> > > Cipriano de Rore: Missa Vivat Felix Hercules: Weser-Renaissance Bremen, Manfred Cordes
Sonntag, 20. September 2020

Cipriano de Rore: Missa Vivat Felix Hercules - Weser-Renaissance Bremen, Manfred Cordes

Kontrapunktischer Idealzustand


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein fulminantes Plädoyer für die geistliche Musik von Cipriano de Rore, fabelhaft gesungen von den zehn Herren von Weser-Renaissance Bremen.

Cipriano de Rore (1515/16-1565) war ein geradezu prototypischer franko-flämischer Komponist der Renaissance, mit mehr als respektablem Weg durch italienische Residenzen wie Ferrara oder Parma, schließlich mit dem Höhepunkt als Kapellmeister am venezianischen Markusdom. Und trotzdem: Die heutige Rezeption sieht ihn nicht unbedingt in der allerersten Reihe seiner ähnlich konturierten Komponistenkollegen – was fahrlässig und falsch ist, vereint er doch als Meister des Kontrapunkts wie als herausragender Exponent des frühen Madrigals gediegene, geschichtsbewusste Tradition und das ästhetisch deutlich nach vorn Gewandte in enorm qualitätvoller Weise.

Die Ambivalenz der Wahrnehmung spiegelt sich auch in der Diskografie. Geistliches ist vergleichsweise rar, wenn, dann aber hochkarätig vertreten, mit dem Brabant Ensemble, den Tallis Scholars oder dem Huelgas Ensemble. Die Madrigale haben – teils auch in instrumentaler Anverwandlung – bei Graindelavoix, der Compagnia del Madrigale oder einer prominent besetzten Ricercar-Sammlung mit Ensembles von Clematis über Vox Luminis und Doulce Mémoire bis zu L‘Achéron Widerhall gefunden. In der jetzt bei cpo erschienenen, schon 2015 aufgenommenen Platte des Ensembles Weser-Renaissance Bremen mit seinem Leiter Manfred Cordes ist die große Missa 'Vivat Felix Hercules' zu hören, daneben eine Reihe feiner und nicht weniger ambitionierter Motetten: Letztere übrigens – Arbeiten voller Eleganz und in ihrem edlen Klangsinn von fast schon sublim verborgener, gleichwohl hochstehender Satzkunst – sind in einer Münchner Prachthandschrift überliefert, deren Fertigstellung in München de Rore persönlich überwachte: Offenbar genoss de Rore einen hervorragenden Ruf weit über seinen Wirkungskreis im engeren Sinne hinaus.

Die Messe ist ein Beispiel für die von Josquin Desprez praktizierte Technik, ein textliches Motto mit Tonsilben abzubilden und in den Satz einer Messe einzuflechten. Hier ist es der lateinische Satz zu Ehren Ercole II. von Ferrara: ‚Vivat Felix Hercules secundus, dux Ferrariae quartus‘. Das wird in verschiedenen Stimmen mit der Tonfolge mi-fa-re-mi-re-ut-re-re-sol-ut-ut-re-fa-mi-re-fa-ut abgebildet. Und natürlich – de Rore als großem Techniker und Künstler sei Dank – wirkt dieses konstruktivistische Kunststück in den Sätzen der Messe zu keinem Zeitpunkt artifiziell.

Was für ein Ensemble!

Manfred Cordes ist es schon verschiedentlich gelungen, für große kompositorische Kaliber der vokalen Renaissance Ensembles von herausragender Qualität zu formen, zum Beispiel bei Morales, Desprez oder Lasso. Auch hier ist dieser Aspekt prägend, ist eine ungemein ausgeglichene, harmonisch ineinander gefügte Formation zu erleben. Es sind zehn Sänger zu hören: Im Superius Franz Vitzthum und Alex Potter, als Tenor altus Achim Schulz und Bernd Oliver Fröhlich, im Tenor Mirko Ludwig, Jan van Elsacker, Hermann Oswald und Tore Tom Denys und im Bass Ulfried Staber und Kees Jan de Koning. Diese Zehn sind sehr viel mehr als eine Ad-hoc-Formation. Kurz gefasst: Sie stehen mit ihren individuellen und gemeinsamen Qualitäten hochspezialisierten festen Ensembles in dieser heiklen Materie nicht nach. Vielmehr kultivieren sie ein Ideal, das vom Diskant bis zur Bass-Tiefe durchgetragen wird: Sanft gegliederte, weit ausgreifende Linearität ist prägend, die ganz und gar Wirkung macht. Zäsuren werden mit Geschmack und Überzeugung gesetzt. Edle Kraft wird dosiert und klar motiviert entfaltet. Der stete Fluss des vokalen Gespinsts nimmt für sich ein – alles fließt, könnte man ganz ohne esoterische Hintergedanken sagen: die Beschreibung eines kontrapunktischen Idealzustands. Natürlich wird makellos intoniert, in jeder klingenden Sphäre und in jedem einzelnen Moment. Das Klangbild ist dazu weiträumig und gesammelt zugleich: ein sehr schöner Rahmen für die heiklen Strukturen.

Die im Booklettext geäußerten guten Wünsche zum De-Rore-Jahr 2015 – auch diese Platte kommt mit Verspätung und war vermutlich für eine deutlich frühere Veröffentlichung vorgesehen – haben nicht geholfen: Von de Rore war und ist nicht übermäßig viel zu hören. Gerade deshalb ist diese Platte wichtig: Ein fulminantes Plädoyer für die geistliche Musik von Cipriano de Rore, fabelhaft gesungen von den zehn Herren von Weser-Renaissance Bremen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Cipriano de Rore: Missa Vivat Felix Hercules: Weser-Renaissance Bremen, Manfred Cordes

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203798926


Cover vergössern

Rore, Cipriano de
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Ave regina caelorum
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Kyrie
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Gloria
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Plange quasi virgo
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Exaudiat me Dominus
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Credo
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Sub tuum praesidiium confugimius
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Gaude, Maria Virgo
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Sanctus, Benedictus
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Pater noster
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Agnus Dei
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Agimus tibi gratias
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Labore primus Hercules
 - Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Da pacem, Domine


Cover vergössern

Dirigent(en):Cordes, Manfred
Interpret(en):Vitzthum, Franz
Ludwig, Mirko
Oswald, Hermann
Staber, Ulfried


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Vier in einem: Das Isasi Quartett brilliert ein zweites Mal mit Marteau. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Querdenker: Woldemar Bargiel, Kammermusikkomponist weit entfernt von verwandtschaftlichen Verwicklungen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Mehr als eine Rehabilitation: Die fast notorische Unterbewertung des Symphonikers Max Bruch (1838-1920) sollte mit dieser herausragenden Gesamteinspielung ein Ende haben: Robert Trevino und die Bamberger Symphoniker stellen diese Musik vollends neben Brahms und Bruckner. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Poesie der Reife: So frisch wie Schumann hier – mit Heine – wirkt, so beseelt, inspiriert und bei kompositorischen Kräften sind nur ganz große Künstler je in ihrem Schaffen anzutreffen. Prégardien und Michael Gees fühlen das mit der Poesie der Reife nach. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Immer wieder Neues: Zu verzeichnen ist eine programmatisch besonders interessante Folge der niveauvollen Bach-Kantaten-Reihe mit Rudolf Lutz und der J.S. Bach-Stiftung St. Gallen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Stecknadeln auf der Weltkarte: Eine entspannte Calmus-Platte – zum unverkrampften Kennenlernen für alle, die dieses großartige Ensemble bislang noch nicht erlebt haben sollten. Und für Kenner der Formation eine weitere Stunde Musik auf höchstem Niveau. Ein Genuss. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ein royaler Klassiker: Das Royal Ballet zeigt, dass die Inszenierung des Ballett-Klassikers stilvoll, fesselnd und zugleich zeitgemäß sein kann. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Siedende Musik aus dem Norden: Der finnische Komponist Erkki Melartin ist eine Entdeckung wert. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Die ganze Welt auf 88 Tasten: Mahler wollte nach eigener Aussage 'mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen'. Kann das auch durch die, verglichen mit dem Orchester, durchaus begrenzten Mittel des Klaviers gelingen? Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Niels Gade: String Quartet op. 63 in D major - Andante, poco lento

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich