> > > Saariaho, Kaija: True fire, Trans, Ciel d'hiver: Finnish Radio Symphony Orchestra, Hannu Lintu
Freitag, 4. Dezember 2020

Saariaho, Kaija: True fire, Trans, Ciel d'hiver - Finnish Radio Symphony Orchestra, Hannu Lintu

Auf der Suche nach Tiefe


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Emanzipation der Harfe ist der Finnin Kaija Saariaho in einem Solokonzert eindrucksvoll gelungen. Schwer widerstehen kann man auch ihrem Liederzyklus 'True Fire', in dem der Bariton Gerald Finley über das Ende der Zeit eindrücklich brilliert.

Die Harfe als gestaltende Protagonistin eines ganzen Solokonzerts? Die Harfe als veritables Instrument der zeitgenössischen Musik, fähig zu allen erdenklichen Klangfarben und Spieltechniken? Die finnische Komponistin Kaija Saariaho hat sich dieser Herausforderung mit ihrem Konzert 'Trans' 2015 gestellt und auf ganzer Breite mit dem Klischee eines Instruments gebrochen. In einer bei Ondine erschienen Einspielung des Konzerts mit dem Solisten Xavier de Maistre und dem Finnischen Radiosinfonieorchester unter Hannu Lintu kann man diesen gelungenen Imagewandel nachvollziehen. So kraftvoll, motorisch vorwärtstrieben hat man selten zuvor in die 47 Saiten der Harfe gegriffen. Selten wurde an den Saiten so viel klanglich ausprobiert, so viel intonatorisch gespielt und selten hat man die Bass-Saiten der Harfen so metallisch perkussiv geschlagen. Das Instrument ist in der 23-minütigen Komposition kaum wiederzuerkennen und das liegt vor allem auch daran, dass Saariaho die Harfe durch eine kleine Orchesterbesetzung bewusst freistellt, sie von jeglichem Virtuosentum entbindet und ihr somit, wie es scheint, eine Jahrhundertlast abnimmt.

Das Orchester, das höchst feinfühlig und kammermusikalisch agil aufspielt, verbindet sich dabei in geradezu symbiotischer Art und Weise mit dem Harfenpart, indem Glocken, Xylophone oder Streicherpizzicati immer wieder kompositorische Ideen aufnehmen, anverwandeln und transformieren. Viel zu dieser emanzipatorischen Aufgabe trägt der Solist Xavier de Maistre bei, der nicht nur den hochkomplexen Solopart phänomenal meistert, sondern es immer wieder schafft, die gestalterische Kraft der Harfe einzubringen, etwa wenn er sich in der Eröffnungssequenz des 2. Satzes in mikrotonale Sequenzen verwickelt oder auf einmal wie auf einer japanischen Wölbbretzither Koto zu spielen scheint. In diesem außerordentlich spielerischen Werk, das auch als Zuhörer ausgesprochen Spaß macht, geht es also überhaupt nicht um Virtuosentum, sondern um kompositorische Tiefe und vor allem um die Suche nach dem Charakter des Instruments Harfe in seiner ganzen Vielschichtigkeit.

Packende Intensität

Über eine ebensolche Tiefe verfügt der Vokalzyklus 'True Fire', einem Showpiece für Bariton, das zumeist von einem statisch grundierenden oder in verschiedenen Klangfarben dezent schillernden Orchestersatz begleitet wird. Gerald Finley beweist mit seiner profunden, samtweichen Stimme in sechs Sätzen, die sich um das Themenfeld Mensch, Existenzialität und Natur drehen, dass diese Musik einen großen Bogen und packende Intensität braucht, um gehört zu werden. Dabei erfüllt er den Auftrag der Komponistin auf kongeniale Weise, der es auch hier nicht um virtuose Bravour, sondern um Einfühlungsvermögen und die präzise Abstufung vokaler Timbres geht. In einigen Stücken wie einem Wiegenlied aus New Mexico folgt er dem vorgegebenen Flow der Musik, in anderen Stücken wie dem 3. und 5. Satz zelebriert er das Innehalten in rezitativischen Momenten.

Saariaho ist auch hier eine beindruckende Aktualisierung eines recht ehrwürdigen Genres der Musikgeschichte gelungen – eines Liederzyklus. Durch die Auswahl ihrer Texte, aber auch einer ebenso zugänglichen wie emotional aufgeladenen Klangsprache lädt sie den Hörer zu reflektieren ein über den aktuellen Zustand unserer Welt – einer Einladung, der man gerade in Zeiten einer globalen Pandemie besonders aufgeschlossen gegenübersteht. Besonders verdichtet sich das musikalische Geschehen in einem paradoxen Wiegenlied der Tewa aus New Mexico, in dem gleichzeitig ein Kind besänftigt und ein aufziehendes Gewitter poetisch besungen werden soll. Daraus kreiert die finnische Komponistin einen tänzerisch-jazzigen Flow, in dem sich das Orchester besonders farbenfroh gebärdet: Da wird der Regen tonmalerisch beschrieben, da werden die Holzbläser kurz wie Panflöten geblasen und die Marimba sorgt für die Blue notes, während der Bariton mal flüsternd, mal aufbrausend das Kind zur Ruhe ermahnt. Das Gegenstück dazu bildet gewissermaßen ein Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish über das Ende der Zeit. Hier artikuliert der Bariton die schmerzlich eindringlichen Worte in einem bitteren Rezitativ, das immer wieder von dissonanten Rufen in den hohen Lagen der Holzbläser pathetisch verstärkt wird. Eine Musik, der man in ihrer Raffinesse und ihrer eindringlichen Botschaft nur schwer widerstehen kann.

Abgerundet wird das Programm auf dieser rundum begeisternden CD durch eine Version des Stückes 'Orion' – ein orchestraler Blick in den Sternenhimmel. Das Finnische Radiosinfonieorchester spannt hier eine große orchestrale Tiefe auf von Piccolo-Flöten und Celesta bis in die tiefsten Blech- und Kontrabasslagen und man hat wirklich den Eindruck, dass man auf den Spuren von Ligeti in kosmische Tiefen hineinhören könne.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Saariaho, Kaija: True fire, Trans, Ciel d'hiver: Finnish Radio Symphony Orchestra, Hannu Lintu

Label:
Anzahl Medien:
Ondine
1
Medium:
EAN:

CD
761195130926


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Saariaho, Kaija


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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