und einem Reigentanz feierlich. Das Ensemble arbeitet in den diversen Tanzkombinationen recht gekonnt die Balance zwischen höfischer Distanz und immer flotterer tänzerischer Dynamik bis zur volkstümlichen Wildheit heraus, so dass sich eine sehr erotisierende Atmosphäre aufbaut, zumal die Instrumente keck untereinander dialogisieren. Rebels 'Caprice' (1711) wirkt in diesem Kontext nach den ersten Takten wie eine beruhigende Pausenmusik, zeigt aber schnell das latente Choreographiepotential, da Rebel immer speziell für eine Tänzerin komponierte. 

Lyrisch verträumt werden Montéclairs 'Airs Tendres' interpretiert. Nach 'Sommeil' geben die Sarabande, Gavotte und Bourée Raum für zarte Gefühle. Beim Menuett lodert tänzerische Lebensfreude auf, die durch Rebels 'Boutade' (1712) für Opernballett ein noch subtileres und filigraneres Niveau erreicht. 

Höfische Contenance

Mit Montéclairs 'Airs de Fanfares' kehrt der Ballabend mit der dritten durchkomponierten Suite zur höfisch-feierlichen Contenance zurück. Vorwiegend im Menuett-Rhythmus komponiert, bringt Odyssee die rhythmischen und klanglichen Variationen sehr markant zur Wirkung. Instrumentensoli, insbesondere die Flöten lockern fröhlich auf. In den beiden Rigaudons wird übersprudelnde Lebensfreude hörbar.

Das große Finale, Rebels 'Les Caractères de la Danse. Fantaisie', eines der berühmtestes Werk jener Zeit. Ein Dutzend Tänze mit unterschiedlichsten Rhythmen und Stimmungen verbindet Rebel nahtlos. Eine große Herausforderung für die Tänzerin, wobei man wegen fehlender schriftlicher Choreografien nicht weiß, wie diese Tanzfolge einst getanzt wurde. Wer sich für barocke Tanzmusik interessiert, wird von 'Dancing for the Sun King' begeistert sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dancing with the Sun King: Ensemble Odyssee

Label:
Anzahl Medien:
Pan Classics
1
Medium:
EAN:

CD
7619990104105


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Rebel, Jean-Féry


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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