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Samstag, 19. Oktober 2019

An American Song Album - Melody Moore, Bradley Moore

Neugier und Leidenschaft


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'An American Song Album' macht neugierig, beglückt in hohem Maß und gehört zu jenen CDs, die mehrmals im Jahr durchgehört werden sollten.

Man versteht letztlich nicht, weshalb die US-amerikanische Sopranistin Melody Moore in Europa noch nicht mehr Furore gemacht hat. Diese reiche, klangvolle Stimme hat Suchtpotenzial. Vielleicht ist die Künstlerin auch klug genug, sich nicht über Gebühr vermarkten und verheizen zu lassen. Das wäre zumindest eine Erklärung für die kleine aber feine Auswahl an Aufnahmen, die beim Label Pentatone mit ihr vorliegen. Nach ihrer wunderbaren Desdemona in Verdis 'Otello' hat sie beim selben Label nun ein Soloalbum vorgelegt, das im September 2018 im Studio entstanden ist. Unter dem Titel 'An American Song Album' versammeln Melody Moore und ihr Klavierpartner (aber nicht Verwandter) Bradley Moore Lieder des 20. und 21. Jahrhunderts von Samuel Barber, Aaron Copland, Carlisle Floyd, Jake Heggie und Gordon Getty.

Kaleidoskop des amerikanischen Kunstliedes

Ein thematisches Programm ist nicht auszumachen, aber genau dieser Umstand ist überraschend beglückend, denn all die ausgewählten höchst unterschiedlichen Lieder und Liedzyklen verbindet die persönliche Note, die die ausführenden Künstler ihnen verleihen. Vor allem Melody Moore hat zu jedem der Werke eine hörbare Beziehung, die zwischen ihrer Studienzeit und der Gegenwart liegt, was zeitgenössische Neukompositionen wie beispielsweise von Heggie und Getty einbindet, die im Jahr 2018 ihre Uraufführung erlebten. Was das Album auf über 82 Minuten Spieldauer bietet, ist ein authentisches Kaleidoskop des amerikanischen Kunstliedes – zupackend, melancholisch, manchmal selbstbewusst melodiös, doppelbödig, humorvoll und in jedem Fall faszinierend. Das umfangreiche Beiheft enthält alle Liedtexte und einen ausführlichen Artikel über alle eingespielten Werke, ihre Geschichte und ihren Bezug zur Sopranistin. Das ist in einigen Formulierungen manchmal hart an der Grenze zu betulicher Stimmungsmache und unverhohlener Bewunderung für Melody Moore, aber die Lektüre hilft beim Verstehen der hierzulande eher selten gehörten Lieder.

Von besonderer Atmosphäre sind die einleitenden zehn Lieder von Samuel Barber aus dem Jahr 1953: die 'Hermit Songs' op. 29. Melody Moore lässt ihren üppigen Sopran mit einer Wärme und flutenden Schönheit strömen, dass man gebannt allein dem Klangspektakel lauschen muss. Die Stimme ist in allen Lagen frei von Schärfe oder Druck, die Register sind organisch verblendet. Im Forte spricht sie ebenso mühelos und tonschön an wie im zarten, aber stabilen Pianissimo. 'St. Ita‘s Vision' aus Barbers Zyklus gelingt der Sängerin berückend, zugleich höchst authentisch und wohltuend unaffektiert. Von ähnlich soghafter Wirkung sind Lieder von Carlisle Floyd 'The Mystery: Five Songs of Motherhood' aus dem Jahr 1960. Die Sopranistin ist völlig in ihrem Element und Bradley Moore am Klavier erweist sich als poetischer, unterstützender Begleiter. Unprätentiös und ebenso markant setzt der Pianist Farben und Stimmungen, kitzelt orchestrale Wirkung aus dem Klavierpart und weiß, sich im rechten Moment hinter der Gesangslinie zurückzunehmen. Hier musizieren zwei kongeniale Partner, die ohne Frage Spaß am gewählten Repertoire haben.

Entwaffnende Selbstverständlichkeit

Dunkle Farben sind in Jake Heggies 'These Strangers' von 2018 zu hören. Die Texte von Emily Dickinson, Walt Whitman, Frederick Douglass und Martin Niemöller haben Gewicht, hinterlassen eine bedrückende Stimmung. Lichter und zugleich opernhafter wird es in Heggies Dickinson-Vertonungen 'How Well I Knew the Light'. Einen wirklichen Ausflug ins Opernfach leistet sich Melody Moore mit einer Arie aus Gordon Gettys zum Zeitpunkt der Aufnahme noch unfertiger Oper 'Goodbye, Mr. Chips'. Obwohl es sich um eine Opernnummer handelt, integrieren sich der reflektierende Duktus der Szene, die eingespielte Klavierversion und Melody Moores entwaffnende Selbstverständlichkeit des Singens bruchlos in den Ablauf des Albums.

Eine wirkliche Entdeckung wert sind die vier 'Early Songs' von Aaron Copland, die erst 1998 posthum veröffentlicht wurden: so pur und unverstellt – wie auch die Interpretation der beiden Künstler. Wäre man auf der Suche nach einer kritischen Anmerkung, so käme wohl am ehesten Melody Moores recht weiche Artikulation auf den Plan. Sie erschwert für einen Nicht-Muttersprachler tatsächlich das inhaltliche Verständnis der Texte. Hier ist Mitlesen dringend empfohlen. Und trotz aller überzeugenden Größe der Interpretation wäre hier und da noch Kontur, vielleicht ein wenig mehr Raffinesse zu holen gewesen, wenn die Sängerin mehr Fokus in Richtung Farbspektrum und der einen oder anderen Ausdrucksnuance auf Kosten der Tonreinheit legen würde. Aber diese Gedanken verwehen angesichts der unverkrampften Leichtigkeit, mit der Melody Moore Barber, Getty, Heggie, Copland und Floyd zu singen versteht, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, eine Herzensangelegenheit, die auf Neugier und großem Können fußt.

Fünf Arrangements und Adaptionen von Gordon Getty runden das Album ab: 'Three Welsh Songs' und zwei aktuelle Bearbeitungen von 'Deep River' und 'Danny Boy'. Melody und Bradley Moore stellen auch hier noch einmal ihre Souveränität und Leidenschaft unter Beweis. 'An American Song Album' macht neugierig, beglückt in hohem Maß und gehört zu jenen CDs, die mehrmals im Jahr durchgehört werden sollten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    An American Song Album: Melody Moore, Bradley Moore

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

CD SACD
827949077067


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Barber, Samuel
Copland, Aaron
Floyd, Carlisle
Heggie, Jake


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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