> > > Schumann, Robert: Fantasiestücke, Humoreske: Jörg Demus, Klavier
Freitag, 15. November 2019

Schumann, Robert: Fantasiestücke, Humoreske - Jörg Demus, Klavier

Legendäre Schumann-Interpretation


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein würdiges Memento für Jörg Demus ist diese Schumann-Platte, die leider zu kurz geraten ist.

Als Schumann-Interpret war der im April verstorbene Jörg Demus legendär. Seine Gesamteinspielung des Klavierwerks auf Intercord (auf Nuova Era wiederveröffentlicht) wurde lange Jahre zum Maßstab für fast alle Neuveröffentlichungen, und nur das nicht so renommierte Plattenlabel hat bewirkt, dass er nicht das Renommee erlangen konnte, das er verdiente. 1984 hat Demus für Dabringhaus & Grimm (MDG) Schumanns 'Fantasiestücke' op. 12 und die 'Humoreske' op. 20 auf einem Hammerflügel von Conrad Graf (um 1835) eingespielt, eine Einspielung, die nicht nur die Verwendung von historischen Instrumenten bei Schumann einläutete – vor allem eine musikalisch und klanglich vorbildliche Interpretation der beiden Werke, die in den Augen des Rezensenten selten überboten worden ist.

Facettenreicher Klang

Der Graf-Flügel verfügt über eine Vielzahl an klanglichen Schattierungen, die Schumanns musikalische Fantasie auf das Treffendste wiederspiegeln (jeder moderne Flügel ‚verflacht‘ da fast unweigerlich die Musik). In der Wiederveröffentlichung scheint der Klang des Hammerflügels noch facettenreicher als in den früheren Veröffentlichungen – silbrig-hell im Diskant, klar, ‚rollend‘ im Bass. Demus weiß alle Pedale des Instruments (auch den Moderator) klug einzusetzen, so gelingen ihm Interpretationen, die auch seine eigenen Interpretationen auf modernem Flügel hinter sich lassen. Schumanns Musik singt, poltert, strahlt, säuselt, steigert sich, ganz nach Bedarf. Technische Schwierigkeiten kannte Demus nicht, vermittelt allerorten den Überschwang des jungen Schumann; auch wusste er, wo die Musik Rubato verträgt und wo nicht. Vor allem macht er auch die Logik der einzelnen Teile seiner 'Humoreske' op. 20 auf glücklichste Weise deutlich – einer Komposition, die wie die 'Fantasiestücke' für die Klaviermusik des späteren 19. Jahrhunderts von großer Bedeutung werden sollte.

Der Inhalt des Booklets der Originalveröffentlichung hat sich in der Neugestaltung kaum verändert (vor allem vermisst man immer noch die exakten Aufnahmedaten, und ein Foto des Hammerflügels fehlt). Und warum, muss man fragen dürfen, wurde das Gemälde auf dem Cover durch ein sehr ähnliches ausgetauscht? So vermittelt sich dem Sammler, der vielleicht die ältere CD-Ausgabe schon hat, der Eindruck, da gäbe es doch noch eine Veröffentlichung mit ihm bislang unbekannten Schätzen, vielleicht gar mit Bonustracks (etwa den drei Einzelklavierstücken von Schumann, die Demus 1965 für die deutsche Harmonia mundi auf einer Short Playing Disc, also einer sogenannten Single vorgelegt hatte und die meines Wissens nie auf CD veröffentlicht worden sind). Aber das sind winzige Einschränkungen. Hier haben eine Veröffentlichung, die würdig des Pianisten gedenkt und ihn – wenn nicht schon längst geschehen – im Schumann-Himmel als Fixstern platziert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Fantasiestücke, Humoreske: Jörg Demus, Klavier

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD
760623015026


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Schumann, Robert


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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