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Dienstag, 19. November 2019

Orlando di Lasso: Psalmus - Die Singphoniker

Für die Kammer des Herzogs


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein edler Zyklus von Orlando di Lasso für die Kammer des Herzogs: Viel zu kostbar, um nur von wenigen Ohren gehört zu werden und deshalb bei den Singphonikern in den richtigen Kehlen. Die durchmessen ihn vollgültig, mit eigenem Gepräge, hochklassig.

Schon auf zwei früheren Platten hat sich das in München beheimatete Vokalensemble Die Singphoniker mit Werken Orlando di Lassos beschäftigt: Es erklangen Hymnen und Magnificat-Vertonungen. Und die Ergebnisse waren sehr überzeugend, teils wirklich beeindruckend und deuteten an, dass in all der programmatischen Vielfalt, der sich das Ensemble verständlicherweise auch in der Folge nicht enthielt, die Befähigung zur interpretatorischen Durchdringung größerer Kontexte gereift ist, dass auch ambitionierte Zyklen der Renaissance, die eigentlich eher deutlicher spezialisierten Formationen offenstehen, mehr als in Reichweite sind. Insofern ist die aktuell zu verzeichnende Einspielung der sieben Bußpsalmen von di Lasso keine Überraschung, bietet aber reichlich Grund zur Freude – ist doch die Diskografie höherwertiger Einspielungen diesbezüglich mit dem Tölzer Knabenchor oder Philippe Herreweghes Collegium Vocale Gent, dazu, solistisch wie die Singphoniker unterwegs, mit dem Hilliard Ensemble und einigen Auszügen auf weiteren Platten reichlich überschaubar.

Gesamtkunstwerk avant la lettre

Es war schon etwas sehr Besonderes, das Herzog Albrecht V. von Bayern 1559 in Auftrag gab, ein Gesamtkunstwerk avant la lettre, das Text, Musik, Bild und erklärenden Rahmen zu einem Prachtband zusammenfügen sollte – und di Lasso sollte die Texte der Bußpsalmen vertonen. Was für ein umfassender Anspruch an die Künste spiegelte sich da, an die dezidiert gesetzte repräsentative Geste in quasi privatem Rahmen: Denn Herzog Albrecht wollte mit dem Codex gerade nicht nach außen wirken, sondern in der Intimität seines engsten Umfelds hohen Häuptern das Zeichen höchster Ambition senden – ein Phänomen, das auch von manchem italienischen Hof der Zeit bekannt ist, das zugleich gedanklich so komplex ist, dass es sich der heute so sehr an leicht aufzufassenden Oberflächen interessierten Welt kaum mehr plausibel zu machen ist. Betrachtet man den gesamten Band, mit den üppigen Bildbeigaben Hans Mielichs und den Erläuterungen Samuel Quiccelbergs, so sind die Kompositionen di Lassos doch der Kern, letztlich deutlich emanzipiert vom ‚Rest‘. Erstaunlich ist, dass ausgerechnet dieses weit über zwei Stunden Aufführungsdauer beanspruchende Riesenwerk im 19. Jahrhundert als erstes von di Lassos Hand durch die Wiederveröffentlichung von 1838 ins Bewusstsein der modernen Rezeption rückte: Der Anspruch der Komposition und das dem 19. Jahrhundert sicher wenig vertraute Idiom dürften herausfordernd gewesen sein. Der fünf- bis sechsstimmigen, teils prächtig wirksamen Vollstimmigkeit setzte di Lasso im Duktus seiner Zeit reduzierte Besetzungen von delikater Wirkung entgegen. Und der Komponist erwies sich in diesem Werk als Meister der subtilen, gelegentlich bildkräftigen Textausdeutung – edel in der Abmessung, aber doch prägend für den Gesamteindruck.

Mut und Risikobereitschaft werden belohnt

In all das führt ein überaus kundiger und vollständiger Text des Herausgebers der Lasso-Gesamtausgabe, Bernhold Schmid, konzentriert ein. Für den Entstehungsprozess der Aufnahme genauso wichtig sind die launigen Anmerkungen des Ensembles selbst: Die fünf Vokalisten – in einigen Sätzen ergänzt durch zwei vokale Gäste – geben zu, dass Ensembles wie die Singphoniker normalerweise klassische ‚Rosinenpicker‘ seien und eher Programme aus schönen Einzelstücken zusammenfügen. Zyklische Werke oder Sammlungen einzusingen sei mit Risiken verbunden – wenn ein genuiner, stilistisch konziser Zugang eben nicht gelingen will und das Ergebnis allenfalls in eher zusammenhanglosen Reihen nicht enden wollender schöner Töne liegt, ohne echten Kontext und das sinnstiftende Ganze. Die Beschäftigung mit Sammlungen bietet aber auch Chancen: Denn sie kann – im Fall der Singphoniker zählt ganz sicher beispielhaft die intensive Beschäftigung mit den mehrstimmigen Gesängen Franz Schuberts dazu – das Verständnis für eine ganze Epoche bereichern, oft dank der Impulse aus der Zusammenarbeit mit Herausgebern oder kundigen Theoretikern, die Möglichkeiten der vertieften Reflektion, der zusätzlichen Orientierung über das primär Vokale hinaus bieten.

Davon profitiert auch die aktuelle Doppel-CD hörbar. Das Ensemble singt in der Besetzung mit dem Countertenor Johannes Euler, den Tenören Daniel Schreiber und Henning Jensen, dem Bariton Michael Mantaj und dem Bass Christian Schmidt – dazu in einigen Abschnitten der Sopranistin Helene Grabitzky und dem Countertenor Andreas Pehl, die den Singphoniker-Ansatz gekonnt mittragen – in erlesener Klangkultur. Es ist eine harmonische Konstellation, die sich in aufsteigender Zahl der Psalmen immer deutlicher auf das Idiom einschwingt, zu differenzierter Pracht voller Delikatesse, die sich, wie von di Lasso ganz sicher geplant, fein verströmt. Die Tempi fließen erfreulich rasch, die Gefahr schöner, aber endlos lang scheinender Akkordbandwürmer wird souverän gebannt. Dazu trägt entscheidend bei, dass das Ensemble mancher Passage quasi madrigaleske Beweglichkeit und Intensität abgewinnt. Die Intonation ist durchgehend ohne Makel; über deutlich mehr als zwei Stunden ist in dieser Hinsicht ungetrübte Freude zu verzeichnen. Die Vokalisten entspannen edel substantiierte Linien, integrieren schlüssig gesetzte Zäsuren – formen einfach luzide profiliertes Gewebe. Die Himmelfahrtskirche in München wird zur herzoglichen Kammer: Das Bild ist fein, balanciert, mit räumlicher Note versehen. Und es transportiert die ganze Agilität der Präsentation glücklich.

Ein edler Zyklus von Orlando di Lasso für die Kammer des Herzogs: Viel zu kostbar, um nur von wenigen Ohren gehört zu werden und deshalb bei den Singphonikern in den richtigen Kehlen. Die durchmessen ihn vollgültig, mit eigenem Gepräge, hochklassig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Orlando di Lasso: Psalmus: Die Singphoniker

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Anzahl Medien:
cpo
2
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CD
761203526420


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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