> > > Veprik, Alexander: Orchestral works: BBC National Orchestra of Wales, Christoph-Mathias Müller
Sonntag, 8. Dezember 2019

Veprik, Alexander: Orchestral works - BBC National Orchestra of Wales, Christoph-Mathias Müller

Europäische Zusammenarbeit


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine vorbildliche Kooperation bei der orchestralen Erkundung der Musik eines vergessenen jüdischen Meisters.

Alexander Veprik (1889–1958) ist sicher kein Komponist, dessen Name weit verbreitet ist. Jascha Nemtsov ist es zu danken, dass er der Vergessenheit entrissen wurde, und die vorliegende Koproduktion der BBC mit der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (MDG) und dem in Peru gebürtigen Schweizer Dirigenten Christoph-Mathias Mueller, der lange Jahre in Göttingen tätig war, zeitigt ein rundum vorbildliches Ergebnis. Veprik kam in der Ukraine zur Welt und begann seine musikalische Ausbildung am Leipziger Konservatorium, studierte aber erst nach dem Ersten Weltkrieg in Russland bei Glasunov und Miaskovsky Komposition. Schon kurz nach Studienende 1923 wurde er am Moskauer Konservatorium Dozent für Instrumentierung, 1930 Professor. Seine symphonischen 'Tänze und Lieder des Ghettos' sorgten, nicht zuletzt durch so renommierte Dirigenten wie Hermann Scherchen, Issay Dobrowen oder Arturo Toscanini, für Furore. Während in der Sowjetunion die jüdische Kultur unterdrückt wurde, befasste sich Veprik intensiv quasi zum Ersatz mit kirgisischer Musik. 1943 wurde er als Jude aus dem Moskauer Konservatorium entlassen, wurde 1950 festgenommen und in den Gulag verbracht. Nach Stalins Tod konnte er 1954 nach Moskau zurückkehren, doch war seine Gesundheit schwer geschädigt, so dass er schon bald danach starb.

Verarbeitung traumatischer Erlebnisse

Sechs Orchesterwerke ganz unterschiedlichen Umfangs hat das BBC National Orchestra of Wales unter Muellers Leitung hier vorgelegt. Die erfolgreiche, 1927 in Leipzig uraufgeführte Tondichtung 'Tänze und Lieder des Ghettos' zeigt Veprik als Meister der Instrumentation, der unterschiedlichste Facetten durch einen einheitlichen Puls verbindet. Die zwei 'Symphonischen Gesänge' op. 20 entstanden 1932 bzw. 1935 und wurden erst 1959 posthum unter einer Opuszahl zusammengefasst. Vepriks modale Harmonik ist immer individuell, und wenn Assoziationen an andere Komponisten der Zeit (Arnold Bax, Albert Roussel) aufkommen, so eher mit Blick auf die emotionale Spannweite denn auf den eigentlichen Klangcharakter. Dieser verbindet die beiden Kompositionen 'Trauerlied' und 'Jubellied' mit der 'Pastorale' (1946), die auf dem langsamen Satz seiner Zweiten Sinfonie (1938) basiert. Das ist keine ländliche Idylle, sondern – wie bei Ralph Vaughan Williams – die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse; was ‚pastoral‘ an dieser Musik ist, ist eher der zurückgenommene Puls. Mit den umfänglichen zwei Poemen aus den 1950er-Jahren versucht sich Veprik gefühlt gegen das Schicksal des Vergessens aufzubäumen – doch gleich etwa dem Schaffen seines jüdischen Zeitgenossen Wilhelm Rettich, der von Leipzig aus in den niederländischen Untergrund gehen musste und im Konzentrationslager fast seine gesamte Familie verlor, eignet dieser Musik etwas Elegisch-Fatalistisches, das die große Geste nicht meidet, dennoch mehr Musik des Innen denn des Außen ist.

Ganz anders die 'Fünf kleinen Stücke' op. 17 (1930), die zur Zeit der Veröffentlichung bereits nicht mehr den Titel 'Orchestersuite über jüdische Themen' tragen durfte. Hier konzentriert Veprik sich ganz auf die Essenz seines musikalischen Denkens und ist dennoch nicht im Geringsten weniger ausdrucksstark.

Das walisische Orchester, das neben seinen ‚Pflichtübungen‘ der Bereitstellung von Filmmusiken für das BBC-Fernsehprogramm zurzeit zu den entdeckerfreudigsten Rundfunksinfonieorchestern überhaupt zu zählen ist, erfüllt die Musik mit Farbe, Energie und intensiver Emotion – seine Wandelbarkeit zahlt sich hörbar aus und die Interpretation lässt keinen Wunsch offen. Im Booklet fehlt (was in britischen Konzertprogrammen und CD-Booklets eine Selbstverständlichkeit ist) die Nennung des Konzertmeisters, auch wenn dieses ansonsten, gerade durch die Bereitstellung von nicht weniger als drei Texten, die in unterschiedlicher Weise den Komponisten und sein Werk beleuchten, als rundum gelungen zu bezeichnen ist (sehr erfreulich die Mitteilung zu Hintergrundinformationen zu dem Projekt). Dass die Aufnahmetechnik bei Dabringhaus und Grimm über Zweifel erhaben ist, ist bei einer Kooperation mit einem anderen europäischen Rundfunksender keineswegs eine Selbstverständlichkeit und darum besonders hervorzuheben. Eine spannende, vorbildliche Produktion, die, so steht zu befürchten, international nicht die Aufmerksamkeit erfahren wird, die sie verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Veprik, Alexander: Orchestral works: BBC National Orchestra of Wales, Christoph-Mathias Müller

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Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD SACD
760623213361


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Veprik, Aleksandr


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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