> > > Leifs, Jón: Edda, Part II: Iceland Symphony Orchestra, Hermann Bäumer
Samstag, 26. November 2022

Leifs, Jón: Edda, Part II - Iceland Symphony Orchestra, Hermann Bäumer

Mythische Orchesterglut aus dem hohen Norden


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein wichtiges musikgeschichtliches Dokument aus der Welt nordischer Mythen, das auf seine Art dem Hörer den luxuriösen Hörgenuss einer alternativen nordischen Moderne bietet.

Das schwedische BIS Label hat sich größte Verdienste um die Einspielung der Werke des isländischen Nationalkomponisten Jón Leifs (1899-1968) erworben. Insgesamt 13 Einspielungen, darunter zahlreiche Weltersteinspielungen, sind inzwischen erschienen. Besonders ambitioniert ist das aus drei Teilen bestehende Edda-Oratorium, das textlich auf Quellen des 13. Jahrhunderts beruht und sich musikalisch in eine fast ebenso archaische Welt jenseits eines westlichen harmonischen Systems bewegt. Dass wir es hier mit einem Opus magnum zu tun haben, lässt allein der Umstand erkennen, dass sich der Komponist mit Unterbrechungen über 30 Jahre bis zu seinem Tod mit dem Werk auseinandersetzte.

Der 2. Teil des Edda-Oratoriums liegt jetzt als SACD und Weltersteinspielung in Form eines Mitschnitts aus dem Jahr 2018 mit dem Isländischen Sinfonieorchester unter Hermann Bäumer vor. Der Komponist verstand es als einen ambitionierten Gegenentwurf zu Wagners Gesamtkunstwerk, gewissermaßen als authentisches Gegenbild zur kulturellen Vereinnahmung der nordischen Mythologie. Das Orchester entfesselt eine hochspannende musikalische Beschreibung des Götterpantheons, vom Göttervater Odin über die weiblichen Göttinnen Frigg und Freyja bis hin zu den rasenden Walküren.

Dabei gibt es immer wieder Überraschungsmomente: Während die Gesangslinien im Bass und Sopran eher konventionell opernhaft herüberkommen, so wird im Tenorpart, gesungen mit hell leuchtendem Timbre von Elmar Gilbertsson, gleich zu Beginn ein sehr nicht opernhafter Naturjodler gefordert, ein Wechsel aus der Brust- in die Kopfstimme, der dann von Chor und Trompeten aufgegriffen wird. Auch das starke perkussive Element in der Partitur mit einem reich besetzten Schlagwerk, das teils fast gewaltsam erscheint, und die damit einhergehenden motorischen Steigerungen irritieren den Klassikhörer zunächst. Der Chor, die eindrucksvoll sauber intonierende Schola Cantorum, ist in vielerlei Rollen vokal tätig: teils wie im zweiten Satz des Werks in einer griechischen Tragödie deklamierend, teils als atmosphärische zusätzliche Klangebene fungierend, oder als dramatischer Initiator musikalischer Ausbrüche.

Knisternde Spannung

Der Walkürenritt bei Leifs ist - bei fast gleicher Wagner-Länge - kondensiert auf gewalttätige knappe drei Minuten. In diesen springen die Furien nicht nur perkussiv durch Pauken und Bläser in höchsten Lagen, sondern finden sich auch im atemlos deklamierenden Chorgesang wieder. Besonders gespenstisch dicht erweist sich der fünfte Satz: Hier bohrt sich der Klangkörper aus höchsten Streicherlagen in die tiefsten Abgründe des Holz- und Blechbläserapparats und erzeugt so eine knisternde atmosphärische Spannung. Mit einem perkussiven Donnergrollen, aus dem sich die im Saga-Text beschworenen 800 Krieger aus einem Himmelstor in den Kampf mit wilden Wölfen stürzen, bildet den Abschluss dieses singulären Werks.

Paradoxerweise ist die Zugänglichkeit des Stückes gerade aufgrund seines authentischen Anspruchs stark eingeschränkt: aufgrund seiner Klangwelt, die Brüche einer organischen Verarbeitung musikalische Motive vorzieht, und eines durchgehend isländischen Textes – zudem müssen die Klangmassen auch erst einmal bewegt werden. Trotzdem handelt es sich um ein wichtiges musikgeschichtliches Dokument, das auf seine Art dem Hörer den luxuriösen Hörgenuss einer alternativen nordischen Moderne bietet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Leifs, Jón: Edda, Part II: Iceland Symphony Orchestra, Hermann Bäumer

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
29.05.2019
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599924205


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Leifs, Jón


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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