> > > Stamitz, Johann: Symphonies op.3: Musica Viva Moscow Chamber Orchestra, Alexander Rudin
Donnerstag, 14. November 2019

Stamitz, Johann: Symphonies op.3 - Musica Viva Moscow Chamber Orchestra, Alexander Rudin

Pionier der Konzertsymphonie


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stärken und Schwächen der jungen Gattung Symphonie am Beispiel Johann Stamitz zeigt diese leider nur leicht überdurchschnittliche Einspielung gut nachvollziehbar auf.

Der Konjunktiv ist verführerisch. Was hätten Mozart und Schubert noch komponiert, wenn sie länger gelebt hätten? Wie hätte Anton Webern die Musik nach 1945 beeinflusst, wenn er nicht versehentlich erschossen worden wäre? Zugegebenermaßen alles Spekulation, aber eine durchaus reizvolle Spekulation, die man natürlich früher oder später abbrechen muss, um sich den Fakten zuzuwenden. So kann man auch bei Johann Stamitz fragen, ob er nicht deutlich berühmter geworden wäre, heute vielleicht sogar mit Haydn auf einer Stufe stünde, wenn er länger gelebt hätte. Die Gattung der Symphonie verdankt dem 1717 geborenen und 1757 verstorbenen Stamitz entscheidende Impulse. Doch während Haydn sich im Laufe seines (für die damalige Zeit) sehr langen Lebens kontinuierlich weiterentwickelte und schließlich eine europäische Berühmtheit war, geriet Stamitz nach seinem Tod mit noch nicht 40 Jahren relativ schnell in Vergessenheit. Sowohl seine Biographie als auch seine Werke sind nur lückenhaft überliefert, einen wichtigen Bestandteil seines Schaffens bilden die rund 70 Symphonien, die (teilweise posthum) zu Zyklen zusammengefasst wurden.

Experimentierfreudig

Fünf der Symphonien aus der später als op. 3 veröffentlichen Sammlung haben auf der vorliegenden CD das Moskauer Kammerorchester Musica Viva und Alexander Rudin eingespielt: kurze, überwiegend heitere Werke, die Stamitz als experimentierfreudigen Tondichter zeigen. Teils enthalten die Werke ein Menuett, teils nicht; viele der bekannten Figuren der berühmten Mannheimer Schule sind hier schon ausgeprägt. Lediglich die Finalsätze wirken noch etwas schematisch, stets führt ein Presto oder Prestissimo die Symphonie zu einem knappen, oft ähnlich klingenden Schluss. Im Übrigen sind die fünf Werke aber durchaus individuell konzipiert, op. 3 Nr. 1 etwa beginnt mit einem Presto statt des üblichen Allegro. Der Schwung und Esprit dieses Kopfsatzes wird von Rudin und den Moskauer Musikern gut eingefangen, im weiteren Verlauf des Werkes macht sich dann allerdings eine gewisse Gleichförmigkeit bemerkbar.

Es ist schwierig zu entscheiden, ob dies an der Musik selbst oder an der Interpretation liegt; für meinen Geschmack lässt Rudin viele Möglichkeiten der dynamischen Differenzierung liegen, die doch seinerzeit eine entscheidende Neuerung der Mannheimer Schule war. Auch das Klangbild dieser Aufnahmen ist nicht ganz stimmig, das Cembalo – sicherlich von Haus aus kein lautes Instrument – ist in vielen Passagen kaum noch hörbar. Ähnlich ist der Eindruck in den folgenden Werken, die den Hörer zwar zu Beginn immer unmittelbar ansprechen, dann aber im weiteren Verlauf meistens verblassen. Es wäre hier mit mehr Abwechslung und mehr Risiko sicherlich eine spannendere Deutung möglich gewesen, auch wenn technisch gesehen stets einwandfrei musiziert wird.

So entsteht der Eindruck einer zwar grundsätzlich engagierten und verdienstvollen Einspielung, die jedoch einige der Möglichkeiten dieser Musik ungenutzt lässt. Das Tempo und, wie man auf neudeutsch sagen würde, der ‚Drive‘ von Stamitz‘ Musik entfalten zwar ihre Wirkung, doch es stellen sich auch Momente gepflegter Langeweile ein, vor allem in den Andante-Sätzen, die von Rudin insgesamt doch recht gemächlich angegangen werden. Wenn man darauf verzichtet, Haydn als Maßstab anzulegen, zeigen diese fünf Symphonien Stamitz als kühnen Innovator einer damals noch relativ jungen Gattung, die sich in den nächsten hundert Jahren erstaunlich weiterentwickeln sollte. Somit würdigt diese CD in jedem Fall Stamitz als Pionier der Gattung, auch wenn musikalisch noch Luft nach oben bleibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Stamitz, Johann: Symphonies op.3: Musica Viva Moscow Chamber Orchestra, Alexander Rudin

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
747313396672


Cover vergössern

Stamitz, Johann


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Das Liszt-Problem: Boris Giltburgs Diskographie weist ihn als Experte der romantischen Pianistik aus. Mit Liszts 'Transzendentaletüden' ergänzt er sein Repertoire nun um einen wichtigen Baustein. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Ziemlich nüchtern: Annelle K. Gregory kann mit ihrer Aufnahme von Sergej Tanejews Konzertsuite kaum überzeugen. Eine bessere Figur macht sie in Nikolai Rimskij-Korsakows Konzertfantasie. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Rihm-Frauenpower: Tianwa Yang komplettiert 'ihren' Rihm. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Höchst unterhaltsame Opernsuite: Die Orchester-Suite aus Jaromír Weinbergers Erfolgsoper 'Schwanda' wird hier mit viel Schwung, aber auch leichten klanglichen Problemen präsentiert. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Konzerte eines eigenwilligen Traditionalisten: John Gibbons und das Symphonieorchester aus Liepaja zeigen mit dieser zweiten CD ihrer Wordsworth-Reihe, dass der Komponist Instrumentalkonzerte von bleibendem Werk geschaffen hat. Das Klavierkonzert wirkt dabei überzeugender als das Violinkonzert. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Auf Schumanns Spuren: Ein genialer Innovator war Jean Louis Nicodé nicht, er wandelte vor allem auf Robert Schumanns Spuren. Als Epigone im besten Sinne hat er aber Beachtung verdient, wie Simon Callaghan mit dieser Werkauswahl demonstriert. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Jahrzehnte mit Debussy: Vladimir Ashkenazy interpretiert beide Bände von Debussys 'Préludes'. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Das Liszt-Problem: Boris Giltburgs Diskographie weist ihn als Experte der romantischen Pianistik aus. Mit Liszts 'Transzendentaletüden' ergänzt er sein Repertoire nun um einen wichtigen Baustein. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Europäische Zusammenarbeit: Eine vorbildliche Kooperation bei der orchestralen Erkundung der Musik eines vergessenen jüdischen Meisters. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jean-Baptiste Loeillet: Sonata III op.1 in G minor - Largo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich