> > > Gounod, Charles: Faust: Croatian National Theatre, Ville Matvejeff
Sonntag, 20. Oktober 2019

Gounod, Charles: Faust - Croatian National Theatre, Ville Matvejeff

Solider Faust


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Faust' ist absolut anhörbar und im Falle der Marguerite sogar ausnehmend spannend. Ansonsten gibt es viele gute Gründe, weiterhin zu den beiden alten Cluytens-Aufnahmen oder jener von Georges Prêtre zu greifen.

Von Charles Gounods 'Faust' gibt es nicht wenige Aufnahmen und auch einige wirklich lohnende. Eine Neueinspielung dieses Repertoireschlagers auf den Markt zu bringen, braucht gute Argumente – sei es bezüglich der Fassungsfrage oder im Hinblick auf eine zeitgemäße, attraktive Besetzung. Die im November 2016 im kroatischen Rijeka entstandene Aufnahme für das Label Naxos liefert in beiden Punkten keine außergewöhnlichen Leistungen oder Sichtweisen, so dass die preiswerte und durchaus klangschöne Box mit drei CDs zwar einige überzeugende solistische Einzelleistungen zu verzeichnen hat, aber sich letztlich nur in eine Folge von 'Faust'-Aufnahmen einreiht, deren Notwendigkeit in Frage gestellt werden darf.

Man hat sich in Rijeka für die Londoner Version des 'Faust' von 1864 entschieden, was im Großen und Ganzen hier nur bedeutet, dass Valentins Gebet im zweiten Akt (wie den meisten Gesamtaufnahmen) erklingt, dafür keine Ballettmusik. Auf die gesprochenen Dialoge wird ebenfalls verzichtet. Unüblich ist diese Variante nicht, überraschend anders demnach auch nicht. Der junge finnische Dirigent Ville Matvejeff betont am Pult des Opernorchesters des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka die Opulenz der ‚großen Oper‘. Wirklich französisch will es da klanglich nicht duften, aber die Interpretation ist konsequent und hat fraglos Überzeugungskraft. Der hervorragend einstudierte Chor der Kroatischen Nationaloper zieht bei diesem Konzept lustvoll mit und veredelt die berühmten Chortableaus.

Der eigentliche Star

 

Ein wirklicher Hinhörer und damit eigentlicher Star dieser Einspielung ist die Marguerite von Marjukka Tepponen. Sie bringt für die heikle Partie die perfekte Mischung aus lyrischem Grundton und dramatischer Steigerungsfähigkeit mit, ohne forcieren zu müssen. Ihr warm goldenes Timbre passt sich der vollen Bandbreite von Marguerites jugendlicher Unschuld bis hin zur verzweifelten Kindsmörderin ergreifend an. Auf der soliden Mittellage bricht sich eine aufblühende Höhe Bahn, alles aus einem Guss, durchmischt von satten Farben und Momenten purer Schönheit. Tepponen agiert klug, setzt auf emotionale und textliche Durchdringung. Dabei gelingt ihr ein schwebend nachdenklicher 'König in Thule' und im Anschluss eine beglückende Juwelenarie – weit entfernt von koloratur- und trillergetränkter Zieselei. Die Kirchenszene findet mit der Sopranistin die richtige Portion Dramatik, das Finale im Kerker wird durch den lichten Strahl von Tepponens Stimme umso beklemmender. Dieses Rollenporträt ist mit Abstand das stärkste Argument für die vorliegende Veröffentlichung.

 

Nicht minder überzeugend, wenn auch in einer deutlich kleineren Partie, ist die Mezzosopranistin Diana Haller als Siébel. Ihr attraktives Timbre nimmt von der ersten Sekunde an gefangen, ihr Gesang ist energetisch, hellwach und von großer Leichtigkeit. Das flirrende, schnelle Tremolieren von Hallers Stimme ist als charakteristisch zu werten und macht beide Arien des Siébel zu wunderbaren Momenten der Aufnahme. Auch Ivana Srbljan agiert rollendeckend als Marthe mit dunklem Mezzosopran und dramatischen Tendenzen, die aber komödiantisch genutzt sind.

Strahlender Tenorton

Auf der Herrenseite macht vor allen Dingen Carlo Colombara als Méphistophélès seine Sache gut. Er gebietet über eine volle, klangschöne Tiefe, ebenso bereiten ihm die geforderten Höhen keine Probleme. Seine Artikulation ist vorbildlich, den Teufel schüttelt er gestalterisch aus dem Ärmel mit einem souveränen Rondo und einer dezent showmäßigen Serenade. Das ist ohne Fehl und Tadel, weil mühelos und ohne Attitüde gesungen. Auf Tonträger hat der charismatische Sänger aber große Konkurrenz und die lässt sich auch bei dieser Aufnahme nicht gänzlich verdrängen. Noch weniger kann man wirklich eindrückliche Faust-Interpreten vergessen, wenn man den stimmlich potenten Faust von Aljaz Farasin hier hört. Auch er meistert die Partie ohne Ausfälle, punktet mit kraftvollem Tenor und schwärmerischem Tonfall. Sinnfällig gelingt ihm gerade auch die Studierstube, in der er seiner Stimme dunkle Farben und Schattierungen abgewinnt, die den lebensmüden alten Faust bestens charakterisieren. Doch im Laufe der Einspielung erscheint Farasins Faust zu monoton, zu wenig raffiniert. Eleganz vermisst man gänzlich. Farasin ist eher ein prahlerischer Faust, der sich auf seine hohen, herausgeschleuderten Spitzentöne freut, der seine wiedergewonnene Manneskraft feiert und strahlenden Tenorton verbreiten möchte. Das ist legitim und führt gelegentlich sicher auch zu Jubelstürmen, zumal Farasins Stimme gesund und markant klingt, aber als Faust bleibt er Gounods Musik zu viel Stilistik und Feingefühl schuldig.

Während Waltteri Torikka einen jugendlich schönstimmigen Wagner abgibt, muss man sich über die Besetzung des Valentin mit dem nicht mehr taufrischen Lucio Gallo wundern. Es ist fast schon traurig, wie mulmig und unstet Gallos einst so prachtvoller Bariton die berühmte Arie bezwingt und sich auch im Trio und Valentins Tod tapfer schlägt. Aber Genuss ist hier schwierig zu empfinden. Dieser Valentin klingt nicht wie Marguerites Bruder, sondern eher wie ihr alter Vater. Das hätte es als Tondokument nicht gebraucht. Zusammenfassend ist dieser 'Faust' absolut anhörbar und im Falle der Marguerite sogar ausnehmend spannend. Ansonsten gibt es viele gute Gründe, weiterhin zu den beiden alten Cluytens-Aufnahmen oder jener von Georges Prêtre zu greifen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Gounod, Charles: Faust: Croatian National Theatre, Ville Matvejeff

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
3
Medium:
EAN:

CD
730099045674


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Gounod, Charles


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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