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Mittwoch, 8. April 2020

Juris Karlsons: Oremus - Latvian Radio Choir, Sigvards Klava

Klangpracht


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musik des Baltikums lohnt eigentlich immer, auch Juris Karlsons, dessen attraktive Kompositionen vom Lettischen Radiochor kongenial gesungen werden. Musik, die ästhetisch den Rückspiegel nicht aus den Augen verliert, nie aber im Kern rückwärtsgewandt ist.

Der Lettische Radiochor, eines der Weltklasseensembles aus dem baltischen Raum, ist neben seinen Erfolgen in dem ihm durch seine Klasse und künstlerische Statur gleichsam natürlichen Repertoire – Rachmaninow ist da zuallererst zu nennen – seit vielen Jahren vor allem ein unermüdlicher Botschafter der Werke baltischer Komponisten der Gegenwart: Natürlich spielt Arvo Pärt eine Rolle, genauso wie Pēteris Vasks, dazu in jüngerer Zeit Eriks Esenvalds; ein unfassbar gut gesungenes – und natürlich vom finnischen Altmeister genauso komponiertes – Rautavaara-Programm machte Eindruck.

Jetzt liegt beim Label Ondine eine Platte mit geistlichen Werken des Letten Juris Karlsons (geb. 1948) vor. Der bezeichnet sich selbst als ‚alten Romantiker‘, sieht sich in der Nachfolge Rachmaninows – und ist doch in Bildung, ästhetischer Anschauung und kompositorischer Praxis weit komplexer, als es diese simplifizierende Eingangsbild suggeriert. Karlsons studierte in derselben Choreografie-Klasse wie Michail Baryschnikow, schrieb in der Folge natürlich Ballettmusiken, unterrichtete am Konservatorium, arbeitete als Toningenieur für Radio und Theater, leistete seinen Militärdienst als Schlagzeuger im Orchester der Roten Armee, agierte schließlich als langjähriger Lehrer und Rektor der Lettischen Musikakademie. Ein Weg ohne ganz gerade Linie also, der in den letzten Jahrzehnten auch eine größere Zahl geistlicher Werke gezeitigt hat, von denen hier vier erklingen.

Traumverloren und licht

 

Am Beginn steht das 2018 entstandene, titelgebende 'Oremus', in dem sich der Gebetstext in rhythmisch prägnanten Figuren, zugleich akkordisch bewegt entfaltet, in oft verschmelzender Linearität, mit einer quasi romantischen Geste, nie aber äußerlich im ästhetischen Ansatz. 'Adoratio' aus dem Jahr 2010 wird im Untertitel als 'Sinfonie für Chor und Orchester' bezeichnet. Und es ist das Orchester – hier die wunderbare Sinfonietta Riga –, das in traumverloren lichtem Satz den Einstieg gestaltet, behutsam in das Stück hineintastend. Später nimmt diese Entwicklung den Chor gleichsam in sich auf. Das wirkt hochinspiriert und farbenreich, erwogen und erfühlt gleichermaßen; vor allem Klangsinn verströmt sich im Übermaß. In diesen zarten Gesten wird ebenso wie später in rauer Harmonik und dynamischer Wucht ein intensives Gebet gestaltet. Der finale, knapp sechs Minuten umfassende Satz erinnert dann in harmonischer Faktur und affektiver Geste deutlich an Gustav Mahlers große Adagios. Im dritten Stück 'Le lagrime dell'anima...' von 2013 tropfen die Seelentränen durch das behutsam gesetzte Klavier, flankiert vom sich allmählich zu eigenem Gewicht emanzipierenden Chor, gesteigert zu durchaus opulenter Geste – bevor mit 'Ora pro nobis' aus dem Jahr 2019 ein konzentrierter Satz den programmatischen Reigen beschließt: Ein Mariengebet, das rhythmisch pulsiert und in seiner linearen Vielschichtigkeit das ganze sonore Potenzial eines großen Chors erfordert.

 

Was für ein Chor!

Damit ist die Musik beim Lettischen Radiochor an der richtigen Adresse: Schon im orchesterbegleiteten 'Adoratio' ist der Chor ein hervorragender, auch differenzierter Akteur, gemeinsam mit dem vielfarbigen Orchester. Seine überreichen Möglichkeiten kann er so richtig aber erst in den unbegleiteten Sätzen entfalten: Die fabelhaft kernigen Register, den langen Atem, den im besten Sinne üppigen Ensembleklang, überaus geschmeidig moduliert und zugleich kraftbasiert von den nicht selten kristallin strahlenden Höhen bis hinab in markante Tiefen. Die Intonation ist lebendig und durchpulst, zugleich sicher wie auf imaginären Schienen, gleichgültig in welcher klingenden Sphäre. In den langsamen Passagen sind extrem weit ausgespannte Linien zu hören, die mit scharf akzentuierter Rhythmik kontrastieren – beide Aspekte bewahren einander verlässlich vor Eindimensionalität und verweisen auf die Schönheiten der jeweils anderen Sphäre. Dynamisch deckt der Chor das größtmögliche Spektrum souverän ab, reüssiert in diesem Programm aber vor allem in der mannigfaltigen Explikation des Stillen.

Die Sinfonietta Riga agiert in delikater Besetzung, mit reichem Schlagwerk, selten in klassisch orchestraler Geste, eher in der Varianz attraktiv, in zart aufgefächerten solistischen Figuren. Das Gespinstartige des Satzes wird gekonnt aufgegriffen, bevor manche Steigerung mit kultivierter Kraft beglaubigt wird. In 'Le lagrime dell'anima...' trägt der Pianist Verstard Šimkus den differenzierten Ansatz des Stückes entscheidend mit, expliziert mit Geduld die vielfältig gebrochenen Linien, ist freilich im engeren Sinne pianistisch kaum ernsthaft gefordert.

Der Aufnahmeort, die Rigaer Johanniskirche, ist ein für das Ensemble vielfach erprobter Raum, das Ergebnis ist folglich stimmungsvoll und gesammelt, angesichts mancher Ballung in 'Adoratio' von erstaunlicher Klarheit. Die Platte unterstreicht: Musik des Baltikums lohnt eigentlich immer – auch Juris Karlsons, dessen attraktive Kompositionen vom Lettischen Radiochor kongenial gesungen werden. Musik, die ästhetisch den Rückspiegel nicht aus den Augen verliert, nie aber im Kern rückwärtsgewandt ist. Ein Hörgenuss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Juris Karlsons: Oremus: Latvian Radio Choir, Sigvards Klava

Label:
Anzahl Medien:
Ondine
1
Medium:
EAN:

CD
761195134221


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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