> > > Wetz, Richard: Complete Symphonies & Violin Concerto op.57: Ulf Wallin, Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Werner Albert
Samstag, 19. Oktober 2019

Wetz, Richard: Complete Symphonies & Violin Concerto op.57 - Ulf Wallin, Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Werner Albert

Sommerlich leuchtend


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Werner Andreas Albert und Roland Bader dienen mit viel Liebe dem symphonischen Schaffen von Richard Wetz.

Die große cpo-Gesamtschau auf das sinfonische und chorsinfonische Schaffen von Richard Wetz (1875–1935) hat durch die Bank äußerst erfreuliche Früchte gezeitigt, und immer wieder war zu bedauern, dass die eine oder andere Produktion vergriffen war. Nun also die drei Sinfonien sowie das Violinkonzert, ergänzt um vier weitere Werke, in einer kompakten Box, mit kumuliertem Booklettext, der zur Veröffentlichung eigens vom Originalautor Eckhardt van den Hoogen eingerichtet wurde; im Booklet fehlen einzig aufnahmetechnische Details zur vierten CD.

Die Einspielung der ersten Sinfonie c-Moll op. 40 entstand bereits 1994. Die Sinfonie wurde während des Ersten Weltkrieges komponiert und erlebte ihre Uraufführung 1917, es handelt sich um Wetz‘ umfangreichstes sinfonisches Werk. Die viersätzige Komposition hängt ganz der nachromantischen Klangwelt ihrer Zeit an (mit ‚Rückanklängen‘ zu Bruckner, Skrjabin und Mahler), mit herrlichen Kantilenen, die im Orchester an den verschiedensten Stellen zu strahlender Blüte gelangen können. Roland Bader vermittelt überzeugend seine liebevolle Auseinandersetzung mit dem Werk, auch wenn die Bläser der Krakauer Philharmoniker nicht immer ganz exakt in der Intonation sind. Die dynamischen Schattierungen der Sinfonie werden gleichwohl zumeist in großer Tiefe und Liebe ausgekostet, die Steigerungen pathetisch-dramatisch ausmusiziert. Das Scherzo ist kaum weniger facettenreich als der Kopfsatz, der langsame Satz von großer lyrischer Dichte. Das Finale hätte man sich mit vielleicht noch mehr Emphase vorstellen können, doch wird auch in der vorliegenden Interpretation Wetz‘ Sinfoniker von Format deutlich.

Sommerlich leuchtend

Aufnahmetechnisch war die erste Sinfonie in Krakau kein rundum geglücktes Erlebnis; zu stark waren vor allem die Blechbläser im Fokus des Geschehens platziert, der Gesamtklang erlangte trotz klarer Strukturierung (besonderes Lob an die Trennung der ersten und zweiten Violinen, die nicht wie heute zumeist nebeneinander, sondern einander gegenüber vorm Dirigenten platziert sind) nicht immer die optimale Rundung. Ob es diese oder andere praktische Gründe waren, dass ab der Folgeproduktion 1999 die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Werner Andreas Albert zum Einsatz kamen, bleibt unklar. Albert, der für cpo zahllose verdienstvolle Einspielungen realisiert hat, darunter Orchestermusik von Siegfried Wagner, Erich Wolfgang Korngold, Ernst Bœhe, Hans Pfitzner und Robert Volkmann, findet den sympathisch-entspannten Ton für die zweite Sinfonie A-Dur op. 47, die im Oktober 1919 abgeschlossen wurde. Auch in diesem dreisätzigen Werk mit zwei den zentralen Satz umrahmenden substanziellen Ecksätzen lässt Wetz den Bläsern eine beachtliche Präsenz, die aber unter Alberts Leitung und Teije van Geests Aufnahmeleitung organischer in den Orchesterkorpus integriert klingt (und vor allem sauber musiziert). Albert kann noch weit stärker als Bader die differenzierten Übergänge Wetz‘ musikalisch ausspielen lassen, das Orchester, das in der damaligen Zeit eine beachtliche Zahl an auch heute noch wichtigen Produktionen vorlegte, leuchtet sommerlich, mit allen Stimmungen der Jahreszeit von morgendlichem Schimmer bis zur abendlichen Verschattung.

Viersätzig wiederum kommt die dritte Sinfonie Es-Dur op. 48 (1920–1922) daher – stärker noch als die früheren Gattungsbeiträge eine Hommage an Bruckner, gewollt oder ungewollt; dass sich gleichzeitig auch wenige harmonische Momente aus der damaligen musikalischen Gegenwart in die Komposition verirrt zu haben scheinen, scheint eher in Vorzeichenfehlern im Notentext (oder ihrer fehlerhaften Umsetzung) begründet zu sein: Im Grunde bleibt Wetz seiner Klangsprache treu, verfolgt sie vielleicht sogar noch konsequenter in der zweiten Sinfonie. Die ‚Blechbläserlastigkeit‘ der Komposition ist sogar noch größer als in den Werken davor, und wenn die Sinfonie dennoch in starker Einheit daher kommt, ist dies vor allem den Ludwigshafener Musikern und ihrem Dirigenten zu verdanken, die differenziert auch die Zwischenstimmen der Komposition ausmusizieren.

Als viertes sinfonisches Werk (eine vierte Sinfonie konnte Wetz nicht mehr komponieren) finden wir in der Box das dankbare, schwerblütige viersätzige Violinkonzert h-Moll op. 57 aus den Jahren um 1932 (?) – die vielleicht interessanteste Orchesterkomposition Wetz‘ überhaupt. Auch hier haben wir einen teilweise schamlos der nachromantischen Tonalität anhängenden Komponisten, dessen Kantilenen voller Seele und Wärme zu uns sprechen; doch kommt hier auch harmonische Dichte hinzu, die vielleicht in der dritten Sinfonie nur ganz am Rande angedeutet war und hier einen Komponisten durchaus seiner Zeit zeigt. Zusammen mit Ulf Wallin gelingt es der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Werner Andreas Albert, die Individualität des Komponisten und des Werks hervorzuarbeiten. Auch hier ist der Blechbläsersatz Wetz‘ teilweise allzu klar an Bruckner angelehnt, doch spielen hier weit mehr Faktoren eine bedeutsame Rolle. Auch hier arbeitet Albert die ‚Nebenstimmen‘ der Komposition sorgsam heraus, und Wallin verströmt sein ganzes Herz in die Musik.

Effektvoll und durchpulst

Von den ergänzenden Werken als besonders prägnant zu bezeichnen ist die 'Kleist-Ouvertüre' op. 16 von 1903, die einen Karriereschub für Wetz bedeutete, der seit 1906 seine Berufung als zentrale Figur des Erfurter Musiklebens gefunden hatte. Das Werk lässt sich vergleichbaren Schöpfungen Max Schillings‘, Felix Weingartners und anderer Zeitgenossen zur Seite stellen, ein effektvolles, dramatisch durchpulstes und dramaturgisch stringentes ‚sinfonisches Gedicht‘ ohne entsprechenden Titel. Aus demselben Jahr stammt der 'Gesang des Lebens' op. 29 für Männerchor und Orchester auf einen Text von Otto Erich Hartleben, eine Komposition, die sich selbst das Epithet ‚erhaben‘ geben wollen würde, das aber im Schatten mancher Zeitgenossen einen eher schwachen Eindruck hinterlässt – möglicherweise weil Wetz auf den Spuren der zu diesem Zeitpunkt bereits im Abschwung sich befindenden Chorballade wandelt, wenn auch mit Wagner‘schen Orchesterfloskeln; der Schlusschor von Mahlers Achter Sinfonie sollte spätestens 1906/07 (Uraufführung 1910) zeigen, dass der musikalische Puls sich weiterentwickelt hatte.

Der Landesjugendchor Rheinland-Pfalz profiliert sich in der Einspielung mehr durch Kraft als durch Differenziertheit – was durchaus auch der Komposition entspricht; doch mangelt es deutlich an Choristen: Solche Kompositionen müssen durch schiere Massen wirken. Das kurze 'Traumsommernacht' op. 14 für Frauenchor und Orchester (1904) kommt im harmonisch reichen, fast Zemlinsky‘schen Gewand daher – leider ist der Kammerchor der Musikhochschule Augsburg der Komposition nur bedingt gewachsen, zu disparat bleiben die einzelnen Singstimmen (auch hier rächt sich die zu kleine Chorbesetzung); immerhin ist die Intonation blitzsauber und jedes Wort verständlich. Von ähnlich klanglichem Duktus ist 'Hyperion' op. 32 für Bariton, gemischten Chor und Orchester (1912) auf den berühmten Hölderlin-Text – harmonisch überraschend nah Regers 'Hebbel-Requiem' op. 144b (1915) für die gleichen Kräfte. Hier gesellt sich zu dem Chor, der hier noch stärker beeindruckt als in dem Frauenchorwerk, der lyrische Bariton Markus Köhler, der seinen Part mehr schlecht als recht bewältigt – wenig Ausdruck, dafür ein viel zu starkes Vibrato. Schade um das attraktive Werk und die beachtliche Chorleistung – wenn man auch hier sich einen größeren Chor gut hätte vorstellen können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wetz, Richard: Complete Symphonies & Violin Concerto op.57: Ulf Wallin, Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Werner Albert

Label:
Anzahl Medien:
cpo
4
Medium:

CD


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Wetz, Richard
 - Symphony No.1 in c minor op.40 - Ruhig bewegt, anfangs etwas gehalten
 - Symphony No.1 in c minor op.40 - Scherzo. Leicht bewegt, aber nicht zu schnell
 - Symphony No.1 in c minor op.40 - Sehr langsam und ausdrucksvoll
 - Symphony No.1 in c minor op.40 - Finale. Kräftig und entschieden bewegt


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Dirigent(en):Albert, Werner Andreas
Bader, Roland
Orchester/Ensemble:Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Interpret(en):Wallin, Ulf


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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