> > > Boulanger, Lili: Clairières dans le ciel
Samstag, 3. Dezember 2022

Boulanger, Lili - Clairières dans le ciel

Kleinod vom ‚Rand’ der Musikgesichte


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Immer größer wird die Kluft zwischen den etablierten, großen und bewährten Heroen der Musikgeschichte, deren Musik auf den Bühnen und Podien seit langem fest etabliert ist und jenen Künstlern, deren Werke eher ungedruckt und -gespielt blieben. Zwar gibt es besonders im Bereich der älteren Musik mittlerweile ‚Experten der Nische’, gleiches lässt sich jedoch für andere Epochen und Stile nicht unbedingt in gleichem Maße sagen, so dass es ein großes Verdienst bleibt, wenn sich ein kleineres Label einer solchen Aufgabe stellt.
Nichts anderes hat die badische ‚Thorofon’ auf der vorliegenden Einspielung mit einem Liederzyklus von Lili Boulanger (1893-1918) gewagt. Boulanger, deren Name heute eher allgemein mit ihrer künstlerisch überaus begabten Familie und besonders mit dem ihrer Schwester Nadia in Verbindung gebracht wird, war ein Kompositionstalent von hohen Graden. Als erste Frau überhaupt gewann sie den renommierten Prix de Rome im Jahre 1913, kaum zwanzigjährig, mit der Kantate ‚Faust et Hélène’. Wegen ihres seit früher Kindheit schlechten Gesundheitszustandes brach sie den nachfolgenden Romaufenthalt in der Villa Medici vorzeitig ab, gab sich im Bewusstsein des nahenden Todes immer nachdrücklicher dem Komponieren hin. Ihr ‚Pie Jesu’ aus der Zeit nach 1916 hat als ihr vielleicht bekanntestes Stück die Zeiten überdauert. Als Lili im März 1918 starb, widmete sich ihre ältere Schwester Nadia fortan nicht mehr dem durchaus ambitionierten eigenen Komponieren, sondern der Verbreitung des Werks der in ihren Augen viel talentierteren Schwester. Der Zyklus ‚Clairières dans le ciel’ (Himmelslichtungen) entstand 1914 und umfasst 13 Lieder. Die Textgrundlage bilden Gedichte des französischen Symbolisten Francis Jammes, aus dessen Werk Boulanger die Texte gewählt und zusammengestellt hat. Tonsprachlich ist die musikalische Verwandtschaft zum französischen Impressionismus nicht zu überhören. Die durchkomponierten Lieder fallen durch eine komplexe Harmonik, ebenso anspruchsvolle lineare Strukturen und eine dichte, beinahe orchestrale Begleitung auf, die auf einen besonderen Umstand verweist: Lili Boulanger arbeitete an diesem Zyklus mit dem Wissen, nach Abschluss der Arbeiten auch eine Orchesterfassung schreiben zu wollen, die sie dann allerdings lediglich für die ersten acht Lieder fertig stellen konnte.
Boulangers kompositorischer Stil vereint einen sehr zugänglichen, effektvollen Duktus und eine eigenständige Tonsprache die mühelos den Stand der Zeit repräsentiert. Dabei wird sie als außerordentliches Talent, als souveräne Gestalterin, die jederzeit die Meisterin der Dramaturgie von Text und Musik bleibt, erkennbar. Für das Werk einer eigentlich noch beinahe Jugendlichen ist es wirklich bewundernswert, welch reife Selbstständigkeit da bereits erreicht ist. Vor allem als Zyklus wirkt diese Musik, entfaltet sie ihr ganzes Potential, obwohl sich durchaus auch schöne und markante Einzelstücke finden. Die Lieder stellen weniger Ansprüche an die Beweglichkeit der Gesangsstimme als vielmehr an eine lyrische Gesanglichkeit und vor allem an den Ambitus, da sich die Emotionalität der Musik vorwiegend durch dramatische Tonsprünge realisiert. Das bei weitem umfangreichste der ansonsten eher kürzeren Lieder ist das letzte, in dem alle Stimmungen und Schattierungen des Zyklus zusammengefasst werden: Inhaltlich, indem das Lieben und Hoffen, das Zaudern und Verzagen, schließlich der ausweglose Todesgedanke des unglücklich Liebenden auf engstem Raum zusammengeführt werden. Und musikalisch durch ein direktes Zitat aus dem ersten Lied des Zyklus, das noch einmal in die lichtere Grundstimmung des Beginns führt, bevor die düstere Sphäre des abschließenden Stückes wieder die Oberhand gewinnt.

Die andere Seite der Medaille
Für die vorliegende Einspielung hat die Altistin Wiebke Hoogklimmer den Zyklus im identischen Tonartenverhältnis transponiert. Ihr sehr gedeckter, dunkel timbrierter Alt hat eine schöne Ausprägung, wird aber manchmal etwas zu schwingungsarm geführt. Die sehr große Stimme scheint nur eingeschränkt beweglich, was bei der Interpretation des Boulanger-Zyklus aber nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Ernstere Probleme scheinen da schon die gelegentlich ungenaue Textbehandlung, die im oberen Grenzregister hin und wieder gefährdete Intonation und die beständig eingenommene Legato-Grundhaltung zu sein, letzteres nicht nur in klanglicher sondern auch in interpretatorische Hinsicht. Dabei sind die positiven Aspekte der Aufnahme ebenso deutlich: Eine durchweg zyklische Auffassung in gemäßigten Tempi, eine bewegte, den Stimmungsbildern nachspürende Phrasierung und ein sich immer stärker ausprägendes Zusammenspiel mit dem Pianisten Patrick Walliser, der sich als routinierter, später auch als sehr gefühlvoller Gestalter präsentiert.
Noch eine Bemerkung zur Konzeption der Platte: Hoogklimmer, die auch den Text des ansprechend gestalteten Booklets verfasst hat, versucht, durch das Voranstellen einiger Lieder von Schubert und Mahler einen Bezug zu deren Liederzyklen über die unglückliche Liebe herzustellen – etwa zur ‚Winterreise’ oder zu den ‚Liedern eines fahrenden Gesellen’. Gedanklich durchaus nachvollziehbar, gerät die Lösung künstlerisch doch eher ins Abseits, nicht zuletzt, weil die Auswahl der Lieder Rätsel aufgibt, sie zudem interpretatorisch nicht das Niveau des ungleich schlüssigeren Ansatzes der Boulanger-Lieder erreichen.
Fazit: Ein für das Repertoire wichtiger Beitrag mit ausbaufähiger Präsentation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Boulanger, Lili: Clairières dans le ciel

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
28.07.2003
61:20
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4003913124777
CTH 2477


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Boulanger, Lili
Mahler, Gustav
Schubert, Franz


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Interpret(en):Hoogklimmer, Wiebke (Alt)
Walliser, Patrick (Klavier)


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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