> > > Faccio, Franco: Amleto: Prague Philharmonic Choir, Wiener Symphoniker, Paolo Carignani
Dienstag, 10. Dezember 2019

Faccio, Franco: Amleto - Prague Philharmonic Choir, Wiener Symphoniker, Paolo Carignani

Große italienische Oper mit allem, was dazugehört


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Was dem Opernpublikum mit Franco Faccios 'Amleto' viel zu lange entgangen ist, ist ein kraftvolles Stück Musiktheater.

Es war tatsächlich eine kleine Sensation: die Wiederentdeckung der Oper 'Amleto' von Franco Faccio bei den Bregenzer Festspielen 2016. Zwar hatte der Komponist und Dirigent Anthony Barrese bereits 2014 in den USA seine Rekonstruktion des italienischen ‚Hamlet‘ von 1865 vorgelegt und das Werk aus einem weit über hundert Jahre dauernden Dornröschenschlaf geweckt, aber internationale Aufmerksamkeit erreichte erst die europäische Wiederaufführung im Festspielhaus Bregenz. Mittlerweile hat auch die Oper Chemnitz den 'Amleto' auf die Bühne gebracht, nachdem Faccios zweite und letzte Oper 1871 zum letzten Mal an der Mailänder Scala erklungen war.

Was dem Opernpublikum mit dem 'Amleto' viel zu lange entgangen ist, ist ein kraftvolles Stück Musiktheater, eine italienische Oper des mittleren 19. Jahrhunderts mit allem, was dazu gehört: leidenschaftlich rasende Tenöre, ein leidender und dabei lyrisch anrührender Sopran, baritonale Opernschurken, furiose Duette und Terzette, Ensembles und Chöre – eben alles, was Effekt macht.

Erneuerung der italienischen Oper

Dabei ging es dem Komponisten Franco Faccio weniger um die Fortsetzung einer Opernkonvention als vielmehr um die Modernisierung der italienischen Oper, ihre Erneuerung. Das ist zweifelsohne in vielen Punkten gelungen, wenngleich wir mit heutigen Ohren durchaus vertraut mit den größeren Szenenkomplexen sind, der radikal direkten Sprache des Librettos, den am Horizont aufblitzenden veristischen Tendenzen – ohne sie freilich vorwegzunehmen. Dass der Librettist dieser Shakespeare-Vertonung kein Geringerer als Arrigo Boito ist, fällt qualitativ massiv ins Gewicht. Boito, der wesentlich später für Verdi ebenfalls zwei Shakespeare-Stücke in Opernlibretti verwandeln wird, beweist untrüglichen Theatersinn und großes Verständnis für die Notwendigkeiten musikalischen Erzählens. Knapp und prägnant formuliert er Motivationen, schafft Situationen, in denen Raum für Musik entsteht, ohne sie zum Selbstzweck zu verführen. Die Figuren sind scharf gezeichnet und obwohl so einiges von Shakespeares Schauspiel zu fehlen scheint, ist dieser Operntext ungemein nahe an der literarischen Vorlage.

Franco Faccio, der bislang fast ausschließlich als wichtiger Verdi-Dirigent im historischen Gedächtnis geblieben ist, kreiert zu Boitos Libretto eine Musik, die in vielen Punkten – auch wenn es ungerecht erscheinen mag – an den Zeitgenossen Verdi erinnert oder auch an die spätere 'La Gioconda' von Amilcare Ponchielli oder Lauro Rossis 'Cleopatra'. Verdis Opern überstrahlen aus heutiger Perspektive im 19. Jahrhundert die Werke anderer Komponisten derart, dass man meinen könnte, es hätte um diesen Giganten herum nichts Nennenswertes gegeben. Faccios 'Amleto' erinnert uns endlich wieder daran, dass es so einfach nicht ist und war. Ja, von einem Geniestreich mag der 'Amleto' einige Schritte entfernt sein, aber auch nicht jede Verdi-Oper ist ausschließlich genial. Aber Faccios 'Amleto' fasziniert und fesselt, weil er situativ überzeugend gebaut ist und szenisch wie musikalisch dankbare Aufgaben für starke Solisten bietet.

Und genau hier greift die Bregenzer Produktion vom Juni 2016, die nach einer früheren DVD-Veröffentlichung nun auch als Doppel-CD beim Label Naxos erschienen ist, in die Vollen. Paolo Carignani lässt mit Feuer und Verve all die Schönheiten und Effekte von Faccios Partitur aufleuchten. Die glänzend aufgelegten Wiener Symphoniker und der Philharmonische Chor Prag folgen ihm auf Schritt und Tritt. Ein sensationelles Rollenporträt gelingt dem Tenor Pavel Černoch in der Titelpartie. Er schont sich in keiner Sekunde, lodert geradezu an beiden Enden. Seinen dänischen Prinzen stattet er mit Leidenschaft und betörendem Schmelz aus, unerschöpflich in den Energiereserven und von bezwingender Intensität. Seine Duette mit Ofelia, die von Iulia Maria Dan nicht minder leidenschaftlich und mit schwindender Bodenhaftung lyrisch veredelt wird, gehören zu den Höhepunkten der Aufführung – vor allem aber das große Terzett mit Gertrude und dem Geist seines Vaters im dritten Akt.

Erstklassige Besetzung

Diese Gertrude findet in der fulminanten Dshamilja Kaiser eine hervorragende Interpretin, leuchtendes Metall und samtene Mezzoverführung in einem. Claudio Sgura macht den Claudio zum gewaltig auftrumpfenden, gefährlich schönstimmigen Schurken und der viel zu jung verstorbene Eduard Tsanga begeistert als sonorer Polonio. Erstklassig sind auch die übrigen Partien besetzt: Paul Schweinester als jünglinghafter, aber charaktervoller Laerte, Gianluca Buratto als Hamlets toter Vater, Sébastien Soulès und Bartosz Urbanowicz als vokal prächtiger Orazio und Marcello und als Regina Giovanna beeindruckt der glockenklare Sopran von Sabine Winter.

Franco Faccios 'Amleto' könnte bei offenen Ohren und spannender Umsetzung eine vielversprechende Repertoireerweiterung für so manche Opernbühne darstellen, bevor der x-te 'Maskenball' serviert oder der ersehnte 'Don Carlo' gestemmt wird. Und eine zu erwägende Alternative zu Ambroise Thomas‘ gängiger 'Hamlet'-Version ist Faccios härtere und energetischere italienische Variante allemal.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Faccio, Franco: Amleto: Prague Philharmonic Choir, Wiener Symphoniker, Paolo Carignani

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
73009045476


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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