> > > Cello Concertos: Raphael Wallfisch, BBC National Orchestra of Wales, Lukasz Borowicz
Donnerstag, 2. April 2020

Cello Concertos - Raphael Wallfisch, BBC National Orchestra of Wales, Lukasz Borowicz

Verpflichtung und Lebensaufgabe


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schon lange Zeit widmet sich Raphael Wallfisch selten gespieltem Cello-Repertoire. Auf der vorliegenden CD gelingen ihm dabei erstklassige Interpretationen von Konzerten jüdischer Komponisten, die von der NS-Diktatur ins Exil gezwungen wurden.

Auf den ersten Blick haben die drei Komponisten Paul Ben-Haim, Ernest Bloch und Erich Wolfgang Korngold wenig gemeinsam. Vor allem stilistisch gibt es erhebliche Unterschiede im Schaffen der Tondichter, die allerdings – und hier beginnen die Gemeinsamkeiten – alle vor der NS-Diktatur ins Exil flohen. Zudem schrieben sie auch je ein Cellokonzert, das von Raphael Wallfisch auf der vorliegenden CD interpretiert wird. Verglichen mit den bekannten Konzerten von Haydn bis Schostakowitsch sind die Werke von Ben-Haim, Bloch und Korngold jedoch kaum einmal im Konzertsaal zu hören – eine späte Folge jener Zwang-Exilierung, die erstaunlicherweise bis heute nachwirkt.

Auch bei anderen Komponisten kann man die bedenkliche Tatsache beobachten, dass die einmal erfolgte ‚Verfemung‘ durch die NS-Kulturpolitik teilweise bis heute anhält oder erst in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren allmählich revidiert wurde. Franz Schreker ist hierfür ein prominentes Beispiel. Seine Opern waren bis etwa 1930 die meistgespielten überhaupt; die Verbannung seiner Werke von den Bühnen hielt nicht etwa nur bis 1945, sondern fast bis in die unmittelbare Gegenwart an. Zusammen mit dem BBC National Orchestra of Wales unter der Leitung von Łukas Borowicz hat Wallfisch neben den drei Konzerten auch noch zwei kleiner Werke eingespielt: Korngolds 'Tanzlied des Pierrot' aus dessen berühmter Oper 'Die tote Stadt' und 'Vidui & Nigun' aus Blochs Baal Sheem-Suite.

Virtuosität und Lyrik

Ben-Haims Konzert aus dem Jahr 1962 besteht aus den traditionellen drei Sätzen und stellt den Solisten deutlich in den Mittelpunkt, von einem ‚symphonischen‘ Konzert etwa im Sinne Dvořáks kann hier keine Rede sein. Nach einer kurzen Orchester-Einleitung ist Wallfisch fast pausenlos beschäftigt, den höchst anspruchsvollen Solopart bewältigt er mit einer gelassenen Raffinesse, die sich durch alle drei Abschnitte zieht. Es gelingt ihm nicht nur, bei aller Virtuosität auch die lyrischen Aspekte seines Instrumentes in den Vordergrund zu stellen, er tut dies auch noch mit einer dynamischen Gestaltungsfähigkeit, die ihresgleichen sucht.

Dem gegenüber wirken die Musiker des walisischen Orchesters fast ein wenig zu brav, natürlich darf (und soll) man sich in einem Konzert nicht gegenüber dem Solisten profilieren, aber die eine oder andere deutlichere Nuance hätte schon gesetzt werden dürfen. Borowicz hält die Orchestermusiker hier vielleicht eine Spur zu stark zurück, vor allem im Kopfsatz. Da das Stück aber ganz auf die Expressivität des Cellos zugeschnitten ist, fällt dies kaum ins Gewicht; zumal die klangliche Balance zwischen Solist und Orchester beinahe optimal ist. Ben-Haims Konzert empfiehlt sich mit dieser Aufnahme in jedem Fall als eine echte Bereicherung des Standard-Repertoires.

Weniger gelungen wirkt dem gegenüber Blochs 1954 komponierte Symphonie für Cello und Orchester, die zwar schon dem Namen nach dem Orchester größeren Anteil am Geschehen einräumt, aber weder über Ben-Haims Ausdruckskraft noch über seine melodischen Qualitäten verfügt. Zwei kurze Ecksätze umrahmen das zentrale 'Agitato', in dem Wallfisch zwar durchaus die kantablen Seiten seines Cellos präsentieren kann. Zu einem echten symphonischen Miteinander zwischen Solist und Orchester kommt es aber kaum, was meiner Meinung nach eher der gewissen Sperrigkeit des Stückes selbst als einem mangelnden Willen der Ausführenden geschuldet ist. Blochs Einzelsätze 'Vidui' und 'Nigun' hinterlassen da den deutlich überzeugenderen Eindruck, wohl auch aufgrund ihrer Konzentriertheit, die der Symphonie bisweilen fehlt.

Lebensaufgabe

Korngolds Konzert in einem Satz wirkt eher wie der Kopfsatz eines Cellokonzertes, dessen weitere Sätze nicht komponiert wurden; ursprünglich diente das Werk als Musik zum Film 'Deception'. Virtuos instrumentiert und für den Solisten dankbar geschrieben, krönt das Stück in Wallfisch kongenialer Interpretation diese CD mit dem vielsagenden Titel 'Voices in the Wilderness'. Das 'Tanzlied des Pierrot' ist dann gewissermaßen noch das Sahnehäubchen auf eine Zusammenstellung, deren Grundton über weite Strecken spielerisch, ja sogar heiter ist; nur selten blitzt in den Stücken das höchst traumatische biographische Umfeld der ins Exil gezwungenen Komponisten auf. Man sollte deshalb nicht vergessen, was der Cellist im Beiheft als seine Lebensaufgabe beschreibt: sich ‚für die Musik jüdischer Komponisten zu engagieren, die das infame Dritte Reich zum Schweigen verurteilte, und die aus ihrer Heimat fliehen mussten, um zu überleben.‘ Eine Verpflichtung – nicht nur für Wallfisch, sondern auch für jeden Musiker hierzulande.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cello Concertos: Raphael Wallfisch, BBC National Orchestra of Wales, Lukasz Borowicz

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203527328


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Ben-Haim, Paul
 - Cello Concerto - Allegro giusto
 - Cello Concerto - Sostenuto e languido
 - Cello Concerto - Allegro gioioso
Bloch, Ernest
 - Symphony for Cello & Orchestra - Maestoso
 - Symphony for Cello & Orchestra - Agitato
 - Symphony for Cello & Orchestra - Allegro deciso
 - Vidui -
 - Nigun -
Korngold, Erich Wolfgang
 - Concerto in D in one movement -
 - Tanzlied des Pierrot -


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Dirigent(en):Borowicz, Lukasz
Orchester/Ensemble:BBC National Orchestra of Wales
Interpret(en):Wallfisch, Raphael


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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