> > > Rahbari, Alexander: My Mother Persia vol.1: Paula Rahbari, Prague Metropolitan Orchestra, Alexander Rahbari
Samstag, 25. September 2021

Rahbari, Alexander: My Mother Persia vol.1 - Paula Rahbari, Prague Metropolitan Orchestra, Alexander Rahbari

Persischer Modernismus


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Musik des iranischen Komponisten Alexander Rahbari geht weit über exotisierende Klassik hinaus: Sie versucht die Aussöhnung traditioneller persischer Musik mit dem europäisch besetzten Klangkörper Sinfonieorchester. Ein gelungenes Experiment.

Eins sei gleich vorweg gesagt: Die Musik des iranischen Dirigenten und Komponisten Alexander Rahbari geht weit über exotisierende Klassik, über einen orientalisierenden Folklorismus hinaus, über das Spiel mit für westliche Ohren ungewöhnlichen Klangfarben und Skalen. Stattdessen versucht er sich an einer Aussöhnung traditioneller persischer Musik mit dem europäisch besetzten Klangkörper Sinfonieorchester und somit an einer Modernisierung der persischen Musik von innen heraus. Jetzt ist diese ambitionierte Mission durch eine zweiteilige CD Reihe bei Naxos mit Rahbaris acht sinfonischen Dichtungen 'My mother Persia' auch einem weiteren Zuhörerkreis zugänglich.

Auf der ersten Einspielung der Reihe kann man sich besonders an dem ersten sinfonischen Poem 'Nohe Khan', einem verkappten Violinkonzert mit seiner Frau Paula Rahbari als Solistin, vom gelungenen Brückenschlag zwischen westlichem Klangkörper und östlichem Musikdenken überzeugen. Rahbari, der sonst vor dem Pult der Sinfonieorchester in Zagreb und Brüssel steht, erweist sich hier als feiner Orchestrator mit Empathie für die Welt der dastgah – der persischen Tonsysteme und für den Klang von Instrumenten wie der Spießgeige Kemancheh oder der Hirtenflöte Nay. Vor allem aber ist er der persischen Vokalkunst verbunden und setzt ihr mit seinem halbstündigen Poem Nr. 1 ein von emotional-expressiver Hochspannung durchdrungenes musikalisches Denkmal.

Kaleidoskop orchestraler Farben

Inspiriert von den Sologesängen beim schiitischen Opferfest Aschura, überträgt er hier die melismatische Virtuosität eines Koransängers auf die Saiten einer Violine. Von Beginn spürt man, dass hier jemand in horizontalen, teils polytonalen Strukturen denkt, und nicht im System westlicher Harmonik. Rahbari lässt die Streicher des ansonsten auf Filmmusik spezialisierten Prague Metropolitan Orchestra hier mikrotonal oszillieren, die Oboen mit Glissandi klagen oder evoziert die Nachtigallenstimmen persischer Vokalmusik. Dabei entsteht ein Kaleidoskop orchestraler Farben, in das immer wieder neue Ideen eingespeist werden. Am Ende des 1. Satzes 'Allegro' kann man die große Klangempathie von Rahbari exemplarisch verfolgen: Hier münden die verhaltenen Doppelgriffe der Violine in einen Pizzicato-Teppich der Streicher – die für westliche Ohren gewöhnungsbedürftige Weite und aufgeladene Statik der persischen Musik wird hier offenbar.

Paula Rahbari an der Violine entlockt ihrem Instrument nicht nur das tenorale Timbre des Muezzin-Gesangs und virtuose Passagen in Paganini-Manier. Sie spielt mit Verve gegen oft clusterartige Orchestersequenzen auf und lädt ihre Kantilenen emotional auf. In Ergänzung dazu reizt der Komponist die Klangoptionen eines großen Sinfonieorchesters bis zum Zerreißen aus. Das Prager Orchester besteht diese Zerreißprobe nicht nur mit Bravour, sondern schafft es, gerade auch die expressiv zugespitzte Tonsprache, aus der man unschwer Rahbaris Mentor Gottfried von Einem heraushören kann, adäquat zur Geltung zu bringen. Aber auch das changierende Arbeiten mit unterschiedlichen Klangschichten liegt den Prager Musikern, wie der kurze Andante-Satz beweist, in dem ein fast gewalttätiger Janitscharenmarsch den Lyrismus des Violinparts episodisch unterbricht. Die für das sinfonische Werk so charakteristischen abrupten Stimmungs- und Taktwechsel vermitteln dabei den Eindruck eines pausenlosen Geschehens.

Konventioneller orientalisierender Klangteppich

Während dieses Frühwerk eines 23-Jährigen nachhaltig begeistert, zeigen die beiden anderen sinfonischen Poeme Nr. 2 und 3, dass dem Komponisten in seinem Alterswerk seine expressive Schärfe etwas verloren gegangen ist. Stattdessen hört man hier eher einen konventionellen orientalisierenden Klangteppich heraus, der einem aus filmmusikalischen Kontexten geläufig ist. Auch der folkloristische Gestus ist diesen 2018 entstandenen Werken nicht fremd. Während es sich beim Poem Nr. 2 'Mother's Tears' eher um eine programmusikalische Vignette handelt mit einer vorhersehbaren Rollenverteilung zwischen klagenden Oboen und Klarinetten, schneidenden Schmerz-Glissandi der Blechbläser und Trost spendenden Celli, ist das 3. Poem mit ostinatem Klavier von einer mystischen Spannung getragen. Hier wird eine Morgenstimmung evoziert mit Hornrufen und einem düsteren Ostinato, aus dem sich einzelne Bläsergruppen lösen. Das orchestrale Kaleidoskop aus dem ersten Poem ist hier ziemlich verblasst, die orchestralen Spitzen sind zunehmend eingeebnet und auch das für diese Aufnahme gewählte Antalya State Symphony Orchestra spielt wenig inspiriert und gerade bei den Holzbläsern in der Mitte der Dichtung rhythmisch unpräzise auf. Zudem handelt es sich bei den Poemen 2 und 3 um Live-Aufnahmen, die im Vergleich mit der Prager Aufnahme mit deutlich weniger tontechnischer Sorgfalt aufgenommen und abgemischt worden sind. Dies fällt besonders am Ende des 2. Poems auf, bei der ab 7:29 mehrfaches Husten und eine Vielzahl an Störgeräuschen das Hörerlebnis beeinträchtigen.

Rahbari sollte man trotzdem zukünftig als eine wichtige und interessante Komponistenpersönlichkeit und als einen behutsamen Modernisierer ernstnehmen, dessen Werke das Potential haben, auch die hiesigen Konzertsäle dauerhaft zu erobern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rahbari, Alexander: My Mother Persia vol.1: Paula Rahbari, Prague Metropolitan Orchestra, Alexander Rahbari

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
747313406470


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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