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Sonntag, 20. Oktober 2019

Bach Kantaten - Vox Luminis, Lionel Meunier

Werthaltig


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie bei den Motetten gelingt Vox Luminis mit Kantaten der Bach-Familie eine so bezwingende, so hör- und spürbar zutreffende Deutung, dass man als Hörer beinahe staunend zurückbleibt.

Johann Sebastian Bach war dem künstlerischen Schaffen seiner Verwandten und Ahnen verbunden, hat es geschätzt und gesammelt, hat es aufgeführt, tradiert und den Grundstein dafür gelegt, dass auch Hörer der Gegenwart in den Genuss dieser barocken Kunstwerke kommen können. Sicher: Trotz mancher diskografischen Tat ist diese Musik nicht zum Kernbestand deutscher Barockmusik hinzugetreten, scheint die Spanne zwischen Schütz und Bach maximal Raum für Buxtehude zu lassen – alle anderen, auch Große wie Rosenmüller, Weckmann oder Bernhard, haben sich mit einem Schicksal im fortwährenden ‚Dazwischen‘ abzufinden. Das belgische Ensemble Vox Luminis ist jetzt zum zweiten Mal angetreten, diesem Eindruck zu widersprechen, mit Kantaten der Bach-Familie, einschließlich einer frühen von Johann Sebastian. Schon 2015 hatten sie eine stupend gesungene und gespielte Platte mit den Motetten der Familienmitglieder vorgelegt und Bach, den Thomaskantor, schließlich aus diesem Geist heraus gedeutet – eine maßstäbliche und zu Recht gepriesene Produktion.

Jetzt also Kantaten, oder präziser: solche Werke, die sich als geistliche Konzerte auf den Weg stärkerer Gliederung in Richtung der Kantate barocken Typs machten. Und da sind wiederum hochkarätige Arbeiten zu hören. Der älteste Beitrag ist der von Heinrich Bach (1615–1692). In dem Konzert 'Ich danke dir Gott' ist eingangs eine bemerkenswert klangpralle Sinfonia zu hören, danach viel kontrapunktisch gebrochener Ensemblesatz mit einigen Anforderungen an die Vokalisten; stilistisch steht Heinrich deutlich in der Tradition Heinrich Schütz‘, einschließlich einer souverän disponierten Neigung zur Klangpracht. Von Johann Michael Bach (1648–1694) sind geistliche Konzerte zu hören, die dem Wechsel von vokaler Vollstimmigkeit und solistischer Geste viel Raum geben, die schon spürbar gegliedert sind, mit wachem Sinn für intensive Wortdeutung. Gleichzeitig sind etliche kompakt gesetzte Wendungen zu beobachten, die sich mit kunstfertig-ambitionierten Abschnitten abwechseln.

Echter Hochkaräter vor Johann Sebastian

Johann Christoph Bach (1642–1703) scheint klar der elaborierteste Komponist der Familie zu sein, mit eigenständiger instrumentaler Idiomatik, mit klug entfaltetem dramatischem Potenzial und ungemein sicherer Disposition der affektiven Mittel. Diese Musik ist nochmals deutlicher gegliedert, wenn auch noch nicht in einzelne Sätze geteilt. Vor allem 'Herr, wende dich und sei mir gnädig' und das beschließende 'Es erhub sich ein Streit' sind ungemein plastisch in der Textdeutung und insgesamt von bezwingender Intensität. Ganz klar: Diese hochindividuelle Musik kann Ewigkeitswert beanspruchen. Mit verbaler Zurückhaltung, gleichwohl klar urteilt auch Johann Sebastian über Johann Christoph: Ein ‚profonder Componist‘. Schließlich noch Johann Sebastian selbst, mit BWV 4 'Christ lag in Todesbanden'. Hier frappiert – nicht zum ersten Mal bei entsprechender programmatischer Kombination –, wie sehr Bachs frühe Kantaten ästhetisch aus dem Geist der älteren Musik verständlich und plausibel werden. Zwar ist Bach in all seiner frühen Meisterschaft auch in dieser Kantate schon unverwechselbar. Doch scheint seine Arbeit hier in enger, nachvollziehbarer Verwandtschaft zu den musikalischen Errungenschaften seiner Familie zu stehen.

Stupende musikalische Kunst

Vox Luminis, das ist ein höchst flexibles Vokalensemble, das sich ästhetisch aus der Tiefe der Geschichte zu Bach hin orientiert: Das Wissen aus der Musik von Schütz, Schein oder Scheidt prägt den Blick auch auf das beginnende 18. Jahrhundert. Stilistische Einfühlung und Expertise gehen Hand in Hand; die Stimmen verschmelzen in den allfälligen Ensembles und gewinnen ebenso mühelos individuelles Profil in den solistischen Passagen. Die gar nicht geringen Mittel der Akteure werden hervorragend diszipliniert eingesetzt, was berückende Wirkungen möglich macht: Bei aller zu erlebenden Feinzeichnung sind es immer wieder kraftvolle, kernig substantiierte Gesten, die gefallen. Lionel als singender Ensembleleiter lässt die Musik in frischen Tempi musizieren, gut durchlüftet wirkt die gesamte Szenerie, aber ohne Druck oder äußere Force.

Die zwölf Vokalisten intonieren makellos, aber nicht nur das: Sie haben in der Mischung ihrer Stimmen im Lauf der Zeit ein typisches, unverwechselbares Gepräge gewonnen, das sie auch hier mit Gewinn einbringen. Schließlich: Wenn irgendwo und irgendwann textinspirierte Vokalkunst zelebriert wird, dann hier und von diesem Ensemble. Das ist eine ganz besondere Qualität der Formation. Und mit diesen Möglichkeiten singen sie auch BWV 4. Wie sie dieses Werk im Geist der Älteren singen, das macht ihnen aktuell niemand nach. Wenn solistische Beiträge herauszuheben sind, dann am ehesten die der Sopranistin Zsuzsi Tóth, der Tenöre Robert Buckland und Philippe Froeliger sowie des charaktervollen Basses von Sebastian Myrus.

Entscheidende Größe mit eigener Substanz sind die Instrumente: Vielfältige Streicher, Trompeten, Pauken und ein farbiger Basso continuo. Die Instrumentalisten laden die gelegentlich schmal dimensionierten Partien mit ihrem ganzen Können auf, sind in ihrer Grundgeste vor allem auf Agilität und Plastizität orientiert. Aus dem instrumentalen Geschehen ragt eine Größe heraus: Die wunderbare, 2002 als ästhetischer Nachbau barocker Vorbilder entstandene Thomas-Orgel von Notre-Dame im wallonischen Gedinne. Dank ihrer breiten 8-Fuß-Basis im Hauptwerk, ihrer Größe insgesamt, dank der Farbigkeit ihrer Stimmen und deren Fähigkeit zur klaren Zeichnung gewinnt die Continuo-Sphäre eine fabelhafte Fülle und Präsenz. Solche gelungenen Beispiele sind für die historisch informierte Praxis noch immer wichtig, denn sie zeigen, wie die Orgel – die große, keine Truhe – musikpraktisch vermutlich tatsächlich einbezogen wurde. Die Orgel ist zudem glücklich in den Klang integriert, mit einer angemessen weiten Räumlichkeit bei gleichzeitiger Konzentration.

Wieder einmal also Bach und seine – nicht nur musikalischen – Ahnen. Und wie bei den Motetten gelingt Vox Luminis eine so bezwingende, so hör- und spürbar zutreffende Deutung, dass man als Hörer beinahe staunend zurückbleibt. Beglückend und rundum zu empfehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach Kantaten: Vox Luminis, Lionel Meunier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
07.06.2019
Medium:
EAN:

CD
5400439004016


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Bach, Heinrich
Bach, Johann Christian
Bach, Johann Michael
Bach, Johann Sebastian


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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