> > > Barber, Samuel: Vanessa: London Philharmonic Orchestra, The Glyndeboure Chorus, Kevin Lin
Dienstag, 19. November 2019

Barber, Samuel: Vanessa - London Philharmonic Orchestra, The Glyndeboure Chorus, Kevin Lin

Eine Liebeserklärung


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Glyndebourner Produktion von Samuel Barbers 'Vanessa' ist in jeglicher Hinsicht ein Glücksfall.

Genau das ist es, was Dirigent Jakub Hrůša, Regisseur Keith Warner und das Glyndebourner Ensemble mit Samuel Barbers 'Vanessa' liefern: eine Liebeserklärung an ein Werk, in dem Liebe tragisch zu kurz kommt, sie sogar eher mit Skepsis formuliert. Alle Beteiligten dieser Produktion vom August 2018 in Glyndebourne stehen zu einhundert Prozent hinter der viel zu oft vernachlässigten Oper aus dem Jahr 1958. Der einstige Erfolg der 'Vanessa' war schnell verhallt und bis heute hat es das Werk schwer in den Spielplänen. Vergessen war es aber nie. Immer wieder wagten sich Opernhäuser oder Festivals daran, vor allem dann, wenn die Titelpartie prominent besetzt werden konnte: Nach Eleanor Steber glänzten beispielsweise Johanna Meier beim Spoleto Festival, Sabine Passow 2009 in Malmö oder auch Anfang der 2000er-Jahre Kiri Te Kanawa in der zwiespältigen Rolle. Ins Studio hat es die Oper gerade zweimal geschafft.

Wenn man 'Vanessa' mit heutigen Ohren hört, dann hat man es vermutlich leichter, die Schönheiten der Partitur, die Tiefe des Ausdrucks, die musikalische Sprache Samuel Barbers zu würdigen. Was 1958 als unzeitgemäß, ja rückwärtsgewandt kritisiert wurde, ist mittlerweile ein Teil der Operngeschichte, der selbstbewusst für sich stehen kann. 'Vanessa' verfügt gleichzeitig über ein starkes Libretto von Gian Carlo Menotti, dessen Kraft in der großen Musikalität, der Wirkung des Unausgesprochenen liegt. Was die Figuren antreibt, ihre Qualen, ihre Sehnsüchte – all das bleibt in weiten Zügen ein Geheimnis, von dem einzig die Musik erzählt oder das eine Umsetzung im Bild erfordert.

Kongeniale Umsetzung

Und genau das gelingt in der vorliegenden Produktion aus Glyndebourne, die auf einer DVD beim Label Opus Arte erschienen ist, geradezu kongenial. Keith Warner und sein Ausstatter Ashley Martin-Davis kreieren einen bedrückenden, kühlen Raum, der bei aller Abstraktion eine recht konkrete historische Verortung im Jahrzehnt vor der Uraufführung der 'Vanessa' findet. Zwei riesenhafte mobile Bilderrahmen fungieren als Spiegel, Fenster oder Bilder, die neue Räume schaffen und zugleich Ein- und Ausblicke in andere Räume, Seelenlandschaften und Erinnerungen ermöglichen. Hier nutzt Warner jede Gelegenheit, mehr über die Figuren und ihre Lebensgeschichte zu erzählen, als es Menotti und Barber tun. Und das Konzept geht restlos auf. Es ist ein Theater der Blicke, der kleinen Gesten mit einer natürlichen Personenführung, die allen Beteiligten Freiheit lässt, aber auch allzu naturalistisches Gewusel verhindert. Die entstehenden Bilder und Situationen brennen sich geradezu ein, wie der Beginn des zweiten Aktes mit personalisierten Blicken der drei Frauen in ihre Vergangenheit bzw. in eine dunkle Zukunft, die sich unerbittlich drehenden Wände bei Erikas Erinnerung an den Verlust ihres ungeborenen Kindes, der erhellende und schockierende Blickwechsel zwischen der alten Baronin und dem Arzt – eine Sekunde, die uns erzählt, dass Erika vermutlich Vanessas Tochter ist, ein Umstand, der beiden Frauen verborgen bleibt. Vieles in diesem Seelentheater bleibt unausgesprochen und wird so erdrückend groß, auch wenn es zeitweise überraschende Situationskomik gibt. Das hat Thriller-Qualitäten und eine ungeheure Sogwirkung.

Hervorragendes Ensemble

In dieser atmosphärisch dichten und fesselnden Umsetzung fällt den Solisten die Hauptaufgabe zu, ihre Figuren mit größtmöglicher Glaubwürdigkeit zu verkörpern, was ausnahmslos gelingt. Als sensationell ist hier die Leistung der Mezzosopranistin Virginie Verrez als Erika zu bezeichnen. Hier treffen jugendliche Stimmfrische, ein golden warmes Timbre, absolute Identifikation mit der Rolle und die Fähigkeit zur vokalen dramatischen Zuspitzung entwaffnend aufeinander. Von ihrer anrührenden Arie ‚Must the winter come so soon‘ bis hin zu den expressiven Linien des letzten Aktes dominiert Verrez die Aufzeichnung und macht Erika zur eigentlichen Hauptfigur. Ganz so viel stimmlichen Glanz verströmt Emma Bell als Vanessa nicht, aber sie steht der Kollegin in Sachen Expressivität und Identifikation in nichts nach. Bells Stimme ist ein üppiger, glutvoller Sopran, dem die weiten Bögen von Barbers Melodien bestens liegen. Die Sängerin beweist langen Atem, stößt nie an ihre Grenzen. Einzig ihre Farbpalette ist etwas eingeschränkt, was sie durch ihre furchtlose, authentische Interpretation und flammende Passagen wieder wettmacht.

Edgaras Montvidas ist der junge Anatol. An Mozart geschult, ist sein eigentlich lyrischer Tenor von beeindruckender Eleganz und zugleich enormer Durchschlagskraft. Ganz im Sinne der Rolle agiert er als glanzvoller Blender, verführerisch im Klang und sportiv in der Erscheinung. Es ist erschreckend leicht, diesem Anatol zu verfallen. Montvidas singt Barbers Musik mit so großer Leichtigkeit und Schmelz, dass er manchmal gar wie ein ‚Grenzgänger vom Broadway‘ klingt. An einigen Stellen fühlt man sich an Jerry Hadley erinnert und staunt beispielsweise im Duett des zweiten Aktes über die harte Kühle in Montvidas Stimme, das klingende Testosteron.

Kultivierte Stimmführung

Die vokal wenig in Erscheinung tretende Old Baroness wird von Altmeisterin Rosalind Plowright mit enormer Bühnenverdrängung und immer noch eindrücklicher stimmlicher Disposition verkörpert. Was für eine Präsenz, was für eine Fähigkeit, mit wenigen Worten und Blicken eine Marke zu setzen! Und Donnie Ray Albert gibt mit prachtvollem Bass den sympathischen und nicht weniger geheimnisvollen Old Doctor, der in Warners Lesart vermutlich eine unmögliche Liebe zur alten Baronin zu bewältigen hat. Als Nicholas bleibt der junge William Thomas in Gestalt und kultivierter Stimmführung im Gedächtnis.

Das London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Jakub Hrůša spielt leidenschaftlich auf, bricht eine unüberhörbare Lanze für Barbers Partitur. Satte Streicherklänge, wunderbare Bläser und virtuose Perkussion machen Eindruck und verhindern, trotz bisweilen schwelgerischer Emphase, dass 'Vanessa' in Richtung Kitsch abgleiten könnte. Es ist ein kunstvolles Spiel zwischen den Welten, eine hochemotionale Oper auf dem schmalen Grat zwischen Tradition und persönlichem Ausdruck – egal zu welcher Zeit, ob 1958 oder 2018. Und somit wirkt 'Vanessa' heute in hohem Grade zeitgemäß – eine Erkenntnis, die einen beim Hören oder Sehen dieses Werks immer wieder aufs Neue überkommt. Vielleicht ist ja genau das das Schicksal von Barbers Oper: Warten, bis zumindest momentanes Glück in Reichweite steht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Barber, Samuel: Vanessa: London Philharmonic Orchestra, The Glyndeboure Chorus, Kevin Lin

Label:
Anzahl Medien:
Opus Arte
1
Medium:
EAN:

DVD
809478012894


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