> > > Josef Haydn: Streichquartette Vol.11: Leipziger Streichquartett
Sonntag, 19. September 2021

Josef Haydn: Streichquartette Vol.11 - Leipziger Streichquartett

Besonnenheit und Ernst


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit elegantem Geschmack auf den Pfaden der Wiener Klassik: Das Leipziger Streichquartett setzt auf höchstem Niveau seinen Haydn-Zyklus fort.

Das vor 33 Jahren gegründete Leipziger Streichquartett (LSQ) setzte sich vor exakt zwei Jahren noch ein letztes Mal mit seinem altgedienten Cellisten Matthias Moosdorf ins Aufnahmestudio (Konzerthaus der Abtei Marienmünster), um die sechs Joseph Haydnschen Quartette op. 17 aus dem Jahre 1771 aufzunehmen. Wie alle bisherigen Aufnahmen, insgesamt 86 (!) an der Zahl, des einst aus Leipziger Gewandhaus-Stimmführern zusammengesetzten Weltklasse-Quartetts, entstand auch diese für das Detmolder Label MDG und zwar geteilt als Vol. 11 und Vol. 12 der weiter der Vervollständigung harrenden Gesamtaufnahme der 68 Haydn-Streichquartette.

Die Künstler haben das op. 17 sinnigerweise auf zwei CDs verteilt, die geraden (op.17,2/4/6) und die ungeraden Nummern des Opus, wobei sich diese Rezension auf die letztere Platte bezieht, wobei die Dramaturgie auch die Reihenfolge der Quartette bei der Pressung modifizierte. Zuerst erklingt hier das Es-Dur Quartett op. 17,3. Mit neunzehneinhalb Minuten Spieldauer ist es das kürzeste Quartett. Es ist klassisch rund gestaltet und wird auch im Ton so angegangen, der von der ersten Violine (Stefan Arzberger) her immer süß und solidest singt. Die Geschmeidigkeit des Klanges in allen Stimmen tritt deutlich als Markenzeichen des Quartetts in allen Stimmen hervor. Hier wird Sound gediegen austariert und immer mit großem musikalischem Bogen dieser außergewöhnlich charmante Variationssatz musiziert. Das sich anschließende volkstümlich gehaltene Menuett ist ganz klassisch geformt. Die vier machen da keine Zicken. Der langsame Satz diente wohl Mozart als Vorbild für seine damaligen Quartettambitionen und hat ebenfalls jene himmlische Note, die hier mit Ehrlichkeit und großer Emphase ausmusiziert wird, ehe das 'Allegro molto' Haydnsche Heiterkeit versprüht. Da ist auch subtile Virtuosität gefragt, die die vier vom Leipziger Streichquartett, quasi so nebenbei, ganz natürlich bereithalten. Eine Freude, hier zuzuhören!

Selten erlebte Synchronität

Opus 17,5 in G-Dur gilt nach Ludwig Finscher als das angeblich schwächste der Serie. ‚Haydn sei bei diesem Werk, welches er als letztes des Zyklus‘ zu Papier brachte, ‚nicht mehr viel eingefallen‘‘. So krass formuliert darf man das nicht stehen lassen: Der Moderato-Kopfsatz überrascht mit einem widerspenstigen, gegen den Strich gebürsteten lombardischen Rhythmus im Eingangsmotiv und hält auch darüber hinaus jede Menge Synkopen bereit. Der Satz hat auch allein wegen seiner zeitlichen Ausdehnung von rund 10 Minuten Spieldauer überdurchschnittliches Gewicht. Und das Leipziger Streichquartett zieht seine Interpretation, die gediegen in der Klanggestaltung ist und klar die Themen gliedert, durch. Dynamisch weiß das Ensemble immer eine kluge Version anzubieten. Zärtlichkeit bei gleichzeitiger Dichte kommt da in der Satzmitte zum Vorschein, die nur gestandene Ensembles kreieren können. Freilich, extrem exzentrisch, wie bei manchen jungen Nachwuchsensembles, wird es hier nie, aber will man das? Kurz und schmerzlos handelt Haydn das Menuett ab und sagt doch alles aus: Das ist auch eine Form des Humors. Der lyrische Moll-Mittelteil wird hier wunderschön zelebriert. Ebenso hängen die Ohren gebannt am 'Adagio', das wie ein von der ersten Violine vorgetragenes Rezitativ anhebt. Die Begleitstimmen erfassen die Akkorde in selten erlebter Synchronität. Darauf entfaltet die erste Violine blütenzart ihren Gesang. Sehr nobel. Das 'Presto' ist ebenfalls hochvirtuos, hier gibt es geringen Punktabzug wegen zu flüchtigen, manchmal nicht ganz sauberen Spiels. Das ginge bestimmt auch noch leichtfüßiger.

Das letzte Quartett auf der Platte ist eigentlich das erste der Reihe, op. 17,1. In kommodem Moderato bekommen wir hier das überlieferte Bild von ‚Papa Haydn‘ eingespiegelt. Er war nicht nur Erfinder, sondern auch ein Kenner des Genres und wusste, wie die vier Geschwister der Violinfamilie im Zusammenspiel zu behandeln sind. Zum Beispiel hat das Violoncello hier ganz eigenständige solistische Wege abzulaufen, nachdem die Violine bereits einiges vorgelegt hat. Für mich der schönste Satz dieser Platte. Durch Intimität im Vortrag zeichnet sich auch das Adagio aus. Hier führt die erste Violine wieder einmal mehr ein Thema vor, das durch Schlichtheit besticht. Die Musiker des LSQ nähern sich ihm mit Besonnenheit und tiefem Ernst. Das zeugt alles von einzigartigem Werkverständnis und langjähriger Erfahrung. Diese Platte zeichnet ein musikalisches Bild von klassischem Ebenmaß, das in der Wirklichkeit kaum noch anzutreffen ist. Ein verlorenes Klangbild wird hier wieder auferweckt. Das abschließende Presto nimmt dann in ausladender Heiterkeit final Druck aus dem Kessel, weil hier nach Herzenslaune drauflos gestrichen wird. Trotzdem wird nie der Pfad des eleganten Geschmacks verlassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Josef Haydn: Streichquartette Vol.11: Leipziger Streichquartett

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD
760623214122


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Haydn, Joseph


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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