> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 1 in D-Dur: Minnesota Orchestra, Osmo Vänskä
Donnerstag, 27. Februar 2020

Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 1 in D-Dur - Minnesota Orchestra, Osmo Vänskä

Eine neue Hoffnung


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Episode IV im Mahlerzyklus von Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra bietet großes Kino mit kleineren Schwächen im Drehbuch.

Auch der vierte Streich im bis hierhin absolut überzeugenden Mahler-Projekt des Minnesota Orchestra beginnt von der ersten Sekunde an so verheißungsvoll, wie man das bei Mahler-Einspielungen in der heutigen Zeit überhaupt nicht mehr erwarten würde: Bereits der mystische Beginn der 1. Sinfonie, ein musikgeschichtlich so einzigartiger Aufbruch Mahlers in neue sinfonische Galaxien, der nahezu alles in sich vereint – Entwicklung und Stillstand, Nähe und Distanz, fröhlichen Naturlaut und bedrückenden Pessimismus – setzt in dieser Aufnahme das erste Ausrufezeichen. Das Minnesota Orchestra und ihr exzellenter Chefdirigent Osmo Vänskä untermauern hier zweifellos den hohen Standard, der sich in Amerika durch eine langjährige Mahlerkultur mittlerweile fest etabliert hat. Wenn sich das Label BIS Records darüber hinaus die Mühe macht, die CD nicht nur klanglich erstklassig aufzupolieren, sondern auch mit einem sehr kompetenten Booklet-Text von Jeremy Barham zu bereichern, mag so manche Plattenfirma überdies aufgezeigt bekommen, wie man im Zeitalter von Streamingdiensten nach wie vor Anreize für die Anschaffung einer CD bieten kann.

Am Ende stehen für die interessierten Käufer aber natürlich andere Fragen im Fokus als diejenige nach der Qualität des Booklets. Wie klingt denn nun diese Neueinspielung von Mahlers 1. Sinfonie? Setzt sich diese Aufnahme von den endlosen anderen Mahlerinterpretationen ab? Lohnt sich das überhaupt? Ja, es lohnt sich durchaus, da das engagierte Spiel des Minnesota Orchestra durchwegs fesselnd ist. Das klingt zu jeder Zeit feurig, transparent, mitreißend, klangstark, fehlerfrei und stellt darüber hinaus auch spieltechnisch so manche Aufnahmen in den Schatten, die im diskografischen Mahlerimperium von teils ‚größeren‘ Namen eingespielt wurden. Hätte Mahler selbst die Möglichkeit, sich von der Arbeit des Minnesota Orchestra und ihrem Dirigenten zu überzeugen, würde er wohl ähnlich staunen über diese orchestrale Qualität und die nach wie vor ungebrochene Motivation, seinen Werken mit erfrischenden Neueinspielungen zu begegnen.

Thriller statt Ländler

Gleichwohl würde der Komponist dennoch auch Dinge zu bemängeln haben. Der nachhaltige Effekt, den dieser Hochglanz-Blockbuster hinterlässt, kann am Ende nicht immer mit der geistigen Größe von früheren Einspielungen mithalten; Einspielungen, die von den berühmtesten Interpreten zwar fehlerbehafteter musiziert wurden, dafür aber sehr viel tiefer in den Kosmos der Partitur eingedrungen sind. So beeindruckt die kompromisslose Wucht im zweiten Satz zwar wie in kaum einer anderen Aufnahme; von der Volkstümlichkeit eines Ländlers ist in diesem Science-Fiction-Thriller gleichwohl kaum noch etwas zu spüren. Im dritten Satz wiederum ist es Vänskä wichtiger, den vermollten 'Bruder Jakob'-Kanon in seiner gesamten Pracht orchestral durchhörbar zu gestalten, als die spöttelnd aufschwingenden Vorschläge in der Oboe und süffisanten Glissandi in den Geigen zu betonen, wodurch der derb groteske Kern der Musik zu größeren Teilen auf der Strecke bleibt.

Und auch im letzten Satz sind es mehr Einzelstellen, die überzeugen, und weniger die Gestaltung der raffinierten formalen Gesamtanlage. Wenn etwa die Bratschen in der gespiegelten Reprise nach dem Verklingen des lyrischen zweiten Themas plötzlich einen Einsatz im dreifachen Forte schmettern, glückt der Erschreck-Moment auch nach mehrmaligem Hören. Doch Augenblicke wie dieser sind von Mahler letztlich nicht nur als Überraschung konzipiert worden, sondern unterstützen in Verknüpfung miteinander die Grundidee eines großangelegten Dur-Durchbruches, dem im Verlaufe des Satzes jedoch so mancherlei Schwierigkeiten vorgesetzt werden. Schwierigkeiten wie etwa ein missglückter und erzwungener vorzeitiger Ausbruch in der Durchführung über falsche Kadenz und dramatische Luftpause; eine Passage, die essenziell wichtig für das Formverständnis des Satzes ist, von Vänskä jedoch kaum tiefgreifendere Bedeutung verliehen bekommt.

Ma(h)lerisches Finale

Dennoch sollte die brillant zupackende Choral-Schlussapotheose am Ende der Sinfonie jedem noch so großen Skeptiker den Atem anhalten lassen. Das ist mehr als nur bloßes Popcornkino, sondern Mahlersche Überwältigung im besten Sinne. Und auch wenn man den ‚Krieg der Sterne‘ zu diesem gloriosen Finale im Verlauf der Aufnahme vielleicht nicht ausreichend heraushören mag, bleibt doch auf jeden Fall festzuhalten, dass der bisherige Mahlerzyklus von Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra eine der erfreulicheren Neueinspielungen auf dem derzeitigen Plattenmarkt darstellt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Repertoirewert weit übertrieben
    Ich gebe zu "Repertoirewert" ist ein recht schwammiger Begriff bei der Besprechung einer Aufnahme. Bewertet er das Werk oder die Aufnahme? Ich verstehe den Begriff Repertoire bei Aufnahmen immer als Sammelbegriff für das gesamte in allen Katalogen erhältliche und erhörbare Repertoire. Und in diesem Sinne kann meiner Meinung nach eine Aufnahme einer Mahlersinfonie, genausowenig wie einer Beethovensinfonie noch mehr als nur einen Stern erhalten. Denn diese Werke nimmt gefühlt fast jeder Dirigent mit Plattenvertrag auf. Gerade Mahler's erste Sinfonie ist über hundert Mal aufgenommen worden. Somit stellen Aufnahmen von ihr schon längst keine Bereicherung für das Repertoire mehr dar und sollten in dieser Kategorie nur einen Stern erreichen.

    Farlis, 21.09.2019, 10:47 Uhr
    Registriert seit: 10.01.2006

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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 1 in D-Dur: Minnesota Orchestra, Osmo Vänskä

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
1
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599923468


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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