> > > Dvorak: Stabat Mater: Chor des Bayerischen Rundfunks, Julius Drake, Howard Arman
Mittwoch, 12. August 2020

Dvorak: Stabat Mater - Chor des Bayerischen Rundfunks, Julius Drake, Howard Arman

Musik, die zu Tränen berührt


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dvoraks Urfassung des 'Stabat mater' für Orchester, Soli und Klavierbegleitung

Man hört die ersten Klänge und ist ergriffen. Julius Drake schlägt am Klavier einige Tasten an, spielt Oktaven und Akkorde, als wolle er probieren, ob das tonale Gefüge noch funktioniere. Dann wird die zarte Melodie ‚Stabat mater dolorosa‘ hörbar, die immer abwärts führend in einem gigantischem Chorwerk mit vier Solisten zwischen tiefstem Elend und himmlischer Hoffnung hin- und herpendelt. Das 'Stabat mater' zählte zu Dvořáks großen Erfolgen, machte ihn in England bekannt. Kein anderes Werk dirigierte Dvořák selbst so oft wie dieses. Als Kirchgänger im ländlichen böhmisch-katholischen Umfeld sozialisiert, studierter Kirchenmusiker mit absolvierter Orgelausbildung in Prag und dreijähriger Organistenerfahrung in St. Adalbert, war Dvořák mit der Kirchenmusik bestens vertraut, insbesondere mit Werken des Kirchenmusikers Palestrinas, die unter der Chorleitung von Josef Forster, einem Anhänger der Reformbewegung, häufig in der St.-Adalbert-Kirche mit schlichter Orgelbegleitung oder a cappella aufgeführt wurden.

Urfassung

Auch das asketische 'Stabat mater' von Franz Xaver Witt, einem bayerischen Zeitgenossen, spielte Dvořák in der Kirche auf dem Harmonium und man nimmt heute an, dass gerade diese reduzierte Version ihn zu einer Art ‚Anti-Witt‘ inspirierte, denn die schlichte Klavierbegleitung kontrastiert Dvořák mit einer hoffnungsvoll gläubigen Chorpartitur, die die geerdete Klage der Solisten und düstere Tonlage des Klaviers überstrahlt. In der Urfassung von 1876 für Soli, Chor und Klavier op. 58 vertonte Dvořák nicht sämtliche Strophen des mittelalterlichen Hymnus. Trotzdem ist die Klavierfassung weder Entwurf noch Fragment, sondern eine der bedeutendsten Komposition in der Gattung der Geistlichen Musik.

In Anbetracht der berührenden Wirkung erstaunt es umso mehr, dass man diese Urfassung erst vor Jahren editierte. Im März 2019 wurde sie bei einem Konzert des Bayerischen Rundfunks im Münchner Prinzregentensaal mitgeschnitten. Ein Jahr später, als Dvořák neben der 1875 verstorbenen Tochter auch noch den Tod seiner zweiten Tochter und des erstgeborenen Sohnes verkraften musste, erweiterte er die Partitur um ein großes Sinfonieorchester. 

Tiefer Schmerz

Doch in der Urfassung kommt durch die Klavierbegleitung die schneidende Tiefe des Schmerzes viel intensiver zur Wirkung. Dirigent Howard Arman weiß die Dramatik dieses Werks bestens herauszuarbeiten, lässt dem begabten Liedpianisten Drake Raum, die abgründige Klangkraft des Klaviers zu entfalten und über die Momente der chorischen Aufhellung hinweg, vom Bayerischen Rundfunkchor zwischen klangprächtigen Volumen und subtiler Lyrik gesungen, immer wieder die Bitterkeit des Schmerzes zu verdüstern. Die tiefen Partien sind mit Gerhild Romberger (Alt) und Tareq Nazmi (Bass) bestens besetzt, durch deren Timbre die Tragik der Trauer sehr berührt, während Julia Kleiter (Sopran) und Dmitry Korchak (Tenor) mit dem Chor immer wieder die Momente hoffnungsvoller Erlösung zulassen. Schlank und artikulationsgenau setzt das Solistenquartett markante Akzente, die Drake am Klavier immer wieder intensiviert, so dass man in keiner Weise das Orchester vermisst. Mit dieser Urfassung setzt BR Klassik einen bedeutsamen Akzent in der 'Stabat mater'-Rezeption. Das Cover, ein dunkles Antlitz mit einer über die Wange rollende Träne, weitet das Werk gekonnt auf den Weltenschmerz globaler menschlicher Auseinandersetzungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Dvorak: Stabat Mater: Chor des Bayerischen Rundfunks, Julius Drake, Howard Arman

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
04.10.2019
058:53
2019
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719005264
900526


Cover vergössern

Dvorák, Antonín


Cover vergössern

"DVOŘÁK: STABAT MATER Fassung von 1876 für Soli, Chor und Klavier, op. 58 Das in seiner späteren Orchesterfassung wohlbekannte „Stabat mater“ des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák ist ursprünglich mit Klavierbegleitung entstanden; jene selten zu hörende Urfassung wurde für die neue CD von BR KLASSIK aufgenommen. Es singt der ausgezeichnete Chor des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Howard Arman, am Klavier begleitet von Julius Drake. Der junge Dvořák war ein studierter und erprobter Kirchenmusiker, der in Prag die Orgelschule absolviert hatte und drei Jahre lang als Organist an St. Adalbert seinen gottesfürchtigen Dienst versah. Die Suche nach einer „wahrhaft geistlichen Musik“ beschäftigte ihn von Anbeginn. Wie zahlreiche seiner Kollegen leitete auch ihn die zeitgenössische Strömung des Cäcilianismus zu einer Auseinandersetzung mit dem Palestrinastil hin, und damit zur Rückbesinnung auf jene bescheidenere, weniger prunkvolle, dabei aber kontrapunktisch ausgeklügelte Kirchenmusik einer früheren Epoche. Folgerichtig entstand ein „Stabat mater“ ohne orchestralen Prunk mit schlichter Klavierbegleitung. Das lateinische Gebet aus dem Mittelalter, das als Sequenz in die Liturgie des Marienfestes der Sieben Schmerzen und als Hymnus Eingang in das Offizium fand, ist ein Appell an die Menschlichkeit – die Gottesmutter sieht ihren gedemütigten, misshandelten Sohn am Kreuz sterben –, steht über jeder konfessionellen Tradition und lässt niemanden unberührt. Kurz bevor Dvořák zwischen dem 19. Februar und 7. Mai 1876 diese erste Fassung seines „Stabat mater“ niederschrieb, hatte ein schwerer Schicksalsschlag die junge Familie getroffen: am 19. Dezember 1875 war Tochter Josefa zwei Tage nach ihrer Geburt gestorben. Als im August 1877 seine elf Monate alte Tochter Ružena und sein dreijähriger Sohn Otakar starben, nahm Dvořák die Arbeit am „Stabat Mater“ wieder auf, orchestrierte das Werk und vollendete es am 13. November. Die Uraufführung jener späteren Fassung fand am 23. Dezember 1880 in Prag statt, die Veröffentlichung wenige Monate danach. Seitdem hat sein „Stabat mater“ Menschen auf der ganzen Welt berührt; es ist seine bedeutendste Komposition in der Gattung der Geistlichen Musik. Dvořák setzte nicht sämtliche Strophen des Hymnus in Musik und wählte ein Ensemble aus vier Solisten, Chor und einem Klavier. Diese in sieben Sätze aufgegliederte Urfassung aus dem Frühjahr 1876 ist ein selbständiges, abgeschlossenes Werk – kein Fragment, kein Entwurf, kein Klavierauszug. Als er im Herbst 1877 die fehlenden vier Strophen nachkomponierte und sein „Stabat mater“ für ein großes Orchester instrumentierte, schuf er gewissermaßen ein neues, anderes Werk. (Die Klavierfassung ist erst vor wenigen Jahren zum ersten Mal ediert worden.) Die vorliegende Aufnahme wurde bei einem aktuellen Konzert des Chors des Bayerischen Rundfunks am 2. März 2019 im Münchner Prinzregententheater mitgeschnitten, das bei Publikum und Fachpresse große Aufmerksamkeit und Zustimmung hervorrief. Julia Kleiter (Sopran) Gerhild Romberger (Alt) Dmitry Korchak (Tenor) Tareq Nazmi (Bass) Julius Drake (Klavier) Chor des Bayerischen Rundfunks Howard Arman, Leitung "


Cover vergössern

BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 150 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BR-Klassik:

blättern

Alle Kritiken von BR-Klassik...

Weitere CD-Besprechungen von Michaela Schabel:

blättern

Alle Kritiken von Michaela Schabel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unbekannter Norweger: Der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Norweger David Monrad Johansen überrascht durch seine Biografie wie durch die Dichte seiner Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... In Oktaven: Zweifellos ein delikates Klangexperiment voller Reiz, das Giuliano Carmignola und Marco Brunello hier unternommen haben: Vivaldi und Bach kann man unbedingt so spielen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Sensuell und kraftvoll: Die Violinkonzerte von Fritz Leitermeyer und Dieter Acker sind zentrale Beiträge zur Ferenc-Kiss-Diskografie. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Heinrich Graun: Polydorus

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich