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Freitag, 13. Dezember 2019

Verdi, Giuseppe: I due foscari - Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Ivan Repusic

Vokale Schwankungen


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ivan Repusic erweist sich in Verdis 'I Due Foscari' wieder einmal als leidenschaftlicher Operndirigent. Der Mitschnitt kann allerdings auf Grund der Solistenriege nur bedingt überzeugen.

Der Bayerische Rundfunk hat beim hauseigenen Label nach der soliden 'Luisa Miller' vor zwei Jahren mit einer weiteren konzertanten Verdi-Oper nachgelegt: 'I due Foscari' – mehr oder weniger früher Verdi von 1844, direkt nach dem Erfolg des 'Ernani'. Die Handlung um Venedigs Dogen Francesco Foscari und seinen angeklagten Sohn nebst liebender Ehefrau gehört sicherlich nicht zu den mitreißendsten Geschichten, was auch die überschaubare Dichte an 'Foscari'-Produktionen auf Bühnen und auf dem Plattenmarkt widerspiegelt. Dafür gibt es in den 'Due Foscari' eine Großportion an melodienreicher und kraftvoller Verdi-Musik, die teils zu Unrecht im Schatten populärerer Werke des Komponisten steht. Wie dem auch sei: Es lohnt sich durchaus, ein Ohr in die 'Foscari' zu werfen. Und weil neben einer einzigen Studioaufnahme und einer frühen RAI-Rundfunkproduktion nur wenige Livemitschnitte der Oper greifbar sind, ist die vorliegende BR-Veröffentlichung mehr als willkommen.

Grandseigneur

Beim Hören dieser Livemontage aus Konzerten im November 2018 in München und Budapest hält sich die Begeisterung allerdings in Grenzen. Das liegt in erster Linie an der unausgewogenen Solistenriege. Das Zugpferd der Einspielung ist mit Sicherheit Leo Nucci als Francesco. Mit seinen 76 Jahren verleiht er der Figur absolut glaubwürdiges Profil. Einfühlsam geht er zu Werke und es gelingt ihm, die emotionale Zerrissenheit des Vaters und Dogen eindrücklich in Farben und Ausdruck zu gießen. Stimmlich hat der Grandseigneur aber seine beste Zeit hörbar hinter sich. In vielen Phrasen schwebt die Erinnerung an die prachtvolle Verdi-Stimme mit, aber obwohl er sich bemüht, das Altersvibrato bemerkenswert im Griff zu haben, kann die Interpretation nicht über klangliche Defizite hinwegtäuschen. Im Konzertsaal war der Auftritt Nuccis in dieser Rolle vermutlich ein überwältigendes Erlebnis, aber auf CD kommt er zu spät. Ein inoffizieller Mitschnitt aus dem Jahr 2000 in Parma zeigt, was Leo Nucci mit dieser Partie vokal erreichen konnte. Bei dieser BR-Veröffentlichung braucht es guten Willen der Zuhörer, die Leistung angemessen zu würdigen.

Dramatische Einfärbungen

Die übrigen Solisten liefern eine Gratwanderung zwischen schönen, souveränen Momenten und jenen, die sie an ihre stimmlichen und interpretatorischen Grenzen führen. Bestes Beispiel hierfür ist die Sopranistin Guanqun Yu als Lucrezia. Mit vorbildlichem Legato und Tonschönheit bedient sie die lyrischen Passagen ihrer Partie und entscheidet sich recht überraschend für plötzliche dramatische Einfärbungen, die einer anderen Stimme anzugehören scheinen. Dazwischen gibt es wenig. Während ein dramatischer Verdi-Sopranton angeschlagen wird, ist auch ein etwas künstlich anmutendes Vibrato nicht weit, und sobald die Sängerin wieder leichtfüßiger zu Werke geht, neigt die Interpretation zu Blutarmut. Das ist in einigen Momenten durchaus effektvoll, wie in den Finali, in denen Guanqun Yu mühelos alles überstrahlt, aber auf Dauer bleibt die Figur auch recht uninteressant.

Ivan Magrì als Jacopo verfügt da über weitaus attraktivere stimmliche Mittel. Das helle Timbre passt hervorragend zum jungen Foscari, aber auch sein Rollenporträt bleibt eher äußerlich – schön gesungen mit einer Prise Expressivität. Die Höhe springt in seiner Cavatine im ersten Akt noch nicht frei an, erst im großen Duett des zweiten Aktes findet Magrì zu souveräner Gestaltung. Miklós Sebestyéns kerniger Bass verleiht dem Loredano zumindest Gewicht, wenn er schon sonst wenig in Erscheinung tritt. Bernadett Fodor als tadellose Pisana und István Horváth als Barbarigo komplettieren das Ensemble.

Feuriges Dirigat

Was bei allen vokalen Schwankungen konstant Freude macht, ist das feurige Dirigat von Ivan Repušić. Er erweist sich wieder einmal als leidenschaftlicher Operndirigent, der in den Ensembles schwelgt, prägnante rhythmische Grundierung bietet und das Drama befeuert. Auch die feinen Zwischentöne lässt er nicht außer Acht, wenngleich sie von einigen Sängern nicht gerade effektvoll in Empfang genommen werden. Das Münchner Rundfunkorchester glänzt unter Repušićs Leitung als erstklassiges Opernorchester und auch der Chor des Bayerischen Rundfunks macht seinem Renommee alle Ehre.

Ein Libretto liegt der Doppel-CD leider nicht bei, dafür gibt es einen klugen und lesenswerten Artikel zu Werk und Musik im Beiheft. Im Ganzen macht dieser Mitschnitt Lust auf Verdis erste Dogen-Oper, aber dann eher wieder mit dem Griff auf die alte Gardelli-Einspielung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdi, Giuseppe: I due foscari: Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Ivan Repusic

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
05.07.2019
101:40
2018
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719003284
900328


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Verdi, Giuseppe


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"Nach Giuseppe Verdis Oper „Luisa Miller“, mit der Ivan Repušić am 24. September 2017 seinen Einstand als Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters gab (die Gesamtaufnahme wurde bei BR Klassik bereits auf CD 900323 veröffentlicht), präsentiert er jetzt ein weiteres der weniger bekannten Meisterwerke des italienischen Opernkomponisten. Die konzertante Aufführung von Verdis frühem Bühnenwerk „I due Foscari“ wurde am 25. November 2018 – gleichfalls im Münchner Prinzregententheater – mitgeschnitten. Wieder sorgen hervorragende Interpreten für authentisches Fluidum und vokale Klangpracht; für die Partie des Dogen von Venedig konnte kein Geringerer als der vielfach ausgezeichnete italienische Bariton Leo Nucci gewonnen werden. Ein Höhepunkt des Münchner Musiklebens vom Ende des vergangenen Jahres erscheint nun bereits bei BR Klassik als Doppel-CD. Verdis frühes Meisterwerk „I due Foscari“ war die erste seiner Opern, die er für das renommierte Teatro Argentina in Rom schrieb. Schon für einen früheren Auftrag des Teatro La Fenice in Venedig hatte er sich mit dem Stoff – Lord Byrons Drama „The two Foscari“ – beschäftigt; schließlich war dort aber im März 1844 sein „Ernani“ herausgebracht worden. Nachdem im Herbst des gleichen Jahres ein erstes Sujet von der römischen Zensur abgelehnt worden war, kam Verdi auf die „Foscari“ zurück und ließ sich von Francesco Maria Piave, der bereits das Libretto zu „Ernani“ geliefert hatte und ihm später weitere berühmt gewordene Operntexte dichten sollte, den Text schreiben. Verdis Partitur bebildert in barkaroleartigen Rhythmen die Lagunenstadt; erstmals verwendete er auch thematische Reminiszenzen in seiner Musik. Obgleich die Uraufführung am 3. November 1844 nur mäßig erfolgreich war und sich Verdi später sogar von seinem Werk distanzierte, sollte die Oper bis in die 1870er Jahre hinein häufig aufgeführt werden; in den frühen 1950er Jahren wurde sie wiederentdeckt und gehört seitdem zum internationalen Opernrepertoire. Bei der konzertanten Aufführung (in italienischer Originalsprache) im Münchner Prinzregententheater wurde – so die Fachpresse – „die Erkenntnis umjubelt, dass schon 1844 ein junger italienischer Komponist mit seinem Librettisten in der eigenen Geschichte ein erschütterndes Beispiel fand und daraus eine Oper formte, die nur bislang selten gespielt wird – wenn man es nicht macht wie das Münchner Rundfunkorchester, unterschätzte Musiktheaterwerke durch Maßstäbe setzende Aufführungen zu beleben: nun also Giuseppe Verdis ‚I due Foscari‘. Inmitten der Gärungen vor der Revolution von 1848 entlarven Francesco Maria Piave und der 31jährige Verdi ein politisches Ränkespiel des Jahres 1457, aus der Blütezeit der Seemacht Venedig.“ (nmz) – Ivan Repušić dirigiert einen echten Theater-Verdi: vital, robust, feurig und höchst lebendig. "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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