> > > Locus iste: Choir of St. John's College, Andrew Nethsingha
Donnerstag, 21. Januar 2021

Locus iste - Choir of St. John's College, Andrew Nethsingha

Ein Chor von Format


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So feiert man Traditionen und nicht zuletzt auch sich selbst: klangfreudig, frisch, selbstbewusst. Wie viele andere englische College- und Kathedralchöre gehört der Choir of St. John's College Cambridge zu einem Phänomen, das Musikkultur bis heute prägt.

Den 150. Jahrestag der Fertigstellung des Neubaus der Kapelle des St. John‘s College in Cambridge zu feiern, dazu mit der 100. Aufnahme des dortigen Chors – bräuchte man Anlässe, das Können der Formation zu präsentieren, diese Konstellation lüde ganz gewiss dazu ein. Der Leiter des Choir of St. John‘s College, Andrew Nethsingha, hat dafür 15 Sätze zusammengestellt, aus jeder Dekade des Bestehens der Kapelle einen, gleichsam stellvertretend für die Entwicklungen einer bestimmten Zeit. Die Reihe gerät also entsprechend bunt, sie umfasst Anton Bruckner und Sergej Rachmaninow genauso wie Hubert Parry, Charles Villiers Stanford, Gerald Finzi, Francis Poulenc, Benjamin Britten oder Ned Rorem, John Tavener, Jonathan Dove und, als Repräsentanten der Gegenwart, den noch nicht 25-jährigen Nachwuchskomponisten Alex Woolf.

Es gibt also einen klar profilierten englischen Schwerpunkt, mit viel ansprechendem Material, das Klangfreude fordert und fördert, das den Trebles reichlich Gelegenheit zum silbrigen Strahlen gibt, immer wieder angefeuert von einer mächtig wogenden Orgel. Gleichzeitig ist viel differenzierte Substanz zu erleben, auch diese Sphäre mit reichen Möglichkeiten für den Chor. Im Grunde ein schönes Konzertprogramm von etwas mehr als siebzig Minuten – für die Feierlichkeiten in Cambridge besonders geeignet, freilich von überschaubarem Ewigkeitswert.

Lebendige Tradition

 

Aber: Ein glänzender Nachweis der Leistungsfähigkeit des Chors. Prägende Größe sind die sechzehn Diskantisten, die als Trebles den Klang tragen und mit ihrer frischen Präsenz prägen. Gleichzeitig fordern sie die erwachsenen Stimmen – vier Altisten, fünf Tenöre und sieben Bässe – zu gleichfalls engagierter Geste heraus. Diese unmittelbare Beteiligung zeigt sich vor allem im genuin englischen Repertoire: Da blüht das Ensemble auf, zeigt sich im Vollbesitz seiner üppigen Möglichkeiten. Zum Beispiel erweist sich 'Seek him that maketh the seven stars' von Jonathan Dove (geb. 1959) als perfektes Vehikel – ambitioniert und durchaus rau in der Tonsprache, aber auch ungemein sanglich und sinnlich. Solch qualitätvolle und ästhetisch reflektierte, zugleich dem Publikum zugewandte Musik wird im englischen Kontext zuhauf komponiert und gesungen, in Deutschland dagegen kaum.

 

Andrew Nethsingha lässt das Programm in fließend bewegten, nicht gehetzten Tempi musizieren. Dynamisch ist die Anlage hochdifferenziert: Im Forte werden keine Gefangenen gemacht. Daneben gibt es eine Fülle an verhaltenen Stufungen und Akzenten – das Ensemble breitet den Reichtum seiner Möglichkeiten aus. Die Intonation ist durchgehend problemlos, ansprechend auch bei avancierterer Tonsprache. Es ist viel großflächige Linearität zu hören: Der Klangstrom gehört ganz eindeutig zu den Kernkompetenzen des Ensembles. Bei Bruckners 'Locus iste' dagegen scheint auf, dass gelegentlich der Sinn für Struktur dem dringenden Wunsch nach möglichst viel Klang unterliegt. Die im ansonsten überzeugenden Booklet nicht näher beschriebene Orgel erweist sich als farbenreiches Instrument mit starken Grundstimmen und einem wahrhaft üppigen Plenum. Der junge Organist Glen Dempsey macht Begleitung zu einem weiter gefassten Feld und erringt eine gewisse Eigenständigkeit. All das ist in einem schönen Raumklang abgebildet, mit klar und griffig zeichnenden Vokalregistern. Einziges, aber präsentes Manko ist die gelegentlich mangelnde Schlagkraft der Bässe: Das mag besetzungs- oder raumbedingt sein, führt jedenfalls in dichterem Getümmel zu Dysbalancen.

Fazit: So feiert man Traditionen und nicht zuletzt auch sich selbst – klangfreudig, frisch, selbstbewusst. Wie viele andere englische College- und Kathedralchöre gehört der Choir of St. John‘s College Cambridge zu einem Phänomen, das Musikkultur bis heute prägt und für das es hierzulande kein Pendant gibt. Freuen wir uns also, dass wir zumindest mittelbar Anteil daran haben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Locus iste: Choir of St. John's College, Andrew Nethsingha

Label:
Anzahl Medien:
signum classics
1
Medium:
EAN:

CD
635212056721


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